Smart Home IFA 2017: Intelligente Haustechnik eher Vision statt Praxis

Ein Haus, das mitdenkt: beim Stromsparen hilft, nur Geräte besitzt, die sich alle per Smartphone steuern lassen und das Sicherheit im Alter und in Notfällen verspricht. Das Smart Home wird seit Jahren als Zukunftstechnik gefeiert – auch auf der IFA 2017. Doch in der Gegenwart von Hausbesitzern und Handwerk ist es noch nicht angekommen.

Jana Tashina Wörrle

Das E-Haus des ZVEH zeigt die vernetzte Zukunft: Was heute schon in Sachen intelligente Haustechnik möglich ist. - © ZVEH/Schildheuer

Das E-Haus des Elektrohandwerks ist ein Stammgast auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Es zeigt die Zukunft: Ein Haus, dessen Elektrik und Energieversorgung komplett vernetzt und so aufeinander abgestimmt ist, dass möglichst wenig Energie verbraucht wird und dass der Nutzer es möglichst bequem hat und alles vom Handy oder Tablet aus steuern kann – ob im Haus oder von unterwegs. Die Gegenwart sieht jedoch meist noch anders aus, denn das "Smart Home" ist eine technische Vision, die zwar Schritt für Schritt auch in der Realität ankommt, allerdings sind die Schritte noch eher klein.

"Man darf das nicht mit dem Tempo der Entwicklung bei den Smartphones oder Tablets selbst vergleichen", warnt Bernd Dechert vom Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). Entwicklungen im Gebäudebereich seien immer etwas langsamer und auch langfristiger angelegt. Dennoch zeigt für Dechert das E-Haus ein realistisches Szenario, das irgendwann auch in vielen Haushalten ankommen wird. Nach wie vor hält es der ZVEH für realistisch, dass im Jahr 2020 rund eine Million Haushalte komplett mit intelligenter Haustechnik ausgestattet sein können.

E-Haus: Wenn die Haustechnik den Notarzt ruft

Das E-Haus ist auch auf der IFA 2017 wieder mit dabei – zum fünften Mal. Der Schwerpunkt liegt nach der Sprachsteuerung der eingebauten Geräte, die im vergangenen Jahr das Kernthema bildete, in diesem Jahr unter anderem beim Datenschutz.

So lässt sich im E-Haus wirklich alles bequem vom Sofa aus steuern – per Smartphone Licht, Heizung, Fernseher und Musikanlage, aber auch Jalousien, der Backofen in der Küche und die Waschmaschine im Keller. Außerdem denkt die Technik mit und lässt sich so programmieren, dass Geräte automatisch dann starten, wenn der Strom am günstigsten ist oder wenn beispielsweise Solarstrom vom eigenen Dach gerade verfügbar ist. Dazu kommen neue Techniken wie Notrufeinrichtungen für ältere Leute, Teppiche mit Sensoren, die erkennen, wenn jemand gestürzt ist und automatisch Hilfe holen oder auch fernsteuerbare Einbruchssicherungen.

Smart Home und Datenschutz: Hausbesitzer sind skeptisch

Doch genau diese Automatismen und Fernsteuerungen, die so praktisch klingen, sind es auch, die viele Hausbesitzer skeptisch stimmen. Denn das smarte Haus sammelt je nach Konzeption auch eine ganze Menge an Nutzerdaten, die es braucht, damit die ganze Technik aufeinander abgestimmt ist. Und es erlaubt einen Zugang zu der Technik von außen – eigentlich nur für die Nutzer selbst, damit diese beispielsweise auch ihre Heizung von unterwegs aus regulieren können.

Medienberichten zufolge sind sich viele Verbraucher unsicher, wie sie die Smart Homes einschätzen sollen bzw. fühlen sie sich durch immer wieder aufkommende Debatten über den Datenschutz verunsichert. Auch wenn es laut Bernd Dechert bislang noch nie einen konkreten Fall gegeben hat, in dem ein Datenmissbrauch im Zusammenhang mit der Haustechnik zu beklagen war, wollen die Anbieter der Technik und auch diejenigen, die die Geräte und Systeme installieren – das E-Handwerk – nun den Datenschutz und noch stärker abgesicherte Lösungen in den Mittelpunkt stellen und zeigen dies auf der IFA in Berlin.

Erfolg von Smart Home hängt an der Energiewende

"Die Betriebe reagieren auf die Zurückhaltung der Hausbesitzer und wollen zeigen, wie sicher die Systeme sind", sagt der ZVEH-Fachmann und weist darauf hin, dass es in Bezug auf die Funktionalität bislang keine Bedenken von Seiten der Nutzer gäbe. Seiner Meinung nach reagieren die Betriebe auch deshalb, obwohl sie es vielleicht gar nicht müssten, weil sie im Thema Smart Home so ein großes Potenzial sehen – ein Potenzial, das direkt zusammenhängt mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien und einer dezentralen Energieversorgung. Und dieses Potenzial hängt wiederum am Vorankommen der Energiewende, die in jüngster Vergangenheit auch etwas ins Stocken geraten ist.

Der ZVEH schätzt die Anzahl der bisher in Deutschland auf die intelligente Haustechnik spezialisierten E-Handwerksbetriebe auf rund 1.000 ein. Insgesamt gibt es rund 55.000 Unternehmen in der Branche. "Das Thema kommt voran und ist mittlerweile auch ein fester Bestandteil der Ausbildung im Elektrohandwerk. Wir sind auch dabei, die Betriebe für dieses Zukunftsfeld zu sensibilisieren. Natürlich könnten es mehr sein", gibt Dechert zu. Doch die Kritik, die zu hören ist, dass die Branche derzeit so stark ausgelastet ist, dass sich die Betriebe nicht mit technischen Neuheiten befassen wollen, weist er zurück. "Die Auftragslage ist hervorragend, aber sie hält keinen davon ab, sich mit wichtigen Trends zu befassen", sagt er.

In den Berliner Messehallen werden die neuesten Entwicklungen dann in Halle 26 A (Stand 224/225) gezeigt. Das E-Haus hat dort seinen Ausstellungsort und wird auch wieder zahlreiche interessierte Verbraucher dazu animieren, sich einmal anzusehen, wie bequem schon die Gegenwart sein kann. Die meisten dort vorgestellten Techniken sind nämlich schon auf dem Markt erhältlich.

Im Blick hat der ZVEH dennoch ganz stark die Zukunft, denn mit dem E-Haus lassen sich auch viele Schüler, die während der IFA wieder zahlreich in Klassenstärken durch die Hallen wandern, für einen möglichen späteren Beruf im E-Handwerk begeistern. Und an den aktuellen und zukünftigen Trends interessierten Nachwuchs braucht die Branche dringend.