Der Bundestag hat eine Reform der Baunutzungsverordnung beschlossen. Mit "urbanen Gebieten" sollen Städte verdichtet werden. Das Handwerk fürchtet um seine Standorte.
Ulrich Steudel

Es wird eng. Durch den Ansturm auf die Städte wächst die Wohnungsnot, der zunehmende Verkehr verpestet die Luft und die Spaßgesellschaft sucht nach Freizeitbelustigung. Handwerker haben es schwer, ihre florierenden Betriebe unter diesen Vorzeichen zukunftssicher auszurichten. Den Kommunen fehlen Flächen, um Wohn- und Gewerbegebiete gleichrangig zu entwickeln. Können "urbane Gebiete" helfen?
Der Bundestag hat in einer Nachtsitzung am 9. März eine Reform der Baunutzungsverordnung beschlossen. Demnach darf künftig in der neuen Baugebietskategorie "urbanes Gebiet" dichter und höher gebaut werden. Die Grenzen für Lärm wurden um drei Dezibel auf 63 dB tagsüber und 48 dB nachts erhöht.
Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) sieht in der Novelle neue Perspektiven für eine lebendige und vielfältige Stadtgesellschaft. "Kommunen können Wohnen, Arbeiten und Freizeit besser miteinander in Einklang bringen", glaubt Hendricks. Ihr Ziel: die Stadt der kurzen Wege.
Druck durch Wohnungsbau groß
Im Handwerk befürchtet man hingegen, dass vor allem der Wohnungsbau von der Novelle profitiert. Zusammen mit Industrie- und Handelsverbänden hatte der Zentralverband des Deutschen Handwerks im Vorfeld eine Mindestquote für Gewerbe in den "urbanen Gebieten" gefordert. "Wir begrüßen deshalb, dass der Bundestag eindeutig klargestellt hat, dass in den neuen ,urbanen Gebieten‘ in jedem Fall gemischte Nutzungen vorzusehen sind", kommentierte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke den Beschluss.
Die Gefahr, dass der rasante Wohnungsbau Gewerbe aus den Innenstädten verdrängen könnte, sieht auch Martina Baum, Professorin am Lehrstuhl für Stadtplanung der Universität Stuttgart. Obwohl die meisten Kommunen ein breites Spektrum der Mischung für ihre Innenstädte anstrebten, sei der Druck durch den Wohnungsbau gewaltig.
Auf dem Weg zu einer lebendigen Stadtgesellschaft, wie sie der Bundesbauministerin vorschwebt, sei die Gesetzesnovelle jedoch nur ein erster Aufschlag. Ein Text, mehr nicht. Im nächsten Schritt müssten Planer und Architekten baulich testen, was geht.
Gleichzeitig erwartet Stadtplanerin Baum einen gesellschaftlichen Diskurs nach dem Motto "Wie wollen wir in Zukunft leben?". Dabei müssten auch Handwerker neue Lösungen akzeptieren. "Die eingeschossige Halle und den ebenerdigen Parkplatz wird es in Städten nicht mehr geben", ist sich die Professorin sicher, allein schon wegen der steigenden Grundstückspreise.
Produzierendes Gewerbe essentiell wichtig
Trotzdem hält Baum produzierendes Gewerbe in der Stadt für essentiell wichtig, um in Krisen robust aufgestellt zu sein. "Jeder wünscht sich den Bäcker um die Ecke, aber nicht den Mehllaster, der ihn beliefert. Jeder wünscht sich einen Schreiner in der Nähe, möchte aber dessen Kreissäge nicht hören", beschreibt sie das Dilemma, für das es planerische Lösungen zu entwickeln gilt – von abgeschlossenen Höfen für den indirekten Lärmschutz bis hin zu offenen Konzepten für Geschäfte, die von Laufkundschaft leben.
Seit Jahren gewinnt die Stadt wieder an Anziehungskraft. Im anhaltenden Zinstief sehen Investoren den Wohnungsbau als attraktive Anlageform. Infolge der hohen Nachfrage nach Wohnraum steigen in prosperierenden Ballungsgebieten Grundstückspreise und Mieten auf Rekordniveau, während freie Flächen fehlen. Eine haushälterische Bodennutzung sei daher das Gebot der Stunde, sagt Martina Baum. Eine innerstädtische Verdichtung, wie sie durch "urbane Gebiete" möglich werden soll, könnte dabei helfen.
Worauf es dem Handwerk ankommt, stellt ZDH-Generalsekretär Schwannecke kar: "Bei der zukünftigen Anwendung des neuen Bauplanungsrechts in der kommunalen Praxis muss der verstärkte Wohnungsbau mit der Sicherung und Weiterentwicklung von Gewerbeflächen verbunden werden."