Noch überlagert die Lehrstellen- die Lehrlingslücke, sagt BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker im DHZ-Interview. Außerdem appelliert er an die Lehrlinge, flexibel zu sein. Interview: Karin Birk
"Wir haben keine Lehrlingslücke"
DHZ: Immer mehr Arbeitgeber beklagen, ihre Lehrstellen nicht besetzen zu können. Haben wir heute statt einer Lehrstellen- eine Lehrlingslücke?
Becker: Über die Medien mag dieser Eindruck vermittelt worden sein. Unsere Zahlen sprechen eine andere Sprache. Dieses Jahr haben rund 575.000 Jugendliche einen Ausbildungsplatz gesucht. Davon waren rund 280.000 Altbewerber. Mittlerweile sind mehr als die Hälfte von ihnen versorgt. Dennoch bleiben noch rund 190.000 Bewerber, denen nur 110.000 unbesetzte Stellen gegenüberstehen. Noch haben wir eine Lehrstellenlücke und keine Lehrlingslücke. Dies ist lediglich regional oder in bestimmten Branchen der Fall.
DHZ: Wie sieht es im Handwerk aus?
Becker: Von den uns gemeldeten Ausbildungsplätzen sind derzeit im Handwerk rund 30.000 Lehrstellen unbesetzt. Das ist für diese Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Wir wissen auch, dass es auf einen Großteil der offenen Lehrstellen mehr als einen Interessenten gibt. Bei Malern, Lackierern oder Friseuren kommen rechnerisch 4,5 Bewerber auf eine offene Stelle. Anders sieht es nur bei den Fleischern aus – mit mehr als zwei offenen Stellen auf einen Bewerber.
DHZ: Dennoch klagen ostdeutsche Handwerksunternehmer, dass sie ihre Stellen nicht besetzen können?
Becker: Wir wissen, dass anders als im Westen, wo wir noch eine leichtes Plus haben, im ostdeutschen Handwerk die Zahl der bisher abgeschlossenen Ausbildungsverträge um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurückgegangen ist. Das ist aber kein quantitatives Bewerberproblem. Tatsache ist, dass auf die insgesamt rund 25.000 offenen Ausbildungsplätze in Ostdeutschland rund 47.000 Bewerber kommen. Es gibt also genügend Bewerber. Hinzu kommt, dass von diesen Bewerbern mehr als die Hälfte Abitur oder Realschulabschluss haben. Weitere 15.000 haben Hauptschulabschluss. Zumindest formal ist der Großteil der Bewerber also ausreichend qualifiziert. Dass dies in Einzelfällen anders aussehen kann, ist sicherlich Realität.
DHZ: Woran liegt es denn?
Becker: Es ist in jedem Fall ein Zeichen dafür, dass die Betriebe nicht ausbilden können oder wollen. Einige schrecken möglicherweise angesichts der sich abschwächenden Konjunktur davor zurück, einen Lehrling einzustellen. Es gibt aber auch Fälle, wo Bewerber Defizite in der Qualifikation oder den sozialen Kompetenzen haben. Die Betriebe sollten aber auch an ihre Fachkräfte von morgen denken. Aufgrund des demografischen Wandels werden die Schülerzahlen drastisch zurückgehen.
DHZ: Was raten Sie jungen Leuten, die noch keine Lehrstelle haben?
Becker: Ich empfehle jedem, flexibel zu sein. Wenn sie unbedingt einen bestimmten Beruf haben wollen, müssen sie sich auch regional bewegen. Das muss ja nicht unbedingt vom Osten in den Westen sein. Außerdem würde ich ihnen raten, sich nicht nur auf einen Beruf zu versteifen. Sie sollten sich vielmehr auf ein ganzes Bündel von Berufen konzentrieren, die zu ihnen passen und für die es Perspektiven gibt.
DHZ: Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen. Manche Handwerksbetriebe befürworten einen früheren Zuzug ausländischer Auszubildender aus den neuen EU-Beitrittsländern. Was halten Sie davon?
Becker: Es spricht nichts dafür, vorzeitig junge Menschen aus dem Ausland hier eine Ausbildung machen zu lassen. Wir haben noch genügend Schulabgänger aus diesem und den vorigen Jahren. Unser Auftrag besteht darin, den jungen Menschen in Deutschland, die aktuell keinen Ausbildungsvertrag haben, zu einer Lehrstelle zu verhelfen. Hier haben alle Partner am Ausbildungsmarkt noch genügend zu tun.
