Die digitale Welt ist in der dualen Berufsausbildung noch wenig vertreten. Zwar nutzen praktisch alle Berufsschullehrer das Internet für ihre Recherchen. Lernmanagementsysteme, Selbstlernprogramme oder digitale Medien finden aber kaum Einsatz. Warum das eine vertane Chance ist, zeigt jetzt eine Studie.

Junge Männer mit niedrigem Schulabschluss gelten oft als schwierige Kandidaten in der Ausbildung. Doch genau der Bereich, über den sie gut zu motivieren sind, wird in der dualen Ausbildung vernachlässigt. Das zeigt der “Monitor Digitale Bildung“, eine repräsentative Studie zur digitalen Bildung an Berufsschulen der Bertelsmann Stiftung.
Darin sprechen sich 93 Prozent der Berufsschüler für einen sinnvollen Mix aus digitalen und analogen Angeboten aus. 85 Prozent sagen, Lehrer sollten “häufiger etwas Neues mit digitalen Medien ausprobieren”.
Junge Männer motiviert durch digitale Mittel
Gerade jüngere, männliche Auszubildende mit einem niedrigen Schulabschluss lassen sich nach eigenen Aussagen durch die Techniken zum Lernen antreiben. 34 Prozent der Azubis mit Hauptschulabschluss gaben laut Studie an, dass digitales Lernen sie motiviere, vor allem die eigenständige Gestaltung von Inhalten mit digitalen Mitteln (29 Prozent). Unter den Azubis mit Abitur sind beide Werte nur halb so hoch.
Angesichts der Herausforderung, immer mehr gering qualifizierte Auszubildende in die duale Berufsausbildung integrieren zu müssen, ist dieser Befund bedeutsam. Offenbar sind digitale Lernmedien und Angebote besonders gut dazu geeignet, gering qualifizierte Jugendliche zu interessieren, zu motivieren und ihnen in Folge bessere Teilhabe- und Erfolgschancen im beruflichen Ausbildungssystem zu eröffnen.
Bislang jedoch, so die Autoren der Studie, verpassen Berufsschulen und Betriebe diese Gelegenheit. Internet-Recherchen, Lernspiele, Apps und das Erstellen eigener Inhalte seien demnach die Ausnahme.
Keine Zeit, kein Geld für digitale Medien
Berufsschullehrer sind sich dieses Mangels bewusst. Sie klagen laut Studie sowohl über zeitliche als auch über finanzielle Hürden, wenn sie digitale Medien im Unterricht nutzen möchten. Es fehle an Orientierungshilfen, um die vielfältigen Möglichkeiten des digitalen Lernens kennenzulernen und zu erproben.
Bisher bemühen sich Schulen in erster Linie aus Imagegründen um eine bessere Ausstattung mit Geräten und eine entsprechende Infrastruktur. Statt DVDs zeigen die Lehrer Youtube-Videos, Unterrichtsmaterialien gibt es als pdf-Datei.
Welche strategische Bedeutung die digitalen Medien aber für die Schul- und Unterrichtsentwicklung haben, wie Ausbildungsinhalte zwischen Schule und Betrieb via digitale Medien verzahnt werden können, haben nach Ansicht der Studienautoren die Berufsschulleiter aber noch kaum erkannt.
Ältere Berufsschullehrer Vorreiter bei digitalen Medien
Interessanterweise zählen zu den Befürwortern digitaler Medien in der Ausbildung nicht die jüngeren Lehrer, die sel bst als digital natives gelten können. Ihnen fehle die Zeit, sich mit digitalem Lernen zu beschäftigen. Vorreiter sind diejenigen mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung. Von ihnen nutzen 77 Prozent Software im Unterricht, 70 Prozent Wikis (ein Hypertextsystem für Webseiten, deren Inhalte gelesen und direkt im Webbrowser geändert werden können) und 43 Prozent elektronische Tests.
Nur 34 Prozent der Lehrer nutzen laut Studie Lernmanagementsysteme, Sel bstlernprogramme oder digitale Medien zur Entwicklung eigenständiger Inhalte. In Ausbildungsbetrieben ist die Lage ähnlich: Hier spielen Sel bstlernprogramme (32 Prozent) oder webbasierte Trainings (18 Prozent) nur eine geringe Rolle.
Smartphones und Tablets der Schüler, aber kein W-LAN
Wenn Smartphones oder Tablets im Unterricht auftauchen, kommen die Geräte laut Studie bisher überwiegend aus dem Privatbesitz der Schüler. Aber: Die große Mehrheit der Berufsschullehrer habe für den Unterricht kein oder nur unzureichendes W-LAN zur Verfügung, so dass auch die mitgebrachten Geräte nicht sinnvoll eingesetzt werden können. Nur 38 Prozent aller Berufsschulen verfügen über eine gute W-LAN-Verbindung, 40 Prozent der Berufsschulen haben überhaupt keine Verbindung. Ausbildungsbetriebe seien in der Regel noch schlechter ausgestattet.
Mehr Informationen zur Studie sowie zu Empfehlungen, wie Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe besser mit der digitalen Herausforderung umgehen können, unter www.bertelsmann-stiftung.de.
Private Nutzung digitaler Medien
Berufsschüler setzen digitale Medien beim Lernen zu Hause wesentlich häufiger ein als im Unterricht oder im Betrieb. Das gilt für Wikis (79 Prozent aller Azubis) und Video-Angebote (75 Prozent) ebenso wie für Chat-Dienste (68 Prozent) oder soziale Netzwerke (45 Prozent).
In Berufsschule und Betrieb hingegen werden lediglich Wikipedia und andere Wikis von einem nennenswerten Teil der Schüler angewendet (49 Prozent bzw. 37 Prozent), alle anderen digitalen Technologien bleiben zum Teil deutlich unter 20 Prozent.
Einzig digitale Präsentationstools kommen im Unterricht häufiger als zu Hause zum Einsatz.
Quelle: Bertelsmann Stiftung, Monitor digitale Bildung
bst