Im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung gibt ZDH-Präsident Otto Kentzler interessante Einblicke in seine Pläne für die verbleibende Amtszeit. Außerdem nimmt der Handwerks-Obere Stellung zu den Herausforderungen der Energiewende und einem der wichtigsten Themen des Handwerks - dem Fachkräftemangel.
Burkhard Riering und Karin Birk

DHZ: Herr Kentzler, mit welchen guten Vorsätzen gehen Sie ins neue Jahr?
Kentzler: Ich halte mich an einen Satz von Gustav Heinemann. Der hat gesagt: „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“ Genau deshalb will ich für den Rest meiner Amtszeit bis Ende 2013 noch einiges auf den Weg bringen. Ich möchte aber vor allem, dass wir uns hier im ZDH, aber auch in den Kammern und Fachverbänden, die Frage stellen, wie das Handwerk 2020 aussehen soll. Ich bin sicher: Nur wenn wir auch die richtigen Antworten formulieren, sind die Werte, die uns seit Jahrhunderten ausmachen, zu bewahren. Deshalb möchte ich, dass wir uns konkret überlegen, wo wir uns verändern müssen.
DHZ: Nennen Sie ein Beispiel?
Kentzler: Heute verändern sich die Berufsbilder sehr schnell. Hier müssen wir mitziehen und neue Berufe noch schneller auf den Weg bringen. Nehmen Sie die Energiewende: Sie erfordert Veränderungen und Anpassungen in vielen Berufen. Wir müssen also nicht nur die Energiewende meistern. Wir müssen auch Ausbildung und Fortbildung ständig weiter entwickeln.
DHZ: Muss das Handwerk höher vergüten, um Fachkräfte zu bekommen?
Kentzler: Der Aufholprozess gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen hat längst eingesetzt, über erhöhte Ausbildungsvergütungen, Lohnsteigerungen oder die Vereinbarung von Mindestlöhnen gegen Lohndrückerei. Wichtig sind jetzt noch mehr flächendeckende Tarifverträge, um zu einem fairen Wettbewerb zu kommen.
DHZ: Gleichwohl ist die Industrie ein harter Konkurrent um gute Fachkräfte.
Kentzler: Das stimmt. Allerdings kommt es jungen Leuten bei der Berufswahl nicht nur auf das Einkommen an, wie Studien zeigen. Das Arbeitsumfeld zum Beispiel ist sehr wichtig. Bei uns arbeiten Inhaber und Mitarbeiter eng zusammen. Wir müssen auch andere Pluspunkte stärker herausstellen, etwa, dass es nirgends einen so direkten Weg in die Selbstständigkeit gibt und dass über den Meister hinaus viele weitere Aufstiegsmöglichkeiten bestehen. Selbst Professor kann man werden. Wir haben viel vorzuweisen, wir müssen es nur noch intensiver in die Öffentlichkeit bringen. Auch das habe ich mir für 2012 vorgenommen.
DHZ: Auch Frauen und Ältere können die Lücke schließen.
Kentzler: Ein Drittel aller Beschäftigten im Handwerk sind weiblich – da brauchen wir uns nicht zu verstecken. 27 Prozent Frauenanteil bei den Lehrlingen, über 20 Prozent bei den Meisterprüfungen, rund ein Viertel bei den Gründern – das spricht für sich. Dazu kommen immer mehr familienfreundliche Vereinbarungen in den Betrieben.
DHZ: Und bei den Älteren?
Kentzler: Unser Ziel ist es, Arbeit bis 67 zu ermöglichen. Dafür müssen wir ältere Mitarbeiter weiter qualifizieren, sie nach Leistungsfähigkeit am richtigen Platz einsetzen. Dass dies in größeren Unternehmen leichter ist als in kleineren, ist klar. Viele Betriebe sind hier mit individuellen Lösungen bereits auf dem richtigen Weg.
Erfahren Sie auf Seite 2, ob Kentzler für 2012 eine Kreditklemme erwartet.
DHZ: Stichwort Pflichtversicherung für Selbstständige. Was halten Sie davon?
Kentzler: Wir haben im Handwerk eine gesetzliche Pflichtversicherung für eine Dauer von 18 Jahren. Diese ist nicht mehr zeitgemäß. Denn sie gilt nur für eine willkürlich herausgegriffene Gruppe: Unternehmer, die einen Anlage-A-Betrieb führen und keine Kapitalgesellschaft gegründet haben. Davon wollen wir weg. Jeder Selbstständige sollte die Wahl haben, wo er sich für das Alter absichert. Im Rahmen einer Altersvorsorgepflicht heißt das: entweder in der gesetzlichen Rentenversicherung oder privat abgesichert.
DHZ: Bei den Steuern ist der Regierung auch kein großer Wurf gelungen. Und selbst dieser ist noch nicht sicher ...
Kentzler: Die Reform der Einkommensteuer muss zwar noch durch den Bundesrat. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die SPD die sehr maßvolle Entschärfung bei der kalten Progression torpediert. Ich wüsste nicht, wie sie dies den Arbeitnehmern erklären sollte. Was die Unternehmenssteuern angeht, ist bis auf Entlastungen von Bürokratiepflichten wohl nichts mehr zu erwarten.
DHZ: Sie scheinen insgesamt nicht unzufrieden. Profitiert das Handwerk von der Krise?
Kentzler: Von den gestiegenen Investitionen in Sachwerte profitieren einige Handwerksbranchen. Wie es aussieht, werden wir für 2011 bei einem Umsatzplus von mindestens fünf Prozent landen, 2012 erwarten wir ebenfalls Wachstum, voraussichtlich um 1,5 Prozent.
DHZ: Sehen Sie durch die Krise die Gefahr einer Kreditklemme?
Kentzler: Eine Kreditklemme wird es nicht geben. Aber ich sehe die Gefahr einer Kreditverknappung und -verteuerung durch Basel III. Wir haben uns deshalb auch auf europäischer Ebene dafür eingesetzt, dass die höheren Eigenkapitalanforderungen, die an Kreditinstitute gestellt werden, über einen Ausgleichsfaktor neutralisiert werden, also den Status quo zu erhalten. Das betrifft ins-bsondere die für das Handwerk relevanten Banken, also Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken.
Lesen Sie auf Seite 3, welche Erwartungen Kentzler bei der Energiewende an die Politik stellt.
DHZ: Die Energiewende ist ein zweischneidiges Schwert: einerseits viel Geschäft, andererseits höhere Kosten für Betriebe. Waren Sie am Anfang zu optimistisch in Sachen Energiewende?
Kentzler: Wir haben sehr früh darauf hingewiesen, dass Energieeffizienz der Schlüssel der Energiewende ist. Wo weniger Energie verbraucht wird, muss auch weniger erzeugt und verteilt werden. Und wo mehr Energie dezentral erzeugt wird, kann die Planung für neue Kraftwerke eher überdacht werden.
DHZ: Der Politik fehlt Entschlossenheit?
Kentzler: Ja, da fehlt uns der richtige Schub. Etwa was die steuerliche Absetzbarkeit von Investitionen in die energetische Gebäudesanierung angeht. Die Sanierungsrate darf nicht zurückgehen, sie sollte doch verdoppelt werden. Ich hoffe, dass Bund und Länder bei ihrem dritten und letzten Treffen im Vermittlungsausschuss endlich zu einer Einigung kommen. Sie sollten sich nicht nur von den haushalterischen Erwägungen leiten lassen. Sie sollten auch die Chancen sehen, die verstärkte Investitionen privater Immobilienbesitzer und Mieter für die Klimabilanz und die Konjunktur bieten. Ein Euro Förderung löst acht Euro Investitionen aus – der Staat nimmt also am Ende mehr ein als er ausgibt.
DHZ: Auch die hohen Förderungen der Photovoltaik werden infrage gestellt.
Kentzler: Schon jetzt ist klar, dass die Politik die EEG-Umlage weitgehend stabil halten will und die Einspeisevergütung 2012 sinkt. Noch im Januar lotet die Regierung aus, ob die Förderung weiter sinken muss. Unserer Ansicht nach müsste die Photovoltaik viel stärker zur Eigennutzung herangezogen werden – im gewerblichen Bereich etwa zur Beleuchtung von Fabriken oder Bürogebäuden. Auch hier können wir im Handwerk intelligente Lösungen bieten. Ziel muss es sein, zuerst an den Eigenverbrauch zu denken und erst zuletzt den Strom ins Netz einzuspeisen.
dhz