Die Zahl und das Niveau der Bewerber sinken, Betriebe müssen sich also in der Ausbildung immer stärker einsetzen. Auch die Handwerkskammern haben das erkannt und bieten Hilfe an.
Barbara Oberst

"Seit 40 Jahren bilde ich aus. So schwierig wie heute war es früher nie." Fred Skof ist Karosseriebau- und Kfz-Mechanikermeister und führt in Nürnberg eine Kfz-Werkstatt. Von seinen 15 Mitarbeitern sind stets zwei Azubis. Deren Ausbildung liegt Skof am Herzen. "Zusätzlich zur Meisterausbildung habe ich eine Ausbilderqualifikation, ich mache Schulungen und auch meine Azubis dürfen Schulungen besuchen. Ich bin immer dabei, prüfe die Berichtshefte, ich will wirklich, dass meine Azubis durchkommen."
Um so schlimmer traf es den gestandenen Handwerker, als zwei seiner Azubis in der Berufsschule massive Probleme bekamen. "Das Schizophrene ist, dass sie im Betrieb überhaupt nicht auffielen. Aber in der Berufsschule war es so schlimm, dass ich befürchtet habe, sie hören auf", beschreibt Skof. Wie Fred Skof geht es vielen. Die Qualität der Bewerbungen sinkt, Auszubildende ecken an, bis zu 25 Prozent der jungen Leute, die in einem Handwerksbetrieb ihre Ausbildung beginnen, bringen sie hier nicht zu Ende.
Soziale Defizite
Die Gründe für die Auflösung von Ausbildungsverträgen sind vielschichtig. Die Azubis stellen fest, dass sie sich den Beruf anders vorgestellt hatten, sie kommen fachlich oder sozial nicht klar, haben Probleme in der Berufsschule, bei einigen entwickeln sich Allergien, manche entscheiden sich für eine weiterführende Schule. Betriebe klagen, die jungen Leute hätten schulisch und sozial große Defizite, seien lustlos, unpünktlich, sie fehlten unentschuldigt, selbst Diebstahl sei nicht selten.Wenn zwei sich streiten, einen Dritten holen
Bis zu 70 Prozent der Auszubildenden, deren Vertrag vorzeitig gelöst wird, beenden ihre Ausbildung an anderer Stelle. Trotzdem ist die hohe Rate an zunächst gescheiterten Ausbildungsverhältnissen ein Problem. Beide Seiten verlieren dadurch Zeit, Geld und vor allem Motivation. Folgende Tipps helfen, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden:- Ausbilder ausbilden: Schulungen und Workshops vermitteln nicht nur, wie man besser ausbildet, sondern auch, wie sich Konflikte lösen lassen.
- Praktikum: Jugendliche, die den Betrieb schon vor Unterschrift des Ausbildungsvertrags kennenlernen, wissen, was auf sie zukommt. Wechsel wegen falscher Berufsvorstellungen können so vermieden werden.
- Allergietest: Krankenkassen raten Versicherten mit Allergierisiko, sich vor der Entscheidung für einen Beruf auf berufsspezifische Allergien testen zu lassen –- Betriebe können Bewerber auf diese Möglichkeit hinweisen.
- Interne und externe Ansprechpartner: Gleich zu Beginn der Ausbildung sollte der Ausbilder dem Azubi erklären, an wen er sich bei Problemen wenden kann – innerhalb, aber auch außerhalb des Betriebs.
- Regelmäßige Gespräche: Ausbilder und Azubi tauschen sich wöchentlich darüber aus, was gut lief und wo man sich mehr erhofft – nicht nur im Betrieb, auch in der Berufsschule. Wo Probleme erkannt werden, beispielsweise Schwierigkeiten in der Schule, kann der Betrieb Hilfe vermitteln (z.B. ausbildungsbegleitende Hilfen der Arbeitsagentur, arbeitsagentur.de , Suchpfad: Unternehmen, finanzielle Hilfen, Rehabilitation, ausbildungsbegleitende Hilfen).
- Lernanreize und Kontinuität: Durch interessante Lernangebote und Erfolgserlebnisse steigt die Motivation der Azubis. Demotivierend wirkt es, wenn der Azubi nur anfangs eingelernt wird und dann ausschließlich Standardarbeiten erledigen muss, ohne Neues zu lernen.
- Hilfe von außen: Wenn sich Probleme abzeichnen, frühzeitig Kontakt zu Ausbildungsberatern oder Lehrlingswarten aufnehmen. In festgefahrenen Situationen können Dritte oft besser vermitteln.
- Vernetzung: Kontakte zwischen Berufsschullehrern, Ausbildern, Ausbildungsberatern und Eltern helfen, Probleme zu erkennen und zu lösen. bst
Dass Ausbildungen im Handwerk häufiger aufgelöst werden als in anderen Branchen, mag an der Ausgangssituation liegen: Kein anderer Wirtschaftsbereich nimmt so viele Absolventen mit oder sogar ohne Hauptschulabschluss auf. Diese Zahl wird sich wegen der demografischen Entwicklung sogar noch erhöhen, immer mehr Schwächere werden in die Ausbildung übernommen. Christian Kaiser, Leiter der Abteilung für Berufsbildungs- und Prüfungswesen in der Handwerkskammer für Mittelfranken, sieht darin eine Herausforderung: "Diese Leute bringen Defizite mit, ja, aber sie haben auch Potenziale. Oft haben sie großes Talent im Praktischen, und das müssen wir nutzen."
Hilfe so früh wie möglich
Mit dem vom bayerischen Staatsministerium geförderten Projekt "Ausbildungsbegleitung für Handwerksbetriebe und Auszubildende" unterstützt die Handwerkskammer für Mittelfranken deswegen Betriebe und Auszubildende. So früh wie möglich sollten sich diese an die Abteilung wenden, wenn Probleme auftreten, rät Kaiser: "Da, wo wir eingeschaltet wurden, konnten wir immer sehr erfolgreich vermitteln." Das bestätigt auch Fred Skof: "Einmal pro Woche kam ein Ausbildungsbegleiter in unseren Betrieb. Er unterhielt sich in Einzelgesprächen mit den Azubis, aber auch mit den Ausbildern und Gesellen und gab uns Tipps, wie wir die Schwierigkeiten anpacken können." Wieder mehr Ruhe, so sagt Skof, sei dadurch in den Betrieb eingekehrt.Maßnahmen gegen die vorzeitige Auflösung
In allen Fragen und Problemen im Zusammenhang mit der Ausbildung sind für Betriebe und Auszubildende die Ausbildungsberater der Handwerkskammern erste Anlaufstelle. Darüber hinaus bieten viele Kammern zusätzliche Programme und Hilfen, um Probleme im Zusammenhang mit der Ausbildung zu lösen. Hier Beispiele, Einzelheiten sind bei der eigenen Handwerkskammer zu erfragen:- Ausbilderqualifikation: Spezielle Schulungen für Ausbilder bieten Handwerkskammern und Innungen, die Inhalte reichen von allgemeinen Informationen über Konfliktlösung bis hin zu Motivationstraining.
- VerA: Sehr viele Handwerkskammern kooperieren mit dem Senior Experten Service im Rahmen des Programms zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen. Das Angebot wendet sich an junge Menschen, die in ihrer Ausbildung auf Schwierigkeiten stoßen. Der Senior Experten Service stellt ihnen erfahrene Experten als Vertrauenspersonen zur Seite (vera.ses-bonn.de).
- Im hessischen Projekt QuABB (Qualifizierte berufspädagogische Ausbildungsbegleitung in Berufsschule und Betrieb) beraten und unterstützen Ausbildungsbegleiter Jugendliche und versuchen so, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden (quabb.inbas.com).
- Matching: Bei der passgenauen Vermittlung unterstützen Handwerkskammern Unternehmen und Ausbildungsplatzsuchende und informieren über Fördermöglichkeiten (z.B. Handerkskammer Niederbayern-Oberpfalz).
- Startergespräche: Zu Beginn der Ausbildung sollen Startergespräche den Austausch zwischen Betrieb, Azubi und Ausbildungsberater fördern (z.B. Handwerkskammer Ulm).