Orthopädietechniker im Einsatz Hightech-Handwerk bei den Paralympics

London ist bereit für ein weiteres großes Sportfest: die Paralympics. Mit dabei ist das Orthopädietechnik-Handwerk, ohne das die Spiele wohl kaum würden stattfinden können. Orthopädietechniker arbeiten vor Ort in den Werkstätten und warten Prothesen und Orthesen der Sportler. Auch hier gilt für die Athleten: Es geht ums Gewinnen.

Burkhard Riering

Das technische Serviceteam von Ottobock hat während den Paralympics alle Hände voll zu tun. In den Werkstätten sind 78 Orthopädietechniker im Einsatz. - © Ottobock

Daniela Schulte ist auserkoren. Die blinde Schwimmerin trägt die Fahne beim Einzug der Deutschen Paralympischen Mannschaft ins Londoner Olympiastadion. 1996 war sie mit 14 Jahren die jüngste Teilnehmerin bei den Paralympics in Atlanta, inzwischen ist sie Mutter zweier Kinder – und schwimmt immer noch.

Hinter Daniela Schulte folgt das deutsche Paralympics-Aufgebot mit 150 Sportlern, davon 88 Männer und 62 Frauen. Insgesamt gehen 4.200 Athleten aus mehr als 150 Ländern in London an den Start. Dabei sein ist alles? Nein, es geht auch hier um Medaillen in Gold, Silber und Bronze, es geht auch hier ums Gewinnen.

Handwerk ist mittendrin

Auch das Handwerk ist nicht nur dabei, sondern mittendrin. Es gibt weltweit kein anderes Ereignis in dieser Größe, bei dem ein Handwerk eine so zentrale Rolle spielt wie bei den Paralympics. Denn ohne Orthopädietechniker in den Reparaturzentren vor Ort könnten viele Sportler wohl gar nicht mitmachen.

Das Herzstück der Spiele sind die schon berühmt gewordenen Ottobock-Werkstätten an den Austragungsorten. Hier im Sportlerdorf im Londoner Stadtteil Stratford und in drei weiteren Arenen sind 78 Orthopädietechniker im vollen Einsatz, um die Prothesen, Orthesen und Rollstühle für die Sportler zu warten, zu prüfen und zu reparieren. Die niedersächsische Medizintechnikfirma Ottobock sponsert die Werkstätten, die Techniker kommen von überall.

Mit den heute hergestellten Sportprothesen können die Athleten Höchstleistungen erbringen. Hier der britische Sprinter John McFall. - © Ottobock
John McFall

Die Handwerker haben alle Hände voll zu tun. Seit einer Woche sind die meisten schon in London. Sie müssen Schäfte von Unterschenkelprothesen herrichten und schlecht laufende Rollstühle wieder flottmachen. Den ersten Einsatz hatte Orthopädietechniker Karim Diab, eine tunesische Sportlerin hatte ihren Rollstuhl gebracht. Danach kommt noch Athletin Svetlana Moshkovich, die Bremsen an ihrem Rollstuhl funktionieren nicht mehr richtig. Bis zu 10.000 Arbeitsstunden werden sie bis zum 9. September geleistet haben. 15.000 Ersatzteile mussten dafür nach London verfrachtet werden.

"Wie Olympia, nur besser"

Der bekannte Channel-4-Blogger James Ballardie hält die Paralympics mittlerweile für spannender als die Olympischen Spiele. Es gebe bei den Behinderten mehr echte Geschichten vom Kampfgeist der Athleten, vom Wiederaufstehen und den Glauben an sich selbst. "Es ist wie Olympia, nur besser", schreibt Ballardie.

"Es geht hier nicht um was Trauriges, es geht um Performance, um Leistung", sagt auch Joe Gross, Marketingchef der Münchner Allianz AG, die Sponsoring rund um die Spiele betreibt. "Wir haben Feuer gefangen", sagt Gross über die Begeisterung für den Behindertensport.

Es werden die größten Paralympics, die es je gab. Ein Riesenspektakel: mehr Athleten denn je, mit 2,5 Millionen verkauften Karten mehr Besucher denn je, mehr TV-Berichterstattung denn je. Alles wird prominenter: Zur Abschlussfeier treten Rihanna und Coldplay auf, David Beckham ist Paralympics-Botschafter.

"Der paralympische Sport ist stärker denn je", sagt Sir Philipp Craven, Präsident des Internationen Paralympischen Comites.  auf einer Pressekonferenz in London und es kann es kaum mehr erwarten: "Ich bin aufgeregt wie ein Fünfjähriger." Die Menschen wüssten mittlerweile mehr über den paralympischen Sport und begännen, die sportliche Exzellenz dahinter zu begreifen.

Deutsche Hoffnungsträger

Auch deutsche Athleten werden bekannter. Da ist Markus Rehm, der in dem ZDF-Trailer mitspielt, der seit Wochen läuft. Der Mann  aus Troisdorf startet bei den Paralympics im Weitsprung und im Sprint. Nach einem Unfall mit dem Wakeboard verlor er einen Unterschenkel. Heute hält er den Weltrekord im Weitsprung. Die Prothese hat er selbst entwickelt: Rehm ist Orthopädietechniker.

Markus Rehm startet bei den Paralympics 2012 im Weitsprung und im Sprint. Im vergangenen Jahr war er bei der IPC Weltmeisterschaft in Neuseeland dabei. - © TSV Bayer 04 Leverkusen
Markus Rehm

Michael Teuber ist ebenfalls Hoffnungsträger. Der Radsportler tritt in Bahnwettbewerben an und beim Straßenzeitfahren. Er trägt gebaute Orthesen der Firma Ortema aus Markgröningen. "Wir wünschen ihm viel Erfolg, seine Träume zu erreichen", sagt Ortema-Geschäftsführer Hartmut Semsch.

Marc Schuh gehört zu den schnellsten Rennrollstuhlfahrern der Welt. Bei den Paralympics will er Gold holen. Dafür tüftelt er seit Jahren auch an der richtigen Rollstuhl-Technik.
Heinrich Popow, dem als Kind ein Bein amputiert werden musste, läuft mit seiner Prothese die hundert Meter unter 13 Sekunden, er ist schneller als die meisten Menschen auf zwei Beinen.

Auch David Behre gehört zum Team. Als beidseitig Unterschenkelamputierter tritt der Rheinländer in derselben Startklasse wie Oscar Pistorius, der bei den Olympischen Spielen als einziger Prothesenläufer mitgemacht hatte. "Der Behindertensport ist immer mehr im Kommen. Alles wird professioneller, deshalb werden auch die Leistungen besser", befand Behre vergangene Woche in der "Frankfurter Allgemeinen".

Die Paralympics-Geschichte begann übrigens auch mit einem Deutschen. Der Neurologe Ludwig Guttmann veranstaltete 1948 in der Nähe Londons einen Wettbewerb unter Kriegsversehrten zur Rehabilitation. Seine Tochter ist 2012 Bürgermeisterin des Olympischen Dorfs in London.

Ein Video zu den Paralympics sehen Sie hier.