Altersgerechtes Wohnen erfordert nicht nur Barrierefreiheit. Zukünftige Lebensräume müssen auch andere Bedürfnisse wie das soziale Umfeld berücksichtigen. Das Handwerk spielt beim Umbau eine wesentliche Rolle. Kommunen, Architektur und Betriebe müssen zusammen arbeiten.
Frank Muck

Mit der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, beschäftigt sich der Kongress "Zukunft Lebensräume" am 2. und 3. April in der Messe Frankfurt (mehr dazu nächste Seite) – ein Thema, das auch und vor allem die Bau- und Ausbaugewerke angeht. Denn durch die Veränderung unserer Lebensstile und die Überalterung unserer Gesellschaft eignen sich viele von früher bekannte Wohnformen nicht mehr für die Lebensentwürfe neuer Generationen. Stichworte sind demografische Entwicklung, Urbanisierung, Individualisierung, Mobilität, aber auch Rückkehr aufs Land beziehungsweise in die attraktiven mittelgroßen Städte.
So wollen zum Beispiel 67 Prozent der Befragten einer Umfrage von TNS Emnid für den Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen im Alter von 70 Jahren eine Wohnung oder ein Haus ohne Hilfe bewohnen.
Drei Millionen Wohnungen bis 2020 barrierefrei machen
Das stellt neue Herausforderungen an den Umbau von Wohnraum, was Barrierefreiheit und Größe betrifft: von der Badsanierung über den Umbau von Küchen bis zum Einbau von Aufzügen. Das Handwerk verdient daran mit. Laut einer Studie des Bauministeriums werden bis 2020 circa drei Millionen Wohnungen barrierefrei umgebaut sein – mit Unterstützung des Handwerks. Der Anteil handwerklicher Leistungen an den Gesamtkosten bei der Anpassung von Wohnungen schätzen Experten auf 40 bis 60 Prozent.
Das Sanitär-, Heizungs- und Klimahandwerk etwa hat in den vergangenen Jahren deutlich von der altersgerechten Sanierung profitiert. Der jährliche Umsatz stieg seit 2007 von 30,7 auf 37,8 Milliarden Euro.
Doch nicht nur Innenräume müssen umgebaut werden. Auch die Häuser selbst brauchen in ihren Grundrissen eine Veränderung. Laut Professor Gerd Kuhn, Soziologe am Institut für Wohnen und Entwerfen an der Universtität Stuttgart, sind viele Ein- und Zweifamilienhäuser vielfach zu groß für ältere Menschen. Überwiegend gebe es derzeit 3- bis 4-Zimmer-Wohnungen. "Die wichtigste Frage ist: Wo kommen die Wohnungen für die über 80-Jährigen her?", sagt Kuhn. Schon im Jahr 2009 lag der Bedarf bei 4,1 Millionen. Im Jahr 2030 würden 6,4 Millionen Wohnungen gebraucht.
Ein weiteres Problem ist laut Kuhn das Wegbrechen der sozialen Infrastruktur. Vorstädte und Randlagen verlieren ehemals wichtige soziale Treffpunkte wie Gasthäuser, Gewerbe und Vereinsheime. Die Menschen leben mehr und mehr isoliert. Wohnquartiere an den Stadträndern müssten attraktiver gestaltet werden, denn ältere Menschen wollen in ihrem Wohnumfeld weiterhin selbstbestimmt leben.
Netzwerk genauso wichtig wie die Wohnung
Rolf Höfert, Geschäftsführer beim Deutschen Pflegeverband, bestätigt in einem Interview mit der Zeitschrift Health&Care Management (HCM) den Bedarf. "Ältere, pflegebedürftige und behinderte Menschen wünschen sich, in der Nähe ihrer Sozialkontakte zu leben", sagt Höfert. Dazu gehöre das gesamte Netzwerk notwendiger Leistungsbereiche, wie ambulante Pflege, Haus- und Fachärzte, aber auch kulturelle Angebote und bürgerschaftliches Engagement.
Beispiele für Wohnformen, die diese Bedürfnisse berücksichtigen, gibt es bereits. Gerd Kuhn nennt hier die Genossenschaften "Mehr als Wohnen" in Zürich, "Möckernkiez" in Berlin oder "Wagnis" in München.
Ob das Bewusstsein für diese Veränderungen in den Kommunen und in der Bauwirtschaft schon angekommen ist, darüber herrschen Zweifel. Gerd Kuhn sagt, dass der unauffällige Bestand an Häusern und Wohnungen in den Stadtrandlagen und Wohnvierteln nicht genug beachtet sei. Einige Bau- und Wohnungsbaugenossenschaften widmeten sich zwar diesem Thema, doch "die wesentliche Sensorik für eine entsprechende Bauplanungsordnung ist von den Kommunen zu fordern", sagt Rolf Höfert gegenüber HCM.
Messe "Zukunft Lebensräume" – im Zeichen des demografischen Wandels
Am 2. und 3. April findet im Congress-Center der Messe Frankfurt erstmalig die branchenübergreifende Kongressmesse "Zukunft Lebensräume" statt. Die Veranstaltung befasst sich mit den Auswirkungen des demografischen Wandels auf unsere Wohn- und Lebensräume und richtet sich gezielt an Fachbesucher aus den Bereichen Bauen, Wohnen und Gesundheit. Die Messe bietet den Branchen eine Plattform, Produkte, Konzepte und Lösungen vorzustellen.
"Zukunft Lebensräume" soll Besuchern und Ausstellern dazu dienen, Kontakte zu knüpfen und Netzwerke auszubauen. An beiden Tagen werden Lösungsansätze sowie innovative Konzepte präsentiert, die vor allem den Know-how-Transfer erleichtern sollen. In Vortragsforen präsentieren Experten den aktuellen Stand der Entwicklungen in ihren jeweiligen Branchen. Sie zeigen beispielhafte, bereits realisierte Bauvorhaben sowie innovative System- und Servicelösungen für die Wohnungs- und Gesundheitswirtschaft.
Praxisforum für Technikfragen
In einem Plenum widmen sich Experten der politisch-gesellschaftlichen Situation. Darüber hinaus werden Fachgespräche mit Experten möglich sein. Spezielle Technikfragen werden in einem Praxisforum beantwortet.Folgende Kongressthemen stehen bereits fest:
- Stadt- und Quartiersentwicklung.
- Innovative Wohn- und Lebenskonzepte.
- Anpassung von Wohnraum.
- Investments, Finanzierung und Förderung
- Recht und Rechtssicherheit.
- Marketing und Kommunikation.
Weiterführende Informationen zur Messe gibt es auf der Seite zukunft-lebensraeume.de