Dachdecker suchen neben Fachkräften vor allem Hilfskräfte. Das ist gerade in Regionen mit hoher Beschäftigungsquote ein Problem.
Frank Muck

Wenn Christoph Rixen so könnte wie er wollte, würde er noch heute einen rumänischen Mitarbeiter in seine Firma holen. Der Dachdeckermeister aus Moos am Bodensee braucht nämlich dringend Personal und der Bewerber würde sofort anfangen. Doch mit so viel Flexibilität und Unternehmergeist kommt der deutsche Amtsschimmel leider nicht mit. Die Behörden haben ihm mitgeteilt, dass eine Arbeitserlaubnis nicht vor sechs bis acht Wochen zu haben ist.
Christoph RixenDoch dann ist fast Winter und einen Mitarbeiter, den er nicht kennt, kann er so knapp vorm Winter nicht einstellen. Wenn dann Schlechtwetter ist und der Mann nicht arbeiten kann, hat Christoph Rixen nichts von ihm. Rixen hat ein massives (Fach-)Arbeiterproblem. "Wir könnten immer noch Arbeiten annehmen, aber ich mir fehlen praktisch sechs bis acht Mitarbeiter." Die Auftragsquote liegt bei 70 Prozent und sein Personal macht jeden Tag Überstunden und kommt zusätzlich samstags zum Arbeiten.
Umsatz stieg um zwölf Prozent im Jahr 2011
Felix Fink kennt das Problem. Der Bereichsleiter für Wirtschaft und Unternehmensführung beim Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) weiß um die zum Teil verzweifelte Suche der Betriebsinhaber nach Fachkräften – gerade in Ländern mit geringer Arbeitslosigkeit wie Baden-Württemberg und Bayern. Zumal die Konjunktur für Bau- und Ausbauhandwerke gerade was Sanierungsvorhaben angeht, seit zwei Jahren sehr gut verläuft.
Zum ersten Mal seit zehn Jahren hätten die Dachdecker im vergangenen Jahr eine befriedigende Ertragslage verzeichnet. Der Umsatz war im Jahr 2011 insgesamt um zwölf Prozent angestiegen. Auch die Lage der ostdeutschen Betriebe habe sich gut entwickelt. Trotz der in diesem Jahr zu erwartenden leichten Umsatzverluste werde der Fachkräftemangel anhalten. Der Verband hat schon frühzeitig versucht, gegenzusteuern. Die eigene Kampagne "Dachdecker – dein Beruf!" soll vor allem für jugendlichen Nachwuchs sorgen. Über Facebook, Twitter und mit Bewerbungstipps wird wie in vielen Handwerksberufen um die Schulabgänger geworben.
Bis zu 50 Prozent der Mitarbeiter sind Helfer
Christoph Rixen ist froh, dass er im Moment zumindest gute Lehrlinge bekommt (siehe Kasten). Seine vier Auszubildenden (drei Dachdecker und ein Zimmerer) stehen ihm jedoch noch nicht als vollwertige Fachkräfte zur Verfügung. Was er aber vor allem neben den Fachkräften benötige, seien Hilfskräfte – wie viele andere Betriebe auch. Nach Auskunft des Verbandes sind bis zu 50 Prozent der Mitarbeiter im Dachdeckerbetrieben Dachdeckerhelfer. Bei einer hohen Beschäftigtenquote sind selbst die schwer zu kriegen.
Rixen greift deshalb gerne mal auf außergewöhnliche Maßnahmen zurück. Der Betriebsinhaber hat sich beispielsweise vor einem Jahr auf den Marktplatz der Stadt Singen gestellt und mit einem Schild um den Hals um Mitarbeiter geworben. Selbst diejenigen, die vorher etwas ganz anderes gemacht haben, sind ihm willkommen. Die Reaktionen reichten von Verwunderung über Unverständnis bis zu Zustimmung. Mit Aussendungen an die Medien sucht er nach weiterer Unterstützung. Seinen Mitarbeitern zahlt er Prämien, wenn sie jemanden empfehlen oder gar mitbringen.
Immerhin hat er inzwischen einen Hilfsarbeiter aus Berlin anwerben können. Rixen ist sich sicher, dass er ohne dieses zusätzliche Engagement noch weniger Chancen auf gute Leute hätte. Seine Lehrlinge hätte er sonst nicht so einfach bekommen, sagt er.Ausbildung und Studium
Das Dachdeckerhandwerk verzeichnete vor allen Dingen im Jahr 2010 einen Zuwachs an Auszubildenden. Nach Auskunft von Artur Wierschem, Leiter des Berufsbildungszentrums in Mayen, waren es 3,26 Prozent mehr Lehrlinge zum 1. Januar 2011. Im ersten Lehrjahr wuchs die Zahl sogar um 23,5 Prozent. Wierschem erklärt dieses Wachstum mit der Sensibilisierung der Betriebe für demografische Entwicklungen und der allgemein guten Konjunktur. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des ZVDH rechnet mittelfristig mit einem Rückgang der Lehrlingszahlen demografiebedingt um zehn bis 15 Prozent. Wierschem rät den Betrieben daher, aktiv in Schulen, auf Ausbildungsmessen und anderswo vor Ort Lehrlinge anzuwerben, statt auf Bewerber zu warten. Um die Branche auch für Absolventen höherer Schulabschlüsse interessant zu machen, hat der Verband unter anderem zusammen mit dem Sanitärhandwerk einen Studiengang "Ingenieur für Gebäudehülle" initiiert. Dieser soll zum Wintersemester 2013/14 an der Fachhochschule Rosenheim starten.
