Die Macht des Salzes

Der niedrige EU-Grenzwert für Salz in Backwaren ist vorläufig vom Tisch

Von Frank Muck

Die Macht des Salzes

Salz und Brot gehören zusammen. Das weiß jeder, der zum Einzug in ein neues Heim schon mal dieses typische Gastgeschenk bekommen hat. Bescheren diese beiden Symbole doch Fruchtbarkeit, Reichtum und Gesundheit. Dem Salz und dem Brot wurden in früheren Zeiten aber noch weitergehende Fähigkeiten zugesprochen. Schutz vor Krankheit oder Seuchen etwa. Gar fiebersenkend soll es sein. Aber was noch viel wichtiger ist. Brot und Salz sind Abwehrmittel gegen böse Geister, Dämonen oder Teufel. So mancher wird sich wünschen, diese beiden Hausmittel würden helfen, die bösen Geister, die zuweilen in die EU-Kommission fahren, abzuwehren. Zumindest fragt man sich, ob die Kommission nicht manchmal von allen guten Geistern verlassen ist, wenn sie EU-weit vorschreiben will, was man für gesund halten soll. Denn so recht einleuchten wollte es hierzulande niemandem, dass deutsches Brot in seiner Form und Vielfalt nicht mehr gesund sein sollte. Das berühmte Vollkornbrot mit einem den Grenzwert übersteigenden Salzgehalt hätte es schließlich ebenfalls getroffen. Die Konsequenz aus der Festlegung der Kommission hätte jedenfalls gelautet, dass deutsche Bäcker nicht mehr damit hätten werben dürfen, dass ihr Brot gesund ist.

Vorerst ist die Sache vom Tisch. Die neuen Salzgrenzwerte haben derzeit keine Auswirkungen auf die Werbebotschaften deutscher Bäcker. Als Grenzwert sind nun 1,5 Prozent vorgesehen. Nach den ursprünglichen Plänen der Kommission sollte der Natriumgehalt bezogen auf 100 g des Endprodukts
400 mg betragen, was einem Kochsalzgehalt von 1 g oder eben 1,0 Prozent entspricht. Der erhöhte Grenzwert entspricht in etwa dem, was die Bäcker schon heute ihren Backwaren beimischen. Allerdings gilt diese Schwelle nur für eine Übergangszeit von sechs Jahren. Bis dahin sollen die Bäcker sich an den neuen Grenzwert mit gesünderen Ersatzstoffen heranbacken. Ob diese allerdings gesünder als Salz sind, ist stark zu bezweifeln. Denn darum geht es der Kommission schließlich. Die EU-Bürger sollen sich gesünder ernähren und um dieses Ziel zu vereinfachen, soll man schneller erkennen, was ungesund ist. Am Anfang dieser Initiative stand also wie so oft eine gute Absicht. Aussagen, die mit der vermeintlichen gesundheitsfördernden Wirkung bestimmter Lebensmittel werben, sollen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft werden. Vielleicht würde das so manchen rechtsdrehenden Joghurt seinen inzwischen gefühlten Medikamentenstatus kosten. Auch die von der europäischen Lebensmittelbehörde geplante Ampel, die ungesunde Lebensmittel mit einem roten, gesunde mit einem grünen Punkt kennzeichnet, ist bei der schieren Menge an Lebensmitteln und der Undurchschaubarkeit der ihnen angehefteten Werbung keine schlechte Idee. Doch dass deutsches Brot wegen seines Salzgehalts ungesund ist, ist schlicht unbewiesen. Selbst die Annahme, dass viel Salz ungesund ist, entbehrt eines wissenschaftlichen Beweises, wie der Lebensmittelchemiker und Wissenschaftsjournalist Udo Pollmer jüngst zur EU-Salz-Grenze auf Deutschlandradio Kultur bemerkte. Die Tatsache, dass deutsches Brot dann einen roten Aufkleber für zu viel Salz aufgedrückt bekäme, wäre dann nur dieser weitverbreiteten, aber womöglich falschen Annahme geschuldet. Und andersrum: Wer sagt denn, dass die Stoffe, die das Salz in sechs Jahren ersetzt haben sollen, gesund sind?

Ob es nun die Verkostung der Europaabgeordneten Anja Weisgerber (CSU) für Abgeordnete des EU-Parlaments oder die Einsicht der EU-Kommission, dass dem gemeinen EU-Bürger vielleicht doch nicht vorzuschreiben ist, was er isst oder nicht und von was in welcher Menge und zu welchem Preis, ist letztlich unerheblich. Vorläufig jedenfalls haben die deutschen Bäcker Ruhe, was ihre Werbebotschaften angeht. Beim Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks ist man erleichtert. „Es freut uns natürlich, dass die Kommission auf die deutschen Bäcker zugeht“, sagt Matthias Wiemers, Geschäftsführer beim Zentralverband und zuständig für Lebensmittelrecht, „das ist das, was wir wollten.“ Allerdings könne eine zeitliche Begrenzung nicht akzeptiert werden.

Der Zentralverband wird also weiterhin mit dem Thema beschäftigt sein. Vielleicht sollte er einfach die den beiden Lebensmitteln Brot und Salz nachgesagten Wirkungen nutzen und in spätestens sechs Jahren ein Heer deutscher Bäcker, bewaffnet mit Brot und Salz, nach Brüssel schicken, um der EU-Kommission die in sie gefahrenen Dämonen auszutreiben.