"Wir müssen die Stromlücken schließen"

Um die Stromversorgung in Deutschland auf erneuerbare Energien umzustellen, bedarf es laut Matthias Kurth, dem Präsidenten der Bundesnetzagentur, einer Revolution der Speichertechnologie. Im DHZ-Gespräch erklärt er, welche Anforderungen das Stromnetz der Zukunft bewältigen muss. Interview: Ulrich Steudel

Matthias Kurth, der Präsident der Bundesnetzagentur, erwartet durch die Investitionen in den Leitungsbau keine extremen Erhöhungen des Strompreises. Foto: Bundesnetzagentur

"Wir müssen die Stromlücken schließen"

DHZ: Herr Kurth, die angestrebte Energiewende wird zur Belastung für die Stromnetze. Drohen im nächsten Winter in Deutschland die Lichter auszugehen?

Kurth: Wir bemühen uns natürlich, das zu verhindern, gemeinsam mit den Netzbetreibern, deren Aufgabe das ist. Wir haben auf gewisse Stromlücken im Süden hingewiesen, wenn zum Beispiel kein Wind weht, die Sonne nicht scheint und wir Höchstlast haben. Jetzt untersuchen wir, wie diese mögliche Lücke geschlossen werden kann. In Betracht kommen Kraftwerke aus der Kaltreserve, die wieder aktiviert werden könnten, oder eines der Moratoriumskraftwerke, das zeitweise als Reserve noch einmal angefahren werden könnte. Außerdem suchen wir im nachgelagerten Netz nach kleineren Kraftwerken mit weniger als 100 Megawatt Leistung. Wir hoffen, dass wir im Herbst eine belastbare und sichere Aussage für den bevorstehenden Winter treffen können.

DHZ: Die meisten der acht abgeschalteten Atomkraftwerke befinden sich in Süddeutschland, die großen Offshore-Windparks entstehen dagegen in der Nord- und Ostsee. Wie kommt der Strom künftig zu den Verbrauchern?

Kurth: Der größte Teil des Zuwachses durch erneuerbare Energien auf 35 Prozent in zehn Jahren wird in Form von Windstrom tatsächlich aus dem Norden kommen, und zwar an Land wie auf See. Aber dort wird der Strom ja nicht verbraucht. Wir haben schon jetzt Situationen, in denen Windräder abgeregelt werden müssen, weil die Netze überlastet sind. Die einzige denkbare Lösung ist, den Leitungsbau in den nächsten fünf Jahren erheblich zu verstärken. Das wird von uns mit Hochdruck in Angriff genommen.

DHZ: Nach einer Studie der Deutschen Energie-Agentur sind bis 2020 mehr als 3.600 Kilometer neue Leitungen nötig, um Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz zu integrieren. Ist das Ihrer Meinung nach überhaupt zu schaffen?

Kurth: Da der Bundesrat dem Netzausbaubeschleunigungsgesetz zugestimmt hat, bin ich optimistisch, dass die Planungsverfahren in fünf Jahren zu schaffen sind. Wie viel Kilometer neue Leitungen tatsächlich gebraucht werden, wird noch einmal sehr gründlich geprüft werden. Wir wollen bis Herbst nächsten Jahres einen Bundesbedarfsplan für den Netzausbau erarbeiten. Die Netzbetreiber rechnen im Moment mit drei Energieszenarien und wir werden im Laufe eines Jahres einen Dialog darüber führen, welches Szenario wir dem Netzausbau zugrunde legen wollen. Es gibt ja Bundesländer, die wollen mehr erneuerbare Energien als von der Bundesregierung angestrebt. In der Diskussion steht aber auch die Rolle der konventionellen Kraftwerke. Es gibt auch Meinungen, dass durch dezentrale Stromerzeugung im Süden Deutschlands weniger Netzausbau nötig ist. Das halte ich zwar nicht für richtig, aber wir müssen darüber diskutieren und Aufklärungsarbeit leisten.

DHZ: Welche Auswirkungen haben Investitionen in das Netz auf den Strompreis?

Kurth: Wir haben überschlägig berechnet, dass die Anbindung der geplanten Offshore-Anlagen in Nord- und Ostsee mit einer Leistung von 25 Gigawatt rund 25 Milliarden Euro kosten wird. Bei den Übertragungsnetzen rechnen wir mit 20 Milliarden Euro. Bei den Netzinvestitionen, die sehr sukzessive erfolgen, geht nur die jeweilige Abschreibungsrate in die Netzentgelte ein. Freileitungsnetze halten 40 Jahre und mehr. Deshalb glauben wir, dass der Strompreis durch den Netzausbau höchstens um einen, maximal anderthalb Cent pro Kilowattstunde steigen wird. Gerade weil solche Investitionen sehr langfristig abgeschrieben werden und von den Verbrauchern nicht in einem Jahr finanziert werden müssen, wie das zum Beispiel beim Erneuerbare-Energien-Gesetz der Fall ist. Im Moment werden die erneuerbaren Energien mit 13 Milliarden Euro pro Jahr gefördert.

DHZ: Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat im vergangenen Jahr die These aufgestellt, dass die Stromversorgung bis 2050 komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden könnte ohne Versorgungsengpässe und zu wettbewerbsfähigen Kosten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Kurth: Voraussagen über 40 Jahre sind immer problematisch, weil niemand die Zukunft sicher voraussagen kann. Die Unbekannten wachsen daher exponentiell auf der Zeitachse. Durch die Schwankungen bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wird der Wechsel von Mangel- und Überschussproduktion zum Regelfall. Dann brauchen wir so große Speicher, dass wir daraus unseren Strombedarf über mehrere Wochen decken können. Das setzt eine Revolution der Speichertechnologie voraus. Bei so vielen auch technologisch Unbekannten möchte ich keine derartige Prognose abgeben.