Jürgen Karpinski, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe, zur Diesel-Debatte, den Folgen für die Werkstätten und die schwierige Renditelage.
Frank Muck

DHZ: Herr Karpinski, Sie sind nach drei Jahren zum Präsidenten des Kfz-Gewerbes wiedergewählt worden. Welches Fazit ziehen Sie nach der ersten Amtszeit?
Karpinski: Wir haben einiges im Vorstand auf den Weg gebracht. Zum Beispiel die Aus- und Einbaukosten mangelhafter Teile. Bisher wurden nur die Teile vergütet. Die Kfz-Betriebe können ab dem 1. Januar 2018 Ersatz für den Ein- und Ausbau verlangen, der ja teilweise sehr viel teurer war als die Ersatzteile selbst. Außerdem wird die Abgasuntersuchung modernisiert. Die Messung der Emissionen am Endrohr soll wieder Pflicht werden. Denn was hinten rauskommt, ist entscheidend. Hier haben wir die Unterstützung des Bundesverkehrsministers Alexander Dobrindt.
DHZ: Wie sehr leidet das Kfz-Gewerbe unter der Diesel-Diskussion?
Karpinski: Diese Diskussion ist nicht ganz fair. Niemand im Kfz-Gewerbe ist gegen den Schutz der Umwelt. Dafür hat die Automobilindustrie sehr viel getan, etwa durch die Reduzierung der Verbräuche.
DHZ: Die Debatte spüren Sie doch sicher an den Umsätzen.
Karpinski: Nein. Die Gebrauchtwagen bleiben zwar im Moment etwas länger stehen, bevor sie verkauft werden, aber in Hessen etwa haben die Kfz-Betriebe im vergangenen Monat 18 Prozent mehr Diesel zugelassen. Also das genaue Gegenteil. Darunter sogar mehr Euro-5- als Euro-6-Fahrzeuge. Viele Menschen etwa in den ländlichen Regionen sind auf diese Fahrzeuge angewiesen. Der Diesel ist vor allem unverzichtbar zur Einhaltung der strengen CO2-Grenzwerte.
DHZ: Die politischen Entscheidungsträger fühlen sich aber offenbar genötigt, gegen den Diesel hart durchzugreifen.
Karpinski: Es ist nicht in Ordnung, wenn Politiker sagen: „Ab morgen dürft ihr mit eurem Diesel nicht mehr in die Innenstädte fahren ohne eine blaue Plakette.“ Das ist unfair und unredlich, denn die Menschen haben noch vor kurzer Zeit sogar auch auf Empfehlung von Umweltschützern diese Autos gekauft. Die Kunden müssen ja mit verlässlichen Größen kalkulieren können. Wir müssen den Menschen Wege aufzeigen, wie sie auch weiterhin ihr Auto nutzen können. Zum Beispiel durch eine Umrüstung von Euro 5 auf Euro 6. Das Kfz-Gewerbe steht bereit. „Letztlich ist diese Diskussion für uns schon ein wirtschaftlicher Schaden.“
DHZ: Dennoch kann man ja nicht verleugnen, dass bei den Emissionen getäuscht wurde. Werden Sie in Mithaftung genommen?
Karpinski: Wir spüren das jeden Tag bei der Diskussion mit unseren Kunden und das schon einige Zeit lang. Die Leute sind besorgt und wissen nicht, ob sie jetzt das Richtige kaufen. Denen müssen wir die Sachlage erklären. Letztlich ist das für uns schon ein wirtschaftlicher Schaden, wenn man allein die Beratungen mit hunderten von Kunden zusammenrechnet, nur um zu erklären, wie sich die Lage darstellt. Das war und ist eine große Herausforderung.
DHZ: Viele Kunden wundern sich trotzdem, dass die Hersteller und das Kfz-Gewerbe nicht stärker mit neuen Antriebskonzepten wie Elektromobilität werben.
Karpinski: Meistens reden diejenigen über das Thema, die selbst kein Elektroauto fahren. Das ist für mich eine Schein-Diskussion. In jedem Fall haben wir bislang keine ausreichend leistungsfähige Infrastruktur in Deutschland. Aufgrund der meist noch zu geringen Reichweiten sind E-Autos für Mittel- und Langstrecken kaum tauglich. In den nächsten zwei, drei Jahren wird sich aber das Angebot an leistungsfähigen Elektrofahrzeugen deutlich verbreitern.

DHZ: Die Hersteller müssten doch dafür sorgen, dass die Technik bereitgestellt wird.
Karpinski: Ja, aber die Politik darf auch nicht unrealistische Dinge fordern. Das Auto wird auch immer etwas unfair behandelt. So ist das Auto lediglich zu rund 14 Prozent an der Feinstaubbelastung beteiligt, Industrie und Landwirtschaft etwa zu 65 Prozent.
DHZ: Wären die Werkstätten – auch angesichts des Fachkräftemangels – auf eine stärkere Elektromobilität vorbereitet?
Karpinski: Sowohl die Verkäufer als auch die Werkstattmitarbeiter sind darauf vorbereitet. Die Elektrotechnik gab es schon vor über 100 Jahren. Es wird zwar heute alles neu verpackt, komprimiert und kleiner gebaut, aber all die Erfindungen sind im Prinzip uralt. Neu ist die Verwandlung der Batterien in ganz kleine Zellen mit anderen Chemikalien und Materialien. „Ich kann Ihnen nicht sagen, was sich am Ende durchsetzen wird.“
DHZ: Auf welche Lösung sollte man derzeit also setzen?
Karpinski: In jedem Fall ist der Diesel eine echte Option. Es gibt nicht die allein seligmachende Antriebslösung. Wir müssen verschiedene Strategien fahren. Wir brauchen Verbrennungsmotoren mit möglichst wenig Abgasen, Elektromotoren für die Innenstädte, wir brauchen Hybrid für längere Strecken. Auch Wasserstoff ist eine Option. Ich kann Ihnen nicht sagen, was sich am Ende durchsetzen wird.
DHZ: Stichworte Direktvertrieb oder neue Händlerverträge. Man kann den Eindruck haben, dass die Hersteller nicht gerade zimperlich mit den Händlern umgehen.
Karpinski: Der eine kann ohne den anderen nicht. Wenn die Hersteller keine guten Produkte haben, können wir sie nicht verkaufen. Ohne uns bringen die Hersteller ihre Autos nicht an den Mann. Diese Partnerschaft wird immer wieder von beiden Seiten beschworen. Natürlich ist es heute ein Risiko, wenn sie einen Betrieb gründen. Deswegen fordern wir als Verband, dass wir eine auskömmliche Rendite haben. All die Investitionen sind natürlich mit 1,7 Prozent Rendite nicht bezahlt. Hinzu kommen fortwährend neue Auflagen, neue Techniken. Das ist eine ständige Herausforderung, aber insgesamt ist das Verhältnis sehr gut.
DHZ: Neue Vertriebswege wie das Internet setzen den Markt zusätzlich unter Druck: hohe Rabatte, insgesamt niedrige Renditen. Wie groß sind die Gefahren für Autohäuser?
Karpinski: Das Internet dient lediglich als Informationsbörse. Dort können Sie aber ein Auto nicht anfassen und keine Probefahrt machen. Das ist immer noch ein anderes Gefühl, wenn die Menschen sich ein Auto in natura anschauen. Außerdem können Unwägbarkeiten wie Falschbestellungen bei einer Beratung eines geschulten Verkäufers nicht passieren. Beim Gebrauchtwagen kommen sogar noch Sicherheits- und Garantie-Fragen hinzu. Da vertrauen die Kunden auf den Handel. Der Privatkauf birgt jede Menge Risiken.