Der Bau bleibt die Konjunkturlokomotive der deutschen Wirtschaft. Das Umsatzwachstum lag 2016 mit 3,8 Prozent deutlich über dem Gesamtdurchschnitt. Doch es gibt auch Wehrmutstropfen.
Ulrich Steudel
303 Milliarden Euro haben die Unternehmen der Bundesvereinigung Bauwirtschaft (BVB) im vergangenen Jahr umgesetzt. Und auch für 2017 rechnet BVB-Vorsitzender Karl-Heinz Schneider mit einem kräftigen Plus von 2,8 Prozent auf 311,6 Milliarden Euro. Getrieben wird das Wachstum vor allem vom Wohnungsbau.
Höhere Abschreibungen und staatliche Zuschüsse
Mehr als 350.000 Wohnungen wurden im vergangenen Jahr genehmigt, soviel wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Real gebaut wurden allerdings nur 252.000 neue Wohnungen, so dass das Angebot deutlich unter der prognostizierten Nachfrage von 350.000 Wohnungen pro Jahr zurückblieb, selbst wenn die rund 40.000 Umbauten im Bestand eingerechnet würden.
Um schneller ans Ziel zu kommen, fordert die BVB eine Anpassung der Abschreibung an den tatsächlichen Wertverlust von zwei auf drei Prozent. Zudem sollte die Bildung von Wohneigentum durch staatliche Zuschüsse gefördert werden. "Die Zuschüsse könnten durchaus nach Einkommen der Haushalte und der Kinderzahl variieren", sagte Schneider auf der Internationalen Handwerksmesse am 9. März in München.
"Urbane Gebiete" im Handwerk nicht unumstritten
Getragen wird der Bauboom vor allem vom Geschosswohnungsbau, der dem anhaltenden Zuzug in die Großstädte geschuldet ist. Mit der geplanten Städtebaurechtsreform könnte diese Entwicklung sogar noch an Tempo gewinnen. Die Einführung von "Urbanen Gebieten", in denen höher und dichter gebaut werden darf als in klassischen Mischgebieten, wird im Handwerk aber zwiespältig gesehen. Einerseits würden die Baugewerke durch mehr Aufträge profitieren. Andererseits befürchten die Interessenvertreter des Handwerks, dass gewerbliche Betriebe durch den Druck des Wohnungsbaus in ihrer Entwicklung behindert werden könnten.
Schon jetzt klagen Verbraucher über lange Wartezeiten, wenn sie zum Beispiel einen Installateur für Reparatur- oder wichtige Wartungsarbeiten benötigen. "Wenn sich kaum noch Handwerksunternehmen ansiedeln können, dann fehlen den Bewohnern in den Metropolen wichtige Dienstleistungen", warnt selbst BVB-Chef Schneider. Allerdings weist er auch darauf hin, dass sich das Problem regional sehr stark unterscheidet. Vor allem in Metropolen wie München oder Frankfurt/Main wird es expandierende Handwerksunternehmen zunehmend schwieriger, an geeignete Gewerbeflächen zu kommen.
Bundestagswahl: Sorge vor steigenden Sozialkosten
Mit Sorgen blicken die gut 380.000 Betriebe der Bundesvereinigung Bauwirtschaft, der sich in den vergangenen Monaten mit den Elektro- und Informationstechnischen Handwerken (ZVEH) sowie dem Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (Gala-Bau) zwei weitere Verbände angeschlossen haben, vor allem auf die anstehende Bundestagswahl. "Der Wahlkampf könnte zu einem Überbietungswettbewerb im Hinblick auf den Ausbau des Sozialstaates werden", fürchtet Schneider mit Blick auf die Ankündigungen von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Sollten durch einen Rückzieher bei der Agenda 2010 die Sozialkosten für die Betriebe steigen, könnte das wieder steigende Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung zur Folge haben. Die BVB lädt aus diesem Grund am 31. Mai zu einem parlamentarischen Abend in Berlin ein, bei dem die Gefahr der Schwarzarbeit im Mittelpunkt stehen soll.
