DHZ-Gespräch mit Autoexperte Stefan Bratzel zu den derzeitigen Problemen der Automobilindustrie
Interview: Karin Birk
„Das Kfz-Handwerk leidet besonders“
DHZ: Herr Professor Bratzel, in der Autoindustrie werden die Rufe nach dem Staat immer lauter. Benutzen nicht viele Autobauer die Finanzkrise als Vorwand?
Bratzel: In der Tat haben einige Hersteller schon länger massive Strukturprobleme, die mit der Finanzkrise nichts zu tun haben. Manche Autobauer haben über Jahre die falsche Modellpolitik gemacht, zu wenig auf ihre Kosten geachtet und die Zusammenarbeit mit ihren Händlern vernachlässigt. Diese Probleme werden jetzt durch die Finanzkrise wie durch einen Katalysator erheblich verstärkt.
DHZ: Was heißt das für die Autoindustrie im kommenden Jahr? Wird es zu Zusammenbrüchen kommen?
Bratzel: Zu Zusammenbrüchen könnte es vor allem bei den US-amerikanischen Herstellern General Motors, Ford und Chrysler kommen, sollte dort der Staat nicht massiv eingreifen. Sie haben seit Jahren große Probleme, die jetzt noch verschärft werden. Viel zu lange haben sie auf große Spritsäufer gesetzt und anders als etwa Toyota in guten Zeiten zu wenig auf interne Kosten geschaut. Auch hier zeigt sich wieder, dass Unternehmen rechtzeitig und schnell auf veränderte Märkte reagieren müssen. Deutsche Hersteller wie BMW, Mercedes machen dies derzeit vor.
DHZ: Wie wird sich die Nachfrage in Deutschland verändern?
Bratzel: 2009 wird das schlechteste Jahr seit der Wiedervereinigung werden. 2008 rechnen wir noch mit einem Absatz von knapp 3,1 Millionen Neufahrzeugen. Im kommenden Jahr werden es dagegen nur 3,0 Millionen oder noch weniger sein, je nachdem wie stark die Rezession ausfällt und welches Hilfspaket geschnürt wird. Auch weltweit werden wir deutliche Einbußen haben: Einen Absatz von knapp 60 Millionen Fahrzeugen wie in diesem Jahr werden wir 2009 nicht mehr erreichen. Vor allem in den USA wird der Absatz von 16 Millionen im Jahr 2007 auf weniger als 14 Millionen 2008 und rund 13 Millionen 2009 zurückgehen. Das bekommen jetzt schon BMW und Mercedes deutlich zu spüren. Zudem wird sich auch das Wachstum in den immer wichtiger werdenden Märkten China und Russland verlangsamen.
DHZ: Müssen wir mit Arbeitsplatzverlusten rechnen?
Bratzel: Wenn Absatzmärkte schrumpfen, werden auch die Arbeitsplätze bei Autoherstellern und Zulieferern nicht verschont bleiben. Wir rechnen damit, dass von den rund 750.000 Arbeitsplätzen in den nächsten ein bis zwei Jahren rund fünf bis zehn Prozent wegfallen könnten. Das ist hart, aber notwendig.
DHZ: Welche Folgen sehen Sie für das deutsche Kfz-Handwerk?
Bratzel: Das Kfz-Handwerk ist von der Krise besonders betroffen. Nachdem die Zahl der Betriebe zwischen 2000 und 2007 schon um 15 Prozent zurückgegangen ist, rechne ich mit weiteren Betriebsaufgaben und Insolvenzen. Dies gilt vor allem für die Betriebe, die schon seit längerem mit weniger als 0,5 Prozent Rendite am Rande der Profitabilität arbeiten. Sie müssen nicht nur eine geringere Nachfrage verkraften. Viele kommen auch wegen ihrer häufig geringen Eigenkapitaldecke nur noch schwer an weitere Kredite.
DHZ: Was halten Sie von der jüngst beschlossenen Aussetzung der Kraftfahrzeugsteuer?
Bratzel: Wer ein Auto für 25.000 Euro kauft, für den sind Steuerersparnisse von 150 bis 200 Euro im Jahr kein Argument. Hier handelt es sich um symbolische Politik, die den Absatz wenig ankurbeln, wohl aber zu erheblichen Mitnahmeeffekten führen wird. Wichtiger ist es, für verlässliche Rahmenbedingungen zu sorgen. Potenzielle Autokäufer müssen z.B. endlich wissen, wie die künftige CO2-basierte Kraftfahrzeugsteuer genau aussieht und wann sie kommt. Das würde die Unsicherheit von Pkw-Käufern schon erheblich reduzieren.
