"Die EZB wird die Zinsen weiter erhöhen"

Wie wird sich die Inflation entwickeln und welche Auswirkungen könnte das auf die Konjunktur haben? Dies erklärt Birgit Figge, Analystin der DZ-Bank im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung. Interview: Karin Birk

Birgit Figge, Analystin für den Rentenmarkt bei der DZ-Bank in Frankfurt am Main. Foto: DZ-Bank

"Die EZB wird die Zinsen weiter erhöhen"

DHZ: Frau Figge, im Juni hatten wir in Deutschland eine Rekordinflation von 3,3 Prozent. Müssen wir mit weiter steigenden Preisen rechnen?

Figge: Wir gehen davon aus, dass die Preise in Deutschland und in der Eurozone weiter steigen werden. Der Rohölpreis hat wieder deutlich angezogen. Das wird bis in den Herbst hinein die Inflationsrate weiter belasten.

DHZ: Gibt es neben dem Rohölpreis noch andere Faktoren, die die Inflation in die Höhe treiben?

Figge: Der Großteil des Anstiegs der Inflationsrate geht auf den Rohölpreis und den weltweit starken Anstieg der Nahrungsmittelpreise zurück. Die Energiepreise sind binnen eines Jahres um knapp 14 Prozent und die Nahrungsmittelpreise um sieben Prozent gestiegen. Andere Faktoren wie die Löhne, die mit rund 2,8 Prozent zwar etwas stärker angestiegen sind als erwartet, spielen dagegen eine untergeordnete Rolle.

DHZ: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen jetzt leicht erhöht. Reicht der Zinsschritt aus, um die Inflation in Schach zu halten?

Figge: Ich denke nicht. Das Preisniveau wird noch länger hoch bleiben. Die EZB sagt aber selbst, dass sie relativ wenig gegen den starken Anstieg der Rohölpreise und der Nahrungsmittelpreise machen kann, die vor allem auf die hohe Nachfrage in Asien zurückgehen. Wenn die EZB jetzt die Leitzinsen erhöht hat, dann wollte sie damit vor allem die Inflationserwartung in der Eurozone, die zuletzt von 2,0 auf 2,5 Prozent angestiegen war, in Schach halten. Sie will so vermeiden, dass es zu einer Lohn-Preis-Spirale kommt und sich die inflationären Tendenzen verfestigen. Denn noch beträgt die Kernrate, also die Inflation ohne die Steigerung der Nahrungsmittel- und Energiepreise, in der Eurozone 1,73 Prozent gegenüber 1,9 Prozent im Vorjahr.

DHZ: Im Vorfeld der Leitzinserhöhung haben Politiker vor negativen Auswirkungen auf die Konjunktur gewarnt. Sind diese Warnungen gerechtfertigt?

Figge: Die Erhöhung der Leitzinsen wird die sich verlangsamende Wirtschaftsentwicklung in diesem Jahr etwas dämpfen. Vor diesem Hintergrund haben die Politiker mit ihrer Warnung kurzfristig Recht. Andererseits muss man ganz klar sehen, dass die ureigene Aufgabe der EZB die ist, für Preisniveaustabilität zu sorgen. Die wiederum ist die Basis, dass die Wirtschaft mittelfristig bis langfristig robust wachsen kann.

DHZ: Erwarten Sie weitere Zinsschritte?

Figge: Die EZB ist in einem Dilemma. Einerseits kühlt sich das Wachstum in der Eurozone ab, andererseits steigen die Inflationserwartungen vor allem durch die hohen Rohölpreise weiter an. Wir gehen deshalb davon aus, dass die EZB im September oder Oktober die Leitzinsen weiter erhöhen wird.

DHZ: Was bedeuten die Zinserhöhungen für mittelständische Kreditnehmer?

Figge: Kreditnehmer müssen in den nächsten Wochen und Monaten mit höheren Kreditzinsen rechnen. Außerdem gehen wir nach Umfragen der EZB unter Banken davon aus, dass die Kreditvergabestandards gestrafft werden. In der Tendenz wird es für Kreditnehmer damit teurer und schwieriger, an Darlehen zu kommen.

DHZ: Bisher haben wir nur von den Kreditnehmern gesprochen. Was heißt Inflation für Anleger? Wie können sie sich davor schützen?

Figge: Wenn man von einem risikobewussten privaten Anleger ausgeht, dann könnte man inflationsindexierte Anleihen kaufen. Nach der Umstellung der Abgeltungssteuer sind diese Papiere steuerlich attraktiver, so dass man noch ein halbes Jahr warten sollte. Interessant sind dagegen schon heute Staatsanleihen und Pfandbriefe. Da die Renditen bei fünf- und zehnjähriger Laufzeit ähnlich sind, sind auch kürzere Laufzeiten zu empfehlen.