Thermografie: Zertifizierte Ingenieure und Handwerker sehen sich mit Billiganbietern konfrontiert
Ulrich Steudel
Fachleute klagen über „billige bunte Bildchen“
Obwohl man noch gar nicht daran denken mag die nächste Heizperiode naht. Mit Blick auf stetig steigende Kosten möchten viele Eigentümer ihre Häuser auf energetische Schwachstellen untersuchen, damit möglichst wenig Wärme entweicht. Die Infrarotthermografie kann dabei wichtige Aufschlüsse über notwendige Sanierungsmaßnahmen geben. Aber nur, wenn sie richtig angewandt wird.
Aufnahmen ohne Aussagekraft
Doch da bestehen in vielen Fällen Zweifel, wie ein Beispiel aus Oberfranken zeigt, auf das Maler- und Lackierermeister Dieter Ramming aus Kulmbach im DHZ -Leserforum aufmerksam machte. Im vergangenen Winter haben die Stadtwerke der Biermetropole ihren Kunden ein Angebot unterbreitet, das anerkannte Thermografen für unseriös halten: Für den Schnäppchenpreis von 89 Euro konnten die teilnehmenden Immobilieneigentümer vier Thermogramme so heißen die Bilder spezieller Infrarotkameras von ihren Häusern erstellen lassen. Alle vier wurden von außen aufgenommen. Was die Stadtwerke als Einstieg in eine effiziente Energienutzung sehen, der auch viele Aufträge für das lokale Handwerk auslöse, bezeichnet Dieter Ramming als Geldschneiderei. „Die Teilnehmer erhalten vier schöne bunte Bildchen, die aber oft kaum Aussagekraft über notwendige energetische Sanierungsmaßnahmen haben“, sagt der zertifizierte Energieberater (HWK) und ausgebildete Thermograf.
Rückendeckung bekommt Ramming vom Bundesverband für Angewandte Thermografie. Außenthermografie reiche zur Beurteilung des Wärmeschutzes eines Gebäudes allein nicht aus. „Die meisten Dachflächen, hinterlüftete Fassaden und Schimmelschäden in Außenecken können so nicht untersucht werden. Nur durch die Kombination von Innen- und Außenthermografie, verbunden mit der Kontrolle messtechnisch relevanter Rahmenbedingungen, sind nahezu alle Baumängel quantitativ zu erfassen“, erklärt Sönke Krüll. Seriöse Anbieter würden in Beratungen darauf aufmerksam machen.
Bei Dieter Ramming beginnt eine Untersuchung des Gebäudes mit einem intensiven Kundengespräch. Thermogramme erstellt er nur bei Unterschieden von rund 15 Grad Celsius zwischen Außen- und Innentemperatur, mindestens zwölf Stunden nach Sonneneinstrahlung und bei relativer Windstille. Bis zu 30 Aufnahmen, die meisten von innen, gehören zum Gutachten. Zudem nutzt er die Blower-Door-Messung als Hilfsmittel, um das Gebäude auf Luftdichtheit zu überprüfen. Abschließend bedarf es einer umfangreichen Auswertung der Daten, die mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Eine solche Untersuchung koste zwischen 400 und 600 Euro, würde dafür aber als Grundlage für eine energetische Sanierung taugen und auch ein paar Jahre später aussagekräftige Vergleichsmessungen ermöglichen.
Die Stadtwerke Kulmbach hatten für ihre Aktion die delta GmbH aus Leipzig mit dem Anfertigen der Thermografieaufnahmen beauftragt. Als einheimischer Energieberater und Thermografen ärgert sich Dieter Ramming nicht nur darüber, dass Fachleute vor Ort nicht einbezogen wurden, sondern auch über die Geschäftsbedingungen der delta GmbH, die anders als die nach DIN EN 473 zertifizierten Thermograf Gewährleistungsansprüche ausschließen. Außerdem hätten Studenten die Thermogramme erstellt.
Kunden scheuen hohe Preise
Jörg Pohlhaus von der delta GmbH bestätigt das: „Wir haben teilweise Studenten aus dem Baubereich eingesetzt, die kurz vor ihrem Diplom standen. Allerdings wurde die Auswertung der Bilder bei delta vorgenommen.“ Pohlhaus bezeichnet das Angebot der delta als „orientierende Thermografie“, die dieses Feld einer breiten Bevölkerungsschicht erschließen soll. Denn viele Kunden seien nicht bereit, Preise von 400 Euro für ein Gutachten auszugeben. „Wir liefern kein Gutachten zur Analyse der Gebäudesubstanz und müssen deshalb auch diesbezügliche Rechtsansprüche ausschließen“, so Jörg Pohlhaus weiter, nach dessen Angaben bei delta eine Profikamera vom Typ Flir P 620 zum Einsatz kommt. Rund 40.000 Häuser habe delta schon im Auftrag verschiedener Energieunternehmen im ganzen Bundesgebiet thermografiert.
Doch Masse ist nicht Klasse, zumal delta den Immobilieneigentümern eine Auswertung liefert, in denen die Bauteile des Gebäudes anhand der vier Thermogramme mit Schulnoten bewertet werden. Dieter Ramming, der einige dieser Häuser nachthermografiert hat, ist dabei teilweise zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Bei einem Haus in Marktleugast, dessen Dach von delta mit einer „eins“ benotet wurde, stellte Ramming Mängel in der Dämmung fest. Zudem besitzt das Gebäude eine hinterlüftete Fassade hätte also von delta, nach deren eigenen Ansprüchen, gar nicht thermografiert werden dürfen.
Aufklärungsarbeit wichtig
Für Georg Dittié aus Königswinter sind so genannte Billigthermogramme nicht nur unvollständig, sondern teilweise sachlich falsch. „Das ist nicht hinnehmbar“, klagt der promovierte Wärmetechniker, der unter anderem für die Deutsche Gesellschaft für zerstörungsfreie Prüfung Thermografen ausbildet und als Gutachter schon viele Billigthermogramme auf dem Tisch hatte. Sie verstießen oft gegen die Regeln der Darstellungsneutralität, die bei der Auswertung Manipulationen der Farben verhindern soll.
Dittié teilt die Thermografieszene in zwei Strömungen ein: Anbieter mit einer ingenieurtechnischen Ausbildung sowie zertifizierte Handwerker einerseits und die Billiganbieter andererseits. Beide stünden im freien Wettbewerb, letztlich werde der Markt entscheiden. „Wenn sich Thermografie in der üblichen Qualität durchsetzen soll, ist noch sehr viel Aufklärungsarbeit nötig. Aber es lohnt sich. Ich mache das seit zehn Jahren und bei uns im Rheinland zeigen sich erste Erfolge“, animiert Dittié seine Mitstreiter, im Ringen um eine fachlich fundierte Thermografie nicht nachzulassen.
Bei den Stadtwerken Kulmbach ist diese Botschaft schon angekommen. Rund 300 Häuser wurden im vergangenen Winter von delta thermografiert. „Die Teilnehmer waren sehr zufrieden“, sagt Geschäftsführer Stephan Pröschold, der über eine Fortsetzung der Aktion in der bevorstehenden Heizperiode nachdenkt. Doch diesmal sollen die Energieberater vor Ort einbezogen werden.