Demographischer Wandel Mitarbeiter im Baugewerbe: Ü 50 ist Trend

Ein Drittel der Mitarbeiter im Baugewerbe ist über 50 Jahre alt. Der Altersschnitt hat sich deutlich nach oben verschoben. Im Vergleich zu anderen Branchen hat der Bau einen hohen Anteil an älteren Erwerbstätigen. Das bereitet Probleme.

Immer mehr Mitarbeiter im Baugewerbe sind über 50 Jahre alt. - © SolisImages/Fotolia.com

Die Erwerbstätigen in Deutschland altern – besonders stark ist das im Baugewerbe zu spüren. Die Zahl derjenigen, die über 50 Jahre alt sind, ist am Bau seit 2008 um 55,4 Prozent gestiegen. In der Gesamtwirtschaft waren es nur 39,1 Prozent und im verarbeitenden Gewerbe sogar nur 29,5 Prozent. Das meldet die Sozialkasse des Baugewerbes Soka-Bau und beruft sich auf Zahlen von Eurostat.

Folgen der Baurezession zeigen sich

Und das Altern geht schnell voran: Im Jahr 2008 lag der Anteil der Ü-50-Erwerbstätigen in der Baubranche mit 23 Prozent noch zehn Prozentpunkte tiefer. „Wir erleben jetzt die Folgen der Baurezession von Mitte der 90er bis vor ein paar Jahren“, sagt Ilona Klein, die Sprecherin des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes. Damals sei etwa die Hälfte aller Mitarbeiter abgebaut worden und bis heute konnte – trotz anziehender Konjunktur und "Bauboom" in den Großstädten – die Zahl nicht wieder erreicht werden.

Ein Grund liegt auch im Rückgang der Lehrlingszahlen: Sowohl die Betriebe, die ausgebildet haben und damit das Angebot an Ausbildungsplätzen, sind weniger geworden, als auch die Bewerber.

Derzeit sind über 30 Prozent der Mitarbeiter im Baugewerbe über 50 Jahre alt. Das ist zwar noch knapp unter dem bundesweiten Schnitt mit 35 Prozent. Probleme kommen auf die Branche trotzdem zu. Setzt man die Zahlen in Bezug zum Renteneintrittsalter, muss in den kommenden 17 Jahren ein Drittel der Erwerbstätigen ersetzt werden – und das in Zeiten des Fachkräfte- und Nachwuchsmangels. Konkret geht es laut Soka-Bau um 900.000 Erwerbstätige, für die Ersatz gefunden werden muss. Zu dieser Zahl sind jedoch auch sämtliche Ausbauberufe wie Maler, Elektriker, Tischler etc. hinzugerechnet. "Für das Baugewerbe im engeren Sinn rechnen wir mit rund 150.000 fehlenden Facharbeitern im Jahr 2030", sagt Klein.

Bau: Rente mit 67 kaum denkbar

In der Bauwirtschaft, die körperlich durchaus anstrengende Arbeiten erfordert, ist es kaum möglich, dass die Mitarbeiter die Lebensarbeitszeit verlängern oder gar bis zum Alter von 67 Jahren durchhalten. "Die Rente mit 67 ist auf dem Bau kaum denkbar", sagt Ilona Klein und weist darauf hin, dass die Lebensarbeitszeit zwar rein statistisch auch im Baugewerbe um rund zwei Jahre gestiegen sei. Doch es gibt auch viele Mitarbeiter, die frühzeitig aussteigen und unter Berufskrankheiten leiden.

Wer heute im Baugewerbe arbeitet, erlebt eine andere Arbeitswelt als diejenigen, die bereits Jahrzehnte in dieser Branche sind. Viele technische Erleichterungen haben Einzug gehalten; es gibt strengere Vorgaben für den Arbeitsschutz. "Die heute über 50-Jährigen kennen das noch anders und die Folgen sind jetzt noch spürbar", so Klein.

In anderen Branchen wird es immer mehr üblich, dass Mitarbeiter ins Büro wechseln oder in andere weniger belastende Bereiche. Auf dem Bau ist jedoch meist ein andauernder körperlicher Einsatz nötig – trotz Hilfsmittel und Arbeitsschutz. So ist in Branchen mit einer höheren Dienstleistungsorientierung ein Anstieg der Altersstruktur durchaus zu kompensieren bzw. macht er sich nicht derart bemerkbar.

So zeigt sich beispielsweise im verarbeitenden Gewerbe, dass der Altersanstieg in den vergangenen Jahren kaum ein Thema ist. Der Anteil der Erwerbstätigen, die mindestens 50 Jahre alt sind, war 2008 noch fast auf dem gleichen Niveau wie in der Bauwirtschaft. Doch er ist in den vergangenen sieben Jahren weniger stark gestiegen.

Baugewerbe: Konkurrenz um den Nachwuchs

Wie die Zahlen zeigen, die Soka-Bau vorlegt, sind auch diejenigen, die in den vergangenen Jahren eine Arbeitsstelle in der Bauwirtschaft aufgenommen haben, vergleichsweise alt. So habe sich der Beschäftigungsaufbau auf die Altersklasse der älteren Erwerbstätigen ab 50 Jahren beschränkt. In der Altersklasse der 25- bis 49-jährigen (- sechs Prozent) sowie der 15- bis 24-jährigen (-13,4 Prozent) sei die Zahl der Erwerbstätigen seit 2008 sogar gesunken.

Das Problem: Der Nachwuchs fehlt. "Die Konkurrenz ist stark", gibt Ilona Klein zu. Überall dort, wo große Industrieunternehmen den angehenden Azubis geregelte Arbeitszeiten bieten, ohne viele Überstunden und mit einem guten Gehalt, würde das Baugewerbe kaum Lehrlinge bekommen. Zudem gäbe es eine hohe Wechselquote, so dass Gesellen nach der Ausbildung oft vom Handwerk in die Industrie gehen.

"Daran müssen wir arbeiten", sagt Klein und verspricht den Jugendlichen: "Jeder, der derzeit eine Lehrstelle im Baugewerbe sucht und qualifiziert ist, bekommt sie." Der Hinweis auf "qualifiziert" ist ihr wichtig, denn auch bei den Anforderungen gab es in den letzten Jahren einen Wandel. Die Arbeiten als Fachkraft auf dem Bau sind komplexer geworden in Sachen Technik, Materialien, Bauabläufe und den gesetzlichen Vorgaben, die einzuhalten sind. Damit aber auch spannender und mit den Möglichkeiten versehen, dass sich junge Leute in vielen verschiedenen Arbeitsbereichen spezialisieren können. jtw