Noch nie seit der Wiedervereinigung ist es im Handwerk so gut gelaufen wie derzeit. Doch das Wachstum wird nicht nur durch fehlende Fachkräfte gebremst.
Karin Birk

Die Handwerkskonjunktur läuft rund. "Es ist das erfolgreichste 1. Quartal seit der deutschen Einheit", sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke laut Redetext auf der Frühjahrskonferenz des Deutschen Handwerkskammertages in Bielefeld. Das Handwerk habe deshalb seine Umsatzprognose vom Jahresbeginn angehoben. "Wir rechnen für 2017 nunmehr mit einem Umsatzanstieg von bis zu drei Prozent." Die Zahl der Beschäftigten werde aber nur geringfügig steigen, da es an Fachkräften und Auszubildenden fehle. Von der Politik forderte Schwannecke, sich auch in der nächsten Legislaturperiode um die "Fachkräftesicherung und die nötigen Rahmenbedingungen" zu kümmern. Darüber hinaus warnte er, Steuern oder Abgaben zu erhöhen.
Schwannecke sieht Spielraum für Steuersenkungen
Gift für das arbeitsintensive Handwerk ist nach den Worten des Generalsekretärs auch jede mögliche Steigerung der Sozialbeiträge. Vielmehr müssten die Steuern gesenkt werden. "Wir sind dafür, den Soli abzuschaffen, die kalte Progression abzumildern und den Mittelstandsbauch abzuflachen", sagte er. "Das Geld dafür ist da – Steuer und Beitragseinnahmen sprudeln."
Handwerk fordert mehr Geld für berufliche Bildung
Angesichts der guten Finanzlage müsse auch die berufliche Aus- und Weiterbildung nicht nur gestärkt und weiterentwickelt, sondern auch entsprechend finanziell ausgestattet werden. Berufliche Bildung müsse in einem vergleichbaren Rahmen wie die akademische Bildung gefördert werde. Das Handwerk selbst habe mit dem zum nächsten Schuljahr startenden Berufsabitur schon einen wichtigen Beitrag geleistet. Außerdem müssten Entwicklungsperspektiven betont und die "Höhere Berufsbildung" gestärkt werden, damit die duale Ausbildung für junge Leute wieder attraktiver werde.
Neues Einwanderungsgesetz überfällig
Als weiteren Baustein der Fachkräftesicherung plädiert das Handwerk unabhängig von der Integration von Flüchtlingen für eine gesteuerte und bedarfsorientierte Einwanderung. "Wir sind überzeugt, dass ein neues Einwanderungsgesetz nötig ist", sagte Schwannecke weiter. Dieses Gesetz müsse die bestehenden Regelungen zusammenfassen und verständlicher machen. Dabei sollte jeder beruflich Qualifizierte aus einem Drittland die Möglichkeit erhalten, in einem befristeten Zeitraum und selbstfinanziert einen Arbeitsplatz in Deutschland suchen zu dürfen.
Integration von Flüchtlingen in Ausbildung nicht unnötig erschweren
Mit Blick auf die Integration der Flüchtlinge in den Ausbildungsmarkt kritisierte Schwannecke die "sehr restriktive" Auslegung der 3+2 Regelung in einigen Bundesländern. Nach dieser Regelung können Flüchtlinge, die einen Ausbildungsvertrag haben während einer dreijährigen Ausbildung und bei Weiterbeschäftigung für weitere zwei Jahre nicht abgeschoben werden. Allerdings drohe insbesondere bei afghanischen Flüchtlingen je nach Bundesland dann noch die Abschiebung wenn sie einen Vertrag unterschrieben, die Lehre aber noch nicht angetreten haben. Dies müsse sich ändern, damit Betriebe weiter Flüchtlinge als Auszubildende einstellten. Insgesamt waren im Handwerk 2016 rund 4600 Flüchtlinge in einer Ausbildung (Vorjahr: 2500).
Digitale Infrastruktur muss auf der Höhe der Zeit sein
Damit das Handwerk gerade in ländlichen Regionen nicht ausgebremst wird, forderte Schwannecke auch hier schnelle und leistungsfähige Internetzugänge. Daneben müssten Schüler und Schulen bis hin zu den Berufsbildungszentren für die Digitalisierung fit gemacht werden. Nicht zuletzt brauche es ein zeitgemäßes Datenrecht. Handwerksbetriebe wie etwa Kfz-Werkstätten müssten einen gleichberechtigten Zugang zu relevanten Daten haben wie Hersteller.