„Die Arbeitslosigkeit wird steigen“

DHZ-Gespräch mit Sabine Klinger zur Entwicklung des Arbeitsmarktes

Interview: Karin Birk

Sabine Klinger, Konjunktur- und Arbeitsmarktexpertin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.Foto: IAB

„Die Arbeitslosigkeit wird steigen“

DHZ: Frau Klinger, noch sind die Zahlen am Arbeitsmarkt gut, wann müssen wir mit negativen Folgen aus der Finanzkrise rechnen?

Klinger: Spätestens im zweiten Halbjahr 2009 werden wir die Folgen der Finanzkrise auf dem Arbeitsmarkt zu spüren bekommen. Wegen der allgemeinen konjunkturellen Abschwächung wird die Arbeitslosigkeit aber wohl schon früher wieder steigen. Dass wir heute noch gute Zahlen haben, liegt daran, dass der Arbeitsmarkt immer der Konjunktur um etwa ein halbes Jahr hinterherhinkt.

DHZ: Mit welchem Anstieg der Arbeitslosigkeit rechnen Sie 2009?

Klinger: Da niemand genau weiß, wie stark die Realwirtschaft von der Finanzkrise betroffen sein wird, können wir uns zwei Szenarien vorstellen: Wird die Wirtschaft 2009 stagnieren, dann wird die Arbeitslosenquote von derzeit 7,8 Prozent auf 7,9 Prozent steigen beziehungsweise die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt um 30.000 zunehmen.

DHZ: Ist das angesichts der schlechten Konjunkturindikatoren wie dem ifo-Geschäftsklimaindex nicht viel zu optimistisch?

Klinger: Nein. Die relativ geringe Differenz hängt damit zusammen, dass zwei Durchschnittswerte verglichen werden. Betrachtet man die absoluten Werte, dann sieht es anders aus. Bei einer stagnierenden Wirtschaft könnte die absolute Zahl von Arbeitslosen von rund drei Millionen im Oktober 2008 auf rund 3,4 Millionen zum Jahresende 2009 ansteigen. Sollte die Wirtschaft im kommenden Jahr gar um 0,5 Prozent schrumpfen, könnte die Arbeitslosigkeit zum Jahresende bei rund 3,6 Millionen Menschen liegen.

DHZ: Wen trifft die zunehmende Arbeitslosigkeit am härtesten?

Klinger: Unternehmen trennen sich schneller von Geringqualifizierten. Dagegen versuchen sie sehr gut qualifizierte Mitarbeiter, die schwer zu bekommen sind und länger eingearbeitet werden müssen, so lange wie möglich zu halten.

DHZ: Schon jetzt hört man Hiobsbotschaften aus der Automobilindustrie. Wie sieht es in anderen Branchen aus?

Klinger: Wir machen keine expliziten Branchenaussagen. Da die Finanzkrise aber eine globale Krise ist und viele Volkwirtschaften berührt, sind wir vor allem als Exportnation betroffen. Alle Branchen, die in den vergangenen Jahren vom starken Export besonders profitiert haben, spüren jetzt die negativen Folgen der Krise. Das gilt nicht nur für die Automobilindustrie und den Maschinenbau, das gilt auch für die Zulieferindustrie und entsprechende Handwerksbetriebe.

DHZ: Die Binnennachfrage scheint jetzt wieder leicht anzuziehen. Sind zusätzliche Konjunkturprogramme nötig?

Klinger: Es ist in jedem Fall erfreulich, dass die Konsumenten aufgrund der nachlassenden Ölpreise und zurzeit stabiler Beschäftigungsverhältnisse wieder zuversichtlicher sind. Eine verstärkte Binnennachfrage können wir gut gebrauchen. Wichtig ist auch, dass die öffentliche Hand auf den Weg gebrachte Investitionen jetzt nicht stoppt und über Anreize für die Binnenkonjunktur nachdenkt. Vorpreschen und das Konsolidierungsziel aus den Augen verlieren sollte sie aber nicht. Erst wenn das Vertrauen der Akteure so weit gestört ist, dass sie selbst bei einer Zinssenkung der Europäischen Zentralbank nicht mehr investieren, sollte der Staat die öffentliche Nachfrage erhöhen und geplante Investitionen etwa in die Infrastruktur vorziehen.

DHZ: Ist die Senkung des Arbeitslosenbeitrags auf 2,8 Prozent nicht zu großzügig?

Klinger: Noch ist die Arbeitsmarktlage gut und die Rücklagen der Bundesagentur für Arbeit (BA) sind beträchtlich. Die BA und die Politik müssen aber darauf achten, dass das Geld über die Schwächephase hinweg reicht. Müsste der Beitrag während der Krise erhöht werden, wäre dies kontraproduktiv.