Meisterprüfungen: Neue Anforderungen Mit dem Blick auf das Ganze

Im Wandel: Mehr und mehr wird die Meisterprüfung ein Test über die Fähigkeit zum ganzheitlichen Denken. Das Meisterstück wandelt sich vom Werkstück zum Projekt.

Frank Muck

Präsentation gehört dazu: Sonja Tönnies, hier vor vor ihrem Meisterstück, findet es nur folgerichtig, dass sie nicht nur ein Möbelstück baut, sondern ein Gesamtprojekt betreut und dem Prüfungsauschuss vorstellt. - © Foto: Soremski

Mit dem Blick auf das Ganze

Sonja Tönnies ist ganz realistisch, wenn sie auf die Frage nach ihrer Fähigkeit, einen Betrieb zu leiten, antwortet. Das, worauf eine Meisterprüfung vorbereiten soll, muss sich natürlich in der Praxis erst bewähren. Die Meisterschule vermittelt die Theorie. Tönnies hat gerade ihre Meisterprüfung als Tischlermeisterin bestanden, als Beste ihres Jahrgangs. Ob das alles reicht, was sie in vier Teilen über Fachpraxis, Unternehmertum, Ausbildung und fachtheoretische Fragen gehört hat, weiß sie jetzt noch nicht. Doch welcher Absolvent müsste sich nicht erst in der Praxis beweisen? Gerade bei einem so komplexen Berufsbild wie dem des Handwerksmeisters mit eigenem Unternehmen.

Der Kunde will mehr als nur ein fertiges Produkt

Damit ihr das besser gelingt, hat die 29-Jährige eine Prüfung absolviert, die deutlich projektorientierter ist, als sie es noch vor ein paar Jahren war. Statt einfach ein Meisterstück zu bauen, hat sie ein ganzes Kundenprojekt bearbeitet, indem sie ein universelles Hängemöbel entworfen, sich dazu einen potenziellen Kunden und die daraus folgende praktische Umsetzung überlegt hat. Der Kunde war ein junges Grafikdesignbüro. So musste das Möbel ebenfalls jung und pfiffig daherkommen. Bewertet wurde in der fachpraktischen Prüfung jedoch weniger das Stück und seine Ausführung als vielmehr die Fähigkeit, das Projekt und seine Motivation in einem Fachgespräch darzustellen und damit eine Herausforderung lösungsorientiert umzusetzen.

Ganzheitlich, handlungsorientiert und fächerübergreifend. Wenn man es in Stichwörtern kurz und bündig wiedergeben wollte, was heutzutage eine Meisterprüfung ausmacht, so bilden diese drei Begriffe die Anforderungen ziemlich genau ab. Uwe Sachelli, zuständig für die Meisterprüfungen bei der Handwerkskammer Kassel, betont: "Das, was Meister heute leisten müssen, hat mit den Anforderungen von damals nichts mehr zu tun." So werde die eigentliche Arbeit, etwa das Bauen eines Möbels oder das Eindecken eines Dachs, gar nicht mehr vom Meister selbst gemacht. Vielmehr habe dieser sich um das Unternehmerische zu kümmern, angefangen bei der Kalkulation, über den Verkauf und eben bis zur Erläuterung eines Projekts.

Auch von den Prüfern wird mehr verlangt

Etwa vor zehn Jahren wurde die neue Art der Prüfung eingeführt, zuerst bei den Kfz-Technikern. Nach und nach werden die Meisterprüfungsverordnungen für alle Berufe umgestellt. Derzeit sei zum Beispiel der Schneidwerkzeugmacher in der Bearbeitung, sagt Rolf Rehbold. Der stellvertretende Direktor des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk (FBH) weist darauf hin, dass dieser Prozess sehr langwierig ist und auch in die Lehrpläne umgesetzt werden muss.

Was die Prüfungsteile III und IV angeht, ist eine Neustrukturierung schon erfolgt. Denn diese sind mit Unternehmensführung und Ausbildungfragen für alle Berufe gleich. Wann dagegen der fachpraktische und der fachtheoretische Teil geändert werden, hängt davon ab, wann jemand den Bedarf erkennt und den Veränderungsprozess in Gang setzt (siehe Kasten). Die Berufe entscheiden also selbst über die Änderung. Rehbold unterstreicht, dass es wichtig ist, zu schauen, in welchen Handlungssituationen sich ein Betriebsinhaber wiederfindet und welche Kompetenzen er braucht, um adäquat darauf zu reagieren.

Zum Verkauf gehört Überzeugungsarbeit

Für Sonja Tönnies ist die neue Art der Prüfung nur folgerichtig. Zum Verkauf eines Möbels gehöre eben auch Überzeugungsarbeit, die man nur leisten könne, wenn man sich etwas gedacht hat. Sie selbst fand deshalb die Präsentation und das Fachgespräch als Teil der Prüfung sehr wichtig. "Schließlich muss man das beim Kunden auch machen", weiß sie. Umgekehrt müssen sich aber auch die Prüfungsausschüsse auf diese Gesprächskultur einstellen. Eine projektorientierte Gesprächsführung verlangt schließlich eine andere Herangehensweise als das Abfragen von lexikalischem Wissen.

Uwe Sachelli bestätigt, dass der Aufwand der Prüfung und damit die Arbeit für die Ausschussmitglieder deutlich höher ist. Es werde eben nicht nur handlungsfeldübergreifend gearbeitet, sondern auch geprüft. Dazu gehört, dass die Prüfer im Fachgespräch themenorientiert diskutieren. Ausschüsse müssen dahingehend geschult werden. Trotz der allgemeinen Müdigkeit am Ehrenamt können die Kasseler ihre Ausschüsse ohne Schwierigkeiten besetzen, so Sachelli. Dafür gehe die Kammer aber auch ungewöhnliche Wege. Neben einer Altersgrenze von 68 Jahren, die vor einer Überalterung schützen soll, betreibt die Prüfungsabteilung aktiv Werbung. "Wir sprechen schon gezielt Prüflinge an, um sie für eine spätere Mitarbeit zu gewinnen", sagt Sachelli.

Umstellung war in jedem Fall nötig

Dass die Umstellung Reibungen und Konflikte ausgelöste hat, war auch Uwe Sachelli klar. Wie bei allen neuen Dingen. "Doch sie war in jedem Fall notwendig", betont der Prüfungsfachmann. Rolf Rehbold bestätigt, dass zahlreiche Verbände eine Überarbeitung ihrer Meisterprüfungsverordnung begrüßen und daher auch voranbringen.

Eine Betriebsgründung steht für Tischlermeisterin Sonja Tönnies im Moment nicht an. Sie konzentriert sich derzeit auf ihre Diplomarbeit im Designstudium. Die Praxis übt sie vorläufig weiterhin in ihrem Lehrbetrieb, indem sie den Chef unterstützt.