Zukunftspläne Fehlanzeige Zukunft planen – Betrieben fehlt die Strategie

Handwerker vernachlässigen laut einer Studie aus Baden-Württemberg die langfristige Planung. Vor lauter Arbeit kommen sie nicht dazu, Zukunftspläne zu schmieden. Experten halten das für gefährlich.

Steffen Range

Viel zu tun im Handwerk: Betriebe geraten dadurch aber auch in Gefahr, die langfristige Planung zu vernachlässigen. - © Kadmy/Fotolia.com

Eine Studie aus Baden-Württemberg bescheinigt dem Handwerk Schwierigkeiten bei der strategischen Planung. Weil die Geschäfte so gut laufen, schaffen es viele Betriebsinhaber nicht, mehr als zwei oder drei Jahre in die Zukunft zu blicken und die Ausrichtung ihres Betriebs zu überdenken. „Es gibt ein Defizit bei der Planung. Das wird vom Tagesgeschäft völlig überlagert“, bestätigt Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT).

Der BWHT und das baden-württembergische Wirtschaftsministerium hatten die auf Handwerksthemen spezialisierten Forschungsinstitute itb in Karlsruhe und ifh in Göttingen mit der Untersuchung „Dialog und Perspektive Handwerk 2025“ beauftragt. Die Studie bezieht sich zwar auf kleine und mittlere Unternehmen im Südwesten, viele Erkenntnisse lassen sich jedoch auf das Handwerk insgesamt übertragen. Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz, wertet die Studie als „wichtigen Denkanstoß“, sein Kollege Jens Brandt aus Mannheim lobt den „richtigen Ansatz“.

Handwerker im Hintertreffen

Experten befürchten, dass das Handwerk ins Hintertreffen geraten könnte, wenn sich die Betriebe nicht gründlicher mit der Zukunft befassen. Denn neue Anbieter im Internet bedrängen angestammte Betriebe. Wünsche und Anforderungen der Kunden verändern sich. Die Konkurrenz wird härter.

Industriebetriebe machen dem Handwerk zunehmend Aufträge streitig. Fachleute sähen es gerne, wenn sich die Handwerker in Ruhe mit solchen Fragen beschäftigten und daraus Schlüsse für ihr Geschäft zögen. „Es ist ganz eindeutig: Das Handwerk muss enorm Gas geben, um mit dem Wandel Schritt zu halten“, sagt Georg Hiltner.

Allerdings fällt es vielen Unternehmern schwer, „in ihrem Denken und Handeln eine längerfristige Perspektive einzunehmen“, heißt es in der Studie. „Viele Probleme werden in den Betrieben noch nicht sichtbar, weil die Binnenkonjunktur gut ist“, analysiert Georg Hiltner. Zehn Jahre Vorausschau wären nach Ansicht von Experten wünschenswert und ideal, tatsächlich gelingt den meisten Betrieben allenfalls eine Planung auf zwei bis drei Jahre.

Verständnis für Betriebe

Dafür äußert Ulrich Wagner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Schwaben mit Sitz in Augsburg, Verständnis. „Es ist unrealistisch zu glauben, dass in einem typischen Betrieb eine Strategieplanung auch nur über einen Zeitraum von fünf Jahren funktioniert.“ Das allerdings sei auch kein Makel. „Handwerksbetriebe zeichnet ein gesunder Pragmatismus aus.“

Wagner ist weniger besorgt als einige seiner Kollegen in Baden-Württemberg, dass das Handwerk etwa wegen der Digitalisierung den Anschluss verlieren könnte. „Handwerker kommen zu ihren Informationen. Vielleicht nicht auf hochwissenschaftlichem Weg oder wie aus dem Lehrbuch - aber die Netzwerke funktionieren.“ Nach Ansicht Wagners könnten sich Handwerker selbst helfen, „weil sie eine fundierte Ausbildung genossen haben. Das ist das Pfund, mit dem wir wuchern." Daher müsse vor allem darauf geachtet werden, „dass die hohe Qualifikation unserer Handwerker erhalten bleibt".

Herausforderung für Kammern

Die Autoren der Studie „Handwerk 2025“ regen an, dass die Kammern die Betriebe künftig noch intensiver bei der strategischen Planung unterstützen sollen: „Die Organisation muss sich stärker entwickeln in Richtung einer Stabsstelle für Strategie – für jene Betriebe, die das selbst nicht haben“, empfiehlt Ewald Heinen vom itb Karlsruhe. Oskar Vogel pflichtet ihm bei: „Einen Teil dieser Arbeit wird die Organisation übernehmen müssen.“

Georg Hiltner spricht von einer „gewaltigen Aufgabe“ für die Kammern: „Das Anforderungsprofil an die Begleitung der Betriebe wird sich verändern.“ Dem pflichtet sein Kollege Jens Brandt aus Mannheim bei: „Es war gut, das Strategiedefizit einmal systematisch anzugehen. Jetzt geht es darum, das Thema in die Fläche zu tragen.“

In welchem Maß sich die Herangehensweise  der Handwerkskammern und ihrer Betriebsberatungen tatsächlich verändern muss, darüber dürfte innerhalb der Organisation in den kommenden Monaten lebhaft diskutiert werden. Forscher wie Ewald Heinen bringen eine stärkere Zentralisierung der strategischen Betriebsbegleitung ins Spiel.

Hauptgeschäftsführer wie Ulrich Wagner sehen die Kammern in der Rolle eines Dienstleisters und Lotsen. Er sagt: "Ich würde es nicht Strategieplanung nennen. Unsere Aufgabe besteht eher darin, Trends rechtzeitig aufzuzeigen." Die Aufgabe einer Kammer könnte laut Wagner darin bestehen, „den Markt der Dienstleister zu sondieren und zu sortieren und den Betrieben die richtigen Leute zu vermitteln".

Vorreiter im Osten

Als Vorreiter einer neuen Art der Betriebsberatung gilt die Handwerkskammer Erfurt. Sie hat sich einer „ganzheitlichen Beratung“ verschrieben. Das „Erfurter Modell“ hat sich zum Ziel gesetzt, Mitgliedsbetriebe zu Fans zu machen. „Wir müssen bei unserer Betriebsberatung auf die Wünsche der Betriebe eingehen, aber immer auch die Ursachen mit ansehen“, erläutert Hauptgeschäftsführer Thomas Malcherek. „Also: Wenn es brennt, müssen wir löschen. Wir sollten aber nach dem Feuer nicht gleich wieder verschwinden.“ Vor den Betrieben liege ein Lernprozess, „die Lebensnotwendigkeit einer Strategie zu erkennen“.