Tag des offenen Denkmals Leben in entstellte Objekte hauchen

Alte Gebäude, antike Möbel, historische Bücher – sie müssen erhalten werden, findet die Restauratorin Linda Wadewitz. Im Interview zum "Tag des offenen Denkmals" erläutert die 32-Jährige, warum das für unsere Gesellschaft wichtig ist.

Linda Wadewitz restauriert gerade eine alte Villa. Im Interview erläutert die Resaturatorin, warum Denkmalpflege für unsere Gesellschaft wichtig ist. Foto: ZDH

Leben in entstellte Objekte hauchen

Frau Wadewitz, am 12. September ist der "Tag des offenen Denkmals". Ist dieser Tag für Sie als Restauratorin eine Art Feiertag?

Linda Wadewitz: Für mich ist diese Art "Tag der offenen Tür" ein besonderer Arbeitstag. Ein Tag, an dem ich viel dazulerne und mich von den Denkmälern für meine Arbeit inspirieren lasse. Außerdem kann ich mich mit anderen Restauratoren über bestimmte Objekte unterhalten und auch Kontakte zu potenziellen Kunden knüpfen.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Wadewitz: Ich arbeite mit vielen anderen Handwerkern an einer Gründerzeit-Villa in Wiesbaden. Wir restaurieren Holzverzierungen, -profilierungen und Gesimse mit Fischschuppenmusterung innerhalb des Hauses sowie die Eingangstür aus Eiche. Bei der Tür war die erste Aufgabe, viele Schichten weißer Farbe zu entfernen, die Generation um Generation darauf gepinselt haben. Ich lege nun die ursprüngliche Holzmaserung und die schönen Verzierungen wieder frei.

Was würde aus den Denkmälern, wenn Handwerker wie Sie sich nicht um ihren Erhalt kümmern würden?

Wadewitz: Ohne Maurer, Steinmetze und Tischler? Schon nach wenigen Jahren würden die Denkmäler viel von ihrem Glanz verlieren und nach vielleicht einem Jahrhundert wären sie vollkommen verfallen. Wie schnell es geht, hängt natürlich auch davon ab, wie sehr äußere Umstände – zum Beispiel der saure Regen – an den Denkmälern nagen.

Wie schnell würde der Verfall bei Ihrem Spezialgebiet, den Holzobjekten, fortschreiten?

Wadewitz: Holztore oder -türen, die Wind und Wetter ausgesetzt sind, sind selbstverständlich noch empfindlicher als Gemäuer. Sie würden noch schneller verfaulen. Bei Möbeln und Verzierungen innerhalb eines Hauses sind nicht mehr – wie früher – Pilze oder Holzwürmer das Problem. Die modernen Feinde heißen Fußbodenheizung oder zu starke Sonneneinstrahlung.

Ihre Werkstatt heißt "Phönix Factory". Der mythologische Vogel erwacht immer wieder aus seiner Asche zu neuem Leben. Wie schlimm ist der Zustand der Möbelstücke, wenn Sie bei Ihnen angeliefert werden?

Wadewitz : Mit Asche können wir natürlich nichts mehr anfangen – aber ansonsten bekommen wir fast alles wieder hin. Das älteste Stück, das ich bisher restauriert habe, war eine Barock-Kommode aus dem Jahr 1780. Diese wurde in vielen dreckigen Bruchstücken angeliefert.

Was bedeutet der handwerkliche Erhalt von Denkmälern, den Sie leisten, für unsere Gesellschaft?

Wadewitz: Ich denke, Denkmäler sind sehr wichtig für unsere Identität, unsere Kultur. Sie zeigen uns, was wir in der Vergangenheit geleistet haben. Sie bewahren auch die Kenntnisse von traditionellen handwerklichen Fähigkeiten, die ansonsten verloren gehen könnten. Heute gehören moderne, computergesteuerte Systeme zum handwerklichen Alltag. Dennoch sollten wir versuchen, das klassische Basiswissen zu erhalten und uns auch immer wieder auf seine Ursprünge besinnen.

Sie haben nach Ihrer Handwerkslehre und dem Meister eine Zusatzausbildung zur Restauratorin gemacht. Wie kamen Sie dazu?

Wadewitz: Die Arbeit ist im Vergleich zum modernen Tischlerhandwerk doch sehr fein – in der Lehre habe ich große Spanplattenschränke gebaut, als Restauratorin habe ich mit filigranen Arbeiten, wie der Ausbesserung von Furnieren zu tun. Bei einem Praktikum entdeckte ich, wie reizvoll der Beruf des Restaurators ist: einem mehr oder weniger entstellten Objekt wieder Leben einzuhauchen.

Welche Fähigkeiten muss ein Restaurator für sein Handwerk mitbringen?

Wadewitz: Man sollte neugierig und geschichtlich interessiert sein, über handwerkliches Können verfügen – und eine gute Portion Geduld mitbringen. Denn bevor es überhaupt mit der eigentlichen Arbeit losgeht, beschäftigt man sich mit den Konstruktionsmerkmalen und der Historie des Objektes: Welche Holzarten, Holzverbindungen und Oberflächenmaterialien wurden benutzt, welche Leime verwendet, welcher Stilepoche ist das Möbel zuzuordnen? Neben den handwerklichen Fähigkeiten des Tischlers benötigt der Restaurator deshalb auch geschichtliches Wissen – bei mir ist dieses Interesse aber auch erst mit der Arbeit gekommen.

Arbeiten Sie mit speziellem Handwerkszeug?

Wadewitz: Wir nutzen teilweise noch ganz traditionelles Handwerkszeug und Materialien. Einiges davon findet man in anderen Werkstätten gar nicht mehr – Furnierhammer, Schellack und eine ganze Reihe ungewöhnlicher Leime. Wir haben bei uns zum Beispiel Leim aus Knochen und Sehnen, Hasen- und Fischleim.

Kreativität spielt im Beruf des Tischlers auch eine große Rolle – Sie entwerfen auch eigene Möbel. Wie möchten Sie, dass diese Stücke in ein-, zweihundert Jahren restauriert werden?

Wadewitz: Behutsam und mit Respekt – so wie ich es mit den Möbeln mache, die ich restauriere.

Quelle: ZDH