ZDH verteidigt das Handwerk Alle arbeiten, zu wenige bilden aus

Eine Studie schlägt Alarm, weil Ausbildungs- und Beschäftigtenzahlen immer weiter auseinander driften. Ein Fazit der Studie: Die duale Ausbildung müsse bei anhaltender Entwicklung komplett neu überdacht werden. Der ZDH kritisiert diese Einschätzung und nimmt das Handwerk in Schutz.

Barbara Oberst

Immer weniger Betriebe bilden aus. Muss die duale Berufsausbildung neu überdacht werden? - © contrastwerkstatt - stock.adobe.com

Die Beschäftigung boomt, die Ausbildung bröckelt: So lautet das Fazit der Bertelsmann Stiftung zur Studie "Entwicklung der Berufsausbildung in Klein- und Mittelbetrieben". Wissenschaftler der Universität Göttingen hatten im Auftrag der Stiftung untersucht, wie sich Ausbildung und Beschäftigung in Deutschland seit 1999 entwickelt haben. Die Zahlen sind nicht neu, dennoch alarmieren die Ergebnisse.

Duale Ausbildung grundsätzlich überdenken

Zwischen 1999 und 2015 wuchs die Quote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SvB) um 12,1 Prozent. Genau entgegengesetzt ist die Entwicklung der Ausbildungszahlen. Dieser Wert sank im gleichen Zeitraum um 6,7 Prozent, besonders stark nach der Finanzkrise und besonders stark in Kleinbetrieben. In der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands war die Zahl der Auszubildenden bisher immer an die der Beschäftigten gekoppelt.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, warnt: "Wenn Unternehmen in der aktuell guten Konjunktur- und Beschäftigungslage nicht mehr junge Menschen ausbilden, ist der Fachkräftemangel hausgemacht." Sollte sich dieser Trend verstärken, müsse man grundlegend neu über die duale Ausbildung nachdenken, so eine Schlussfolgerung der Studie.

Handwerksbetriebe tragen keine Schuld

Aus Sicht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) gehen diese Bewertungen an der Realität der Betriebe vorbei. Die Ausbildungsleistung im Handwerk liege weit über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft, getragen von Klein- und Kleinstausbildungsbetrieben: "Der Anteil ausbildender Unternehmen ist hier mit 24 Prozent fast doppelt so groß wie im restlichen Mittelstand", informiert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke.

Die Betriebe suchten händeringend nach Bewerbern. Der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze im Handwerk sei von 3,9 Prozent 2009 auf 9,4 Prozent im Jahr 2016 angestiegen. Die rückläufige Ausbildungsbetriebsquote Betrieben anzulasten, die über keine Personalabteilung und Ressourcen verfügen, werde der Problematik nicht gerecht.

Kommentar: Die Kleinen sollen es richten

Selten sprechen Statistiken eine so klare Sprache: Die Zahl der Berufstätigen in Deutschland wächst seit Jahren, die Kurve steigt und steigt. Manche Regionen sprechen gar von Vollbeschäftigung. Am Arbeitsmarkt sind gut ausgebildete Fachkräfte schwerer zu finden als saubere Dieselautos auf den Straßen. Nur wer ausbildet, hat eine Chance, seinen Fachkräftebedarf auch künftig decken zu können. Aber: Immer weniger Betriebe bilden aus. Beschäftigung und Ausbildung haben sich entkoppelt.

So weit die Statistik. Um zu verstehen, was das für das Handwerk bedeutet, sind weitere Statistiken nötig. Zunächst eine zur Demografie, so wie wir sie in den letzten Jahren kannten: Die geburtenstarken Jahrgänge marschieren stramm auf das Rentenalter zu. Ihnen folgen wesentlich kleinere Jahrgänge, die diese Lücke nicht füllen können. Nun zeigen zwar jüngste Erkenntnisse, dass die Berechnungen der Demografen nicht mehr stimmen; dass wegen höherer Geburtenraten und durch Zuwanderung die Schülerzahlen wieder steigen und damit auch mehr potenzielle Auszubildende nachkommen.

Doch das entschärft die Lage nur wenig. Der Trend zu möglichst hohen Bildungsabschlüssen lässt sich ebenfalls statistisch nachweisen und er gräbt dem Handwerk das Wasser von oben ab. Wer studieren darf, studiert, denn eine Ausbildung bringt im gesellschaftlichen Statusspiel zu wenige Punkte. Und nicht nur die Schere zwischen Beschäftigten- und Auszubildendenzahlen geht immer weiter auf. Auch die Kluft zwischen immer besser qualifizierten Jugendlichen und "Bildungsverlierern" wächst; eine Zerreißprobe für Gesellschaft und Betriebe.

Die Ausbildungslosen von heute sind die Arbeitslosen von morgen, warnt die Bertelsmann Stiftung und fordert die Wirtschaft auf, wieder mehr auszubilden. Doch das Handwerk kämpft. Die guten Bewerber fehlen, schlechtere scheitern an der Berufsschule.

Das schwächste Glied in der deutschen Wirtschaft, Kleinbetriebe, soll dafür sorgen, dass die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft nicht in die Arbeitslosigkeit abrutschen. Nun geben Handwerksunternehmen traditionell Jugendlichen eine Chance, die anderswo durchs Raster fallen. Aber die Probleme werden größer. Nachhilfe, Sprachkurse und das Vermitteln von sozialen Regeln nehmen so viel Raum ein, dass die Unternehmer an ihre Grenzen stoßen. Ohne zusätzliche Hilfe zerreiben sie sich an dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Sie brauchen mehr Unterstützung. Unbürokratisch. Schnell. bst