Der Luxus, klein sein zu dürfen

In Berufen wie dem Metallbildner tun sich gerade kleine Betriebe schwer mit der Ausbildung. Auch wenn es oft um Nischenmärkte geht, gebraucht wird der Nachwuchs dennoch.

Frank Muck

Harald Gruber wünscht sich von seinen Unternehmerkollegen mehr Engagement in Sachen Ausbildung. - © DHZ/Frank Muck

Der Luxus, klein sein zu dürfen

Als das Metallbauunternehmen Brüll + Gruber im vergangenen Jahr einen Ausbildungspreis von der Handwerkskammer für München und Oberbayern bekam, war Inhaber Harald Gruber ganz schön verdutzt, als er erfuhr, dass er zu dieser Zeit der einzige Ausbildungsbetrieb für Metallbildner in Bayern war. Auch die Chefs der anderen Metallbildnerfirmen zeigten sich geschockt angesichts der Lehrstellenknappheit, erinnert sich Harald Gruber.

Gruber spricht bei seinem Beruf von einer Lehrstellenmisere, wie sie noch vor ein paar Jahren auch in sehr beliebten Berufen die Schlagzeilen dominiert hat. Als Grund für das geringe Angebot sieht er jedoch nicht die schlechte Konjunktur, sondern die Betriebsgröße der meisten Unternehmen. „Es gibt keine großen Betriebe mehr, nur noch Ein- bis Zwei-Mann-Firmen“, sagt er. Denen fehlten die Kapazitäten, um einen Lehrling zu betreuen. Die vermeintlich höhere finanzielle Belastung durch den Auszubildenden lässt er als Argument jedoch nicht gelten. Denn der Lehrling sei ja schließlich produktiv. „Ab fünf Mann muss ein Lehrling drin sein“, findet Gruber.

Auch die Nachfrage nach Ausbildung zum früheren Gürtler schwindet

Sein Betrieb beschäftigt sieben Gesellen. Gruber schwärmt von seinem Beruf und unterstreicht, wie schön dieser sein kann. Er würde es bedauern, sollte sein Beruf der frühere Gürlter wegen fehlenden Nachwuchses irgendwann nicht mehr ausgeübt werden. Denn neben dem Angebot schwindet auch die Nachfrage nach Ausbildung zusehends. Viele junge Leute wüssten einfach nicht um die Attraktivität des Berufsbildes. Noch bekommt Gruber so viele Bewerbungen, dass er keine Stellenausschreibung in der lokalen Presse schalten muss. Bisher wurden Bewerber, die Gruber nicht nimmt, an andere Innungsbetriebe verwiesen. Das wird mangels Angebot jedoch immer schwieriger.

Genug Stellen sind das eine. Ausrichtung der beruflichen Bildung ist das andere. Jorg-Günther Grunwald rechnet nicht damit, dass der Beruf Metallbildner bald von der Liste der handwerklichen Professionen verschwindet. Der Leiter des Arbeitsbereiches „gewerblich-technische und naturwissenschaftliche Berufe“ beim Bundesinstitut für Berufsbildung teilt Grubers Befürchtungen nicht, denn der Beruf Metallbildner hat erst 1998 eine Neuordnung erfahren. Damals wurden die verschiedenen Berufssparten Gürtler, Ziseleur, Metalldrücker sowie Gold-, Silber- und Aluminiumschläger im Beruf Metallbildner mit den jeweiligen Fachrichtungen zusammengeführt. Eine solche Neuordnung werde nicht vorgenommen, wenn die zuständigen Gremien davon ausgehen, dass kein Bedarf für Produkte und Leistungen besteht. Der sei zwar klein, aber eben stetig.

Zahlen sind nicht das Kriterium für die Beibehaltung des Berufs

Grunwald betont, dass die Ausbildungszahlen nicht das Kriterium für die Beibehaltung eines Berufs sein dürfen. „Wir müssen uns den Luxus leisten, in bestimmten Berufen weiter auszubilden“, sagt er. Auch der Erhalt von Berufen wie Geigenbauer oder Glasbläser sei nicht durch Fallzahlen zu rechtfertigen. Wegen ihrer regionalen Stärke lohne sich dennoch deren Bewahrung.

Strengere Maßstäbe stelle man dagegen an neue oder angepasste Berufe. Hier muss ein bestimmter Bedarf vorliegen, der durch die Wirtschaft definiert wird. Wenn diese Berufe nur noch in bestimmte Tätigkeiten mündeten, müssten diese eben nicht als dreijährige Ausbildung angeboten werden, sondern eventuell als Fortbildung oder in eine einer Berufssparte zugeordneten Fachrichtung. Schließlich verursache Ausbildung nicht nur im Betrieb Kosten und Aufwand. Berufsschulklassen, Prüfungsausschüsse und Ausbildungsordnungen müssen schließlich zur Verfügung gestellt werden. Die Sozialpartner wünschen sich dementsprechend größere Einheiten von Berufen, die in Spezialisierungsphasen münden - wie etwa bei der derzeitigen Entwicklung eines Metallberufs mit zweijähriger Grundausbildung, der elf ehemalige Berufe zugeordnet sind und die in spezielle Fachrichtungen mündet.

Ortsnahe Beschulung bei vielen Berufen nicht mehr möglich

Die Neuordnung und die geringen Fallzahlen von Berufen spiegeln sich im Schulangebot wider. Von den rund 350 Ausbildungsberufen insgesamt ist nur ein Drittel so groß, dass eine ortsnahe Beschulung gewährleistet werden kann. Der Lehrling von Harald Gruber muss inzwischen nach Solingen zur Berufsschule und nicht wie bisher nach Nürnberg.

Fließende Grenzen zwischen Berufsbildern und die zuweilen geringen Kapazitäten und Geldmittel führen zu kuriosen Verbindungen von Lehrlingsklassen. In Thüringen etwa werden die Biologiemodellmacher mit den Spielzeugmachern zusammen beschult, weil deren grundlegende Fächer sehr ähnlich sind. „Das sind vor Ort oft kreative und pragmatische Lösungen“, sagt Grunwald. Vorteil ist, dass die Berufe unverändert weiter existieren könnten.

Harald Gruber weiß nicht, wie er weitere Betriebe zu mehr Ausbildungsbereitschaft motivieren kann. Immerhin haben, so sagt er, die Innungsbetriebe im Münchener Kammerbezirk mehr Einsatz versprochen.