Das Technoseum in Mannheim (Landesmuseum für Technik und Arbeit) zeigt noch bis 25. Juni 2017 die Ausstellung "2 Räder – 200 Jahre" über die Geschichte des Fahrrads und seine Bedeutung in verschiedenen Epochen.
Daniela Lorenz
200 Jahre alt wird das Fahrrad im Juni 2017. Genau am 12. Juni 1817 bricht Karl Freiherr von Drais mit einer von ihm entwickelten Laufmaschine von Mannheim nach Schwetzingen auf. Wobei, von Fahren kann noch keine Rede sein. Er sitzt auf der Laufmaschine und bewegt sich mittels seiner Beine vorwärts – wie heute kleine Kinder auf einem Laufrad. Auf diese Weise kommt er auf einer befestigten und breiten Chaussee nicht ganz bis nach Schwetzingen, aber immerhin bis zum Relaishaus bei Neckarau. Hin und zurück sind das vierzehn Kilometer.
Auch wenn die Laufmaschine nur ein Vorläufer zum Fahrrad ist, gilt diese Pionierfahrt als Geburtsstunde des Fahrrads wie wir es heute kennen. Karl Freiherr von Drais ist dabei nur der Erfinder und Entwickler. Er baut nie selbst Laufmaschinen oder Fahrräder. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden die Laufräder in einer Wagnerei nach Drais’ Plänen gefertigt. Eine Lizenzplakette weist sie als Original-Drais'sche Laufmaschinen aus.
Privileg des Adels
Über eine solche Lizenzplakette verfügt eines der ältesten Objekte der Ausstellung: Die Laufmaschine von 1817 ist eine Leihgabe des Hauses Fürstenberg, eines süddeutschen Adelsgeschlechts. Das deutet darauf hin, dass die Laufmaschine am Anfang ein Privileg des Adels und der Oberschicht war. Nur sie konnten sich das in Handarbeit gefertigte Freizeitgerät leisten. Wohlgemerkt nutzen es nur Männer, für Frauen ist die Laufmaschine unschicklich. Drais lässt sein Laufrad beim Mannheimer Wagnermeister Johann Frey in Handarbeit fertigen. Für ein Laufrad wird damals mehr Holz als Eisen verarbeitet. Der Einsatz von Arbeitsmaschinen zur Produktion ist hingegen noch die Ausnahme.
Biographie
Karl Freiherr von Drais wurde 1785 in Karlsruhe geboren. Drais war der Sohn eines badischen Hofrats, sein Taufpate der Markgraf Carl Friedrich von Baden. 1810 zog die Familie nach Mannheim, wo der Vater Oberhofrichter wurde. Der junge Drais machte eine Forstlehre und studierte an der Universität Heidelberg. Er wurde Forstmeister im Staatsdienst, jedoch ohne Anstellung. Das heißt, er erhielt im Jahr 1811 volle Bezüge, war aber vom Dienst beurlaubt. So konnte er sich seinen Erfindungen widmen. 1813 entwickelte er eine vierrädrige Fahrmaschine mit Muskelantrieb, ein Vorgänger des Laufrades mit zwei Rädern. Drais entwickelte auch eine Schreibmaschine, einen Holzsparofen und ein Schienenfahrzeug (Draisine). Er starb 1851 in Karlsruhe.
Die Entwicklung ist rasant, zu schnell für manchen: Laufräder erobern nur kurz die Stadt Mannheim, die Obrigkeit verbietet das neue Fortbewegungsmittel. Nicht überall darf es fortan gefahren werden. Im Juni 1818 ist die Laufmaschine nur auf den Hauptwegen des Schlossgartens erlaubt. 1867 entwickelt der französische Wagenbauer Pierre Michaux die Laufmaschine zu einem Tretkurbelvelociped weiter. Es wird auf der Weltausstellung in Paris der Öffentlichkeit vorgeführt. Noch ist die Konstruktion schwerfällig. Um den Abrollumfang zu erhöhen, wird der Durchmesser vergrößert: Das Hochrad kommt in Mode. Doch die Höhe des Sitzes sowie ein sehr großes und ein sehr kleines Rad machen es anfällig für Stürze. Man orientiert sich zurück zu einem Sicherheitsniederrad, das einem heutigen Fahrrad wohl am nähesten kommt.
Genutzt wird das schnelle Fortbewegungsmittel gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom Militär, bald auch von der Post. Diese 200 Jahre lange Entwicklung wird in der Ausstellung im Mannheimer Technoseum in vier Stationen dargestellt. Schließlich können Besucher eine Laufmaschine und ein Hochrad auch selbst fahren.
Wandel zum Lifestyleprodukt
Während der vergangenen 200 Jahre hat das Fahrrad in der Gesellschaft wechselnde Bedeutung. Zuerst ist es ein Sportgerät adeliger und reicher Männer, das handwerklich hergestellt wird. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es in Massenproduktion geht, ist es auch für die Arbeiterklasse erschwinglich und damit ein praktischer Alltagsgegenstand. In Zeiten des Wirtschaftswunders, als sich Haushalte erstmals ein Auto leisten können, kommt das Fahrrad "aus der Mode".
Vom Gebrauchsgegenstand wandelt es sich in den 1970er-Jahren zu einem Sport- und Freizeitgerät. Um 1980 kommt das Mountainbike auf den Markt. Heute ist das Fahrrad nicht nur ein Sport- und Lifestyleprodukt, sondern erlebt in den letzten Jahren durch das E-Bike eine Renaissance. Jetzt können mehr Menschen – ob sportlich oder unsportlich – ihr Ziel mit dem Rad erreichen.
Informationen zur Ausstellung unter technoseum.de .
Ausstellungskatalog
Zur Ausstellung "2 Räder – 200 Jahre. Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrads" ist ein Katalog erschienen. Auf 322 Seiten enthalten sind Bilder und Essays von der Physik des Fahrradfahrens über das Fahrrad in der Konsumgesellschaft und die Pioniere im Radsport bis hin zu Fragen nach der Zukunft des Fahrrads und politischen Überlegungen für eine fahrradfreundliche Stadt. Der Katalog ist im Buchhandel erhältlich und kostet 29,95 Euro (ISBN 978-3-8062-3374-2). Für die Dauer der Ausstellung ist er im Museumsshop des Technoseums für 24,95 Euro zu kaufen.


