Vom Beben zur Katastrophe?

Finanzkrise greift um sich

Von Lothar Semper

Vom Beben zur Katastrophe?

Bei der Kommentierung der Finanzkrise sprechen immer mehr von einem Blick in den Abgrund. Was sehen sie da? Sie sehen zum einen nie gekannte Turbulenzen, deren Auslöser niemand gewesen sein mag. Und sie sehen zum anderen damit verbundene Herausforderungen und Handlungsbedarf, denen sich die Finanzwelt und die Politik gemeinsam und entschieden stellen müssen.

Kein Sturz in den Abgrund

Denn nur dann wird aus dem Blick in den Abgrund kein Sturz in den Abgrund. Es geht um vieles – nicht nur in Geldbeträgen gemessen. Hier beziffert der Internationale Währungsfonds die Kosten der Finanzkrise bereits auf 1,3 Billionen Dollar. Es geht auch um die Zukunft der Weltwirtschaft, für die als drohendes Unheil bereits über eine Depression wie bei der Weltwirtschaftskrise ab 1929 spekuliert wird. Und schließlich steht auch unsere Wirtschaftsordnung vor einer schwierigen Prüfung. Wo früher der Staat aufgefordert wurde, sich herauszuhalten, wird er jetzt zu umfangreichem Handeln aufgefordert und gehalten, mit Steuermitteln für Verluste geradezustehen. Am verhängnisvollsten aber wäre, wenn sich die Krise in den Köpfen der Menschen festsetzen würde; denn dann gingen Vertrauen und Zuversicht verloren.

Vertrauen und Zuversicht

Beides ist aber unverzichtbar für ein funktionierendes Bankenwesen und für die wirtschaftliche Entwicklung. So wie die Finanzwelt global aufgestellt ist, so müsste von der Politik global gehandelt werden. Doch hier herrscht bisher Fehlanzeige. Dies wurde auch beim Treffen der Regierungschefs der vier größten EU-Staaten deutlich. Sicher ist davon abzuraten, den Banken eine volle Staatsbürgschaft zu geben, wie es in Irland der Fall ist. Aber es genügt auch nicht, nur dann helfen zu wollen, wenn Gefahr im Verzug ist. Konzertiertes und vorbeugendes Vorgehen sind gefordert. Eine besondere Rolle kommt im Krisenmanagement der Europäischen Zentralbank (EZB) zu. Von ihr hat man bisher noch nicht allzu viel zu diesem Thema vernommen. Zu prüfen ist ferner, ob die derzeitige Bankenaufsicht ausreicht. Handlungsbedarf besteht zudem bei den Rechnungslegungsvorschriften für Banken, um Spekulationsblasen künftig zu vermeiden. Zur Marktwirtschaft gehören Freiheit und Verantwortung. Es ist jetzt Zeit, der Verantwortung wieder mehr Raum zu geben. Das bedeutet aber zweierlei: Einerseits Verantwortung zeigen und andererseits auch zur Verantwortung gezogen werden.