Erik Hils war Steinmetz, heute ist er Tätowierer. Er sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen Handwerk und Tätowieren: Früher bearbeite er Stein, heute eben Haut. Aus Liebe zu seinem früheren Beruf, ließ er sich das Zunftwappen stechen.
Sabrina Demmeler

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zusammengefasst: Elfmeter, Frisuren, Tattoos, Elfmeter. 29 Elfmeter waren Rekord bei einer WM. Auch die Handwerkskunst der Friseure war sehr gefragt. Neymar hatte mehr neue Frisuren als Bälle im Tor. Und noch etwas fiel auf: Die Spieler zeigten sportliches Geschick, aber vor allem kunstvoll verzierte Körper .
Tattoos haben das schäbige Image längst verloren. Früher waren Tattoos ein Zeichen der Rebellion und des "Nicht-Anpassen-Wollens". Heute sind sie Körperschmuck und Ausdruck verschiedener Lebensstationen. Laut einer Studie der Uni Leipzig ist jeder fünfte Deutsche tätowiert. Und es werden immer mehr. Bei Frauen zwischen 25 und 34 Jahren ist laut Forschern jede Zweite tätowiert. Die Tattoo-Studios haben sich in den letzten Jahrzehnten professionalisiert, trotzdem bleiben Vorwürfe wie mangelnde Hygiene aktuell. Die Studios unterliegen wenigen Auflagen, denn "Tätowierer" ist kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. Die Unionspolitikerin Gitta Connemann (CDU) fordert deshalb einheitliche Hygienestandards, verbindliche Arbeitsrichtlinien und strengere Zulassungsprüfungen für Tattoo-Farben. Denn manche Tätowierer schlampen immer noch. Landet ein nachlässiger Tätowierer vor Gericht, wird er rechtlich wie ein Kunsthandwerker behandelt. Kein Wunder, denn Handwerker und Tätowierer haben viel gemeinsam .
Sind Tätowierer Handwerker?
Schneider sitzen an ihrer Nähmaschine. Friseure und Kosmetiker arbeiten am Körper der Kunden und verändern deren Aussehen. Kosmetiker tragen Permanent Make-Up sogar mit einer Tätowiermaschine auf. Alles wird individuell nach Kundenwunsch gefertigt und Fließbandarbeit ist nicht möglich. Erik Hils ist Tätowierer und Inhaber von Tattoo Handwerk in München. Er benutzt täglich seine Tätowiernadel, um die Körper seiner Kunden zu verzieren. Trotz vieler Gemeinsamkeiten sind Tätowierer nicht in der Handwerksordnung (HwO) zu finden.
Ein Leitfaden des Zentralverbands des Deutschen Handwerks grenzt Handwerksberufe klar von anderen ab, in diesem Fall Industrie. Wendet man die Kriterien auf den Beruf des Tätowierers an, werden die Überschneidungen zum Handwerk sichtbar. Handwerksbetriebe sind klein bis mittelgroß und überwiegend regional aktiv. Auch Tattoo-Studios arbeiten meist regional und in kleinen Teams. Die Tätowierer fertigen jedes ihrer "Produkte" einzeln an und führen alle Phasen des Tätowier-Prozesses selbst durch. Typisch für Handwerksunternehmen ist die Handarbeit und Bedienung von Maschinen per Hand. Das gilt auch für den Tätowierer, der seine Maschine führt.
| Handwerksbetrieb | Tattoo-Studio | |
| Betriebsgröße | Kleine bis mittelgroße Handwerksbetriebe mit regionalem Schwerpunkt | Tattoo-Studios sind regional aktiv |
| Betriebsorganisation | Betriebsinhaber im Handwerk kann Arbeit seiner Mitarbeiter im Einzelnen überwachen und ggf. Anweisungen geben | Kleine Betriebsgröße mit durchschnittlich drei bis vier Mitarbeitern, dadurch Aufsicht möglich |
| Arbeitsteilung | Im Handwerksbetrieb Einzelfertigung auf Bestellung ohne Arbeitsteilung. Alle Mitarbeiter sind in der Lage alle Arbeitsschritte durchzuführen | Einzelfertigung der Tätowierung auf Kundenwunsch. Mitarbeiter sind mit allen Phasen des Tätowierens vertraut |
| Technische Betriebsaustattung | Handwerker überwiegend "von Hand" tätig. Maschinen können verwendet werden, werden aber "von Hand" gesteuert | Tätowier-Nadel wird von Hand bedient |
| Fachliche Qualifikation | Handwerklich ausgebildete Arbeitnehmer sind für Betriebsablauf erforderlich. In typischen Handwerksbetrieben werden Schlüsselpositionen von handwerklichen Fachkräften besetzt | Ausbildung nicht offiziell geregelt und auf freiwilliger Basis |
Quelle: Handreichung für die Abgrenzung Handwerk zu Industrie/Handel
Aber das bedeutet nicht, dass kein Tätowierer ausgebildet ist. Wer tätowieren möchte, kann direkt in einem Studio lernen. Die Erfahrenen geben dabei ihr Wissen an den "Lehrling" weiter. Sie erklären dem Jung-Tätowierer wie er die Nadel hält und wie tief er stechen soll. Diesen Weg wählte auch Erik Hils. Den Namen seines Studios Tattoo Handwerk in München wählte er bewusst. Hils ist gelernter Steinmetz und sieht einige Parallelen zwischen dem Tätowieren und seiner früheren Beschäftigung. Damals bearbeitete Hils Stein, heute eben Haut. Das Stechen ist für ihn und sein dreiköpfiges Team ganz klar Handwerk. Der beste Künstler kann ein furchtbares Tattoo stechen, wenn er nicht mit der Nadel umgehen kann. "Tätowieren ist ein Kunsthandwerk, genau wie Goldschmied oder Steinmetz." Aus Liebe zu seinem früheren Beruf ließ er sich das Zunftwappen stechen.

Jedes Tattoo von Tattoo Handwerk ist ein Unikat. Erik, Malik, Matthias und David zeichnen alle Motive selbst. Das ist der künstlerische Teil an ihrem Beruf. Die vier Kollegen sehen ihre Aufgabe als Tätowierer mit Respekt und Wertschätzung. "Ein Tattoo ist kein Tisch, den ich einfach entsorgen kann, wenn er nichts geworden ist", findet Malik Kleinwort. Er fing zu Hause mit dem Stechen guter Freunde an und ist froh, dass es bei ihm keine strengen Zugangsregeln gab. Trotzdem schockieren Malik die Arbeiten mancher Tätowierer. Unsaubere Outlines und verzerrte Portraits sind nur wenige Beispiele. In Momenten, in denen er solche Horror-Tattoos sieht, macht eine zentral geregelte Ausbildung doch wieder Sinn für Malik. Das Dilemma: Viele sind vielleicht gute Künstler, aber schlechte Handwerker.
Sind Tätowierer Künstler?
"Jeder Tattoo-Artist definiert selbst, ob er Künstler oder Handwerker ist", erklärt Dirk-Boris Rödel. Rödel ist ehemaliger Chefredakteur des TätowierMagazins und beschäftigte sich auch mit der Abgrenzungsfrage. Die Zuordnung hängt von der persönlichen Sicht- und Arbeitsweise jedes Tätowierers ab. Laut Rödel ist Tätowieren weder Kunst noch Handwerk. Tätowieren ist ein Medium wie zum Beispiel Schnitzen. Einige Tattoo-Artists sehen den menschlichen Körper als Leinwand und machen ihn zu ihrem Kunstobjekt.
Das Würzburger Tattoo-Studio Buena Vista Tattoo Club lebt diese künstlerische Definition des Tätowierens. Die Inhaber Volker Merschky und Simone Pfaff entwickelten mit "Trash-Polka" ihren eigenen Tattoo-Stil, der Künstler auf der ganzen Welt inspirierte. Sie kombinieren Pinselstriche und grafische Elemente mit realistischen Motiven wie zum Beispiel Portraits oder Tieren. Neben dem Tätowieren stellen sie auch weltweit Kunstwerke aus. Laut Rödel suchen sie auch die Motive für ihre Kunden aus. Der menschliche Körper ist für Merschky und Pfaff ein Medium, ihre Kunst auszudrücken.
Wie wird ein Handwerk zum Handwerk?
Ein Gedankenspiel: Welche Schritte müssten Tätowierer durchlaufen, um in die Handwerksordnung (HwO) aufgenommen zu werden? Eine zentrale Ausbildung inklusive Ausbildungsnachweis könnte Kunden helfen, sich vor Pfuschern zu schützen. Der Weg zum anerkannten Ausbildungsberuf ist lang und die Tätowierer müssten einige bürokratische Stationen durchlaufen. Aber das ist eine der Grundvoraussetzungen für die Aufnahme in die HwO.
Für die Entwicklung eines neuen Ausbildungsberufs sind das Bundesbildungs- und das Bundeswirtschaftsministerium sowie die Sozialpartner zuständig. Dabei werden die Interessen der Arbeitgeber durch das Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (KWB) koordiniert und vertreten. Mitglieder im KWB sind u.a. der ZDH und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Folgende Schritte sind notwendig, um einen Ausbildungsberuf neu zu schaffen:
- Dem KWB muss eine Übersicht über alle Ausbildungsinhalte vorgelegt werden. Darin muss belegt werden, dass es Ausbildungsbedarf gibt.
- Dann wird im KWB über die Notwendigkeit eines neuen Ausbildungsberufes abgestimmt.
- Falls das Votum positiv ausfällt, erfolgt im nächsten Schritt eine Abstimmung mit der Gewerkschaft.
- Wenn mit dieser ein Konsens erzielt worden ist, einen neuen Ausbildungsberuf zu schaffen, werden die Bundesministerien eingebunden.
- Diese können dann ggf. das Ordnungsverfahren initiieren.
Doch beide Ministerien sind zurückhaltend bei der Schaffung neuer Ausbildungsberufe. Der Trend geht eher dazu, Ausbildungsberufe zu reduzieren oder zusammenzulegen. Für die Neuaufnahme von Gewerken in die HwO ist anschließend der Bundestag zuständig, denn es bedarf einer Gesetzänderung. Zusätzlich sehen Tätowierer die eigentlichen Probleme durch eine Aufnahme in die Handwerksordnung nicht gelöst. Denn auch eine zentral geregelte Ausbildung verhindert keine schlechten Tätowierer. Daher sind sich Dirk-Boris Rödel und Erik Hils einig: Tätowierer in Berufsschulen auszubilden, macht keinen Sinn.
Erik Hils stellt vor allem in Frage, ob die wirklich guten Tätowierer an Berufsschulen unterrichten würden. Tätowierer mit vollen Studios verdienen laut Hils mehr als Berufsschullehrer und haben viel mehr Freiheiten in ihrer Zeiteinteilung. So hätten nur Tattoo-Artists mit leeren Studios einen Anreiz an der Berufsschule zu unterrichten. Wäre eine Berufsschule also am Ende ein Sammelbecken für schlechte Tätowierer? "Es gibt auch schlechte Dachdecker und die haben auch irgendwann eine Ausbildung gemacht", findet Rödel. Rödel und Hils sprechen sich damit gegen eine zentrale Organisation der Ausbildung aus.
Trotzdem besteht unter Tätowierern Einigkeit, dass Hygienestandards strenger geregelt werden müssen. Die meisten Tätowierer finden kontinuierliche Schulungen sinnvoll. Auch die Diskussion über giftige Tattoo-Farben kann Erik Hils nicht nachvollziehen. Denn Deutschland ist eines der strengsten Länder bei der Zulassung von Tattoo-Farben und die Tätowiermittel-Verordnung regelt welche Stoffe zugelassen sind. Er kann beruhigen und macht seine Kunden weiter mit Motiven aller Art glücklich. Schockieren kann Hils nichts mehr. Nicht mal weinende Männer auf seiner Liege, denn die sind laut Hils deutlich wehleidiger als Frauen.