"Maischberger"-Talkshow Armes reiches Deutschland - arm trotz Vollzeitjob

Laut einer aktuellen Studie kann in Deutschland jeder Zehnte nicht mehr von seiner Arbeit leben. "Vollzeitjob und trotzdem arm – einmal unten, immer unten?" Diese Frage diskutiert Sandra Maischberger mit ihren Gästen, die dem Zuschauer einige interessante Erkenntnisse liefern.

Manuel Endress

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen zum Thema, "Armes reiches Deutschland - einmal unten, immer unten?" - © WDR/Oliver Ziebe

In Deutschland wächst die Wirtschaft. Dennoch droht  immer mehr Menschen die Armut - obwohl sie arbeiten. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung ist in der Bundesrepublik 2015 jeder Zehnte Beschäftigte von Armut bedroht gewesen. Besonders betroffen: Niedriglöhner, Multijobber und junge Familien, die sich zunehmend abgehängt fühlen.

"Drohen auch in Deutschland soziale Verhältnisse wie in den USA? Bleibt eine wachsende Unterschicht finanziell abgehängt – ohne Chance, jemals der Armut zu entkommen? Einmal unten, immer unten?" Mit dieser Frage beschäftigte sich Sandra Maischberger mit ihren Talk-Gästen.

Trotz zwei Jobs nur 1.200 Euro netto im Monat

Neben dem Selfmade-Millionär und Investor aus der Höhle der Löwen, Jochen Schweizer, Wirtschaftsjournalistin Dorothea Siems, der Parteivorsitzenden der Linkspartei Katja Kipping, dem Generalsekretär des deutschen Caritasverband Georg Cremer und dem ehemaligen Industriearbeiter aus dem Ruhrgebiet Klaus Milchau, diskutierte mit Jutta Czekay aus Berlin auch eine von der Situation betroffene Arbeitnehmerin in der Runde mit.

Die gelernte Schneiderin hält sich aktuell als sogenannte Multijobberin über Wasser. Die 45-Jährige arbeitet als Putzfrau und zusätzlich auf Minijobbasis bei einer Essensausgabe. Trotz zweier Jobs leben sie und ihre drei Töchter von rund 1.200 Euro netto im Monat. "Davon bezahle ich meine Miete und den Einkauf, dann ist das Geld weg", sagt Czekay.

HIER GEHT ES ZUR KOMPLETTEN SENDUNG

"Am Ende hängt es von dir ab, ob du Erfolg hast, nicht von anderen."

Zu Beginn der Sendung widmete sich Sandra Maischberger jedoch dem Unternehmer Jochen Schweizer. Der 59-Jährige kämpfte sich aus schwierigen Verhältnissen nach oben. Heute ist er Multimillionär. Sein Rat: "Ängste hindern uns daran, unser eigenes Potential zu entfalten" und, "am Ende hängt es von dir ab, ob du Erfolg hast, nicht von anderen." Hier stellt sich dem Zuschauer unweigerlich die Frage ob dieses Credo auch für normale Arbeitnehmer gilt?

"Nein", sagt Katja Kipping. Die Parteivorsitzende der Linken entgegnet Schweizer: "In einer Gesellschaft in der Menschen ständig von Abstiegs- und Existenzängsten bedroht sind, werden auch die Potentiale dieser Menschen bedroht. Deshalb müssen alle frei von diesen Ängsten sein, damit sich ihre Potentiale besser entfalten können. Dies ist die Aufgabe der Politik." Zudem wären die Chancen in Deutschland ungleich verteilt, da vieles auf die Herkunft ankomme.

Hier hakt Wirtschaftsjournalistin Dorothea Siems ein. Sie merkt an: "Betrachtet man die Abschlüsse der Kinder und die Bildungsabschlüsse der Eltern, stellt man fest, dass es in Deutschland mehr Aufstiege als Abstiege gibt."

Sind die Löhne in Deutschland noch fair?

Allerdings ist Bildung nicht das Hauptproblem, dass Menschen sozial abgehängt werden. Die Frage, ob Arbeitnehmer fair bezahlt werden, wenn jeder Zehnte Beschäftigte trotz eines Vollzeitjobs von Armut bedroht ist, muss unweigerlich gestellt werden.

"Die Mittelschicht hat keinen gerechten Anteil am wirtschaftlichen Erfolg. Das Lohnniveau ist zu niedrig" , kritisiert Klaus Milchau, der selbst 48 Jahre lang als Stahlarbeiter im Ruhrgebiet gearbeitet hat. Eine Region, die heute wirtschaftlich abgehängt ist.

Die Linke fordert Mindestlohn von 12 Euro

"Eines der Probleme ist, dass Menschen wie Frau Czekay, mit einem Einkommen knapp über der Armutsgrenze bei den Steuern überproportional zur Kasse gebeten werden" sagt Katja Kipping. Die Linke fordert einen Mindestlohn von 12 Euro. Kipping: "Es braucht eine Rente die Armutsfest ist und um dies zu gewährleisten, brauchen wir eine Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro."

Nachdem die Beteiligten alle relevanten Themen wie Hartz IV, die Rente, eine Grundsicherung oder den Mindestlohn abgearbeitet haben, sorgt ein großes Thema nochmals für Aufsehen in der Runde. Die Steuerabgaben für Reiche.

Sollten Reiche höhere Steuern zahlen?

Katja Kipping merkt an, dass die Schere zwischen Arm und Reich wieder weiter zusammen gehen muss. Ihre Partei fordert eine Vermögenssteuer für Millionäre. Ein weiterer Vorschlag von Kipping: "In einem Unternehmen sollte das oberste Einkommen nicht mehr als 20 mal so hoch sein, als das Niedrigste." Konkret heißt diese 20 zu 1-Regel: Verdient der Chef eine Million Euro im Jahr, liegt das niedrigste Gehalt (beispielsweise einer Reinigungskraft) bei 50.000 Euro.

Bei diesem Thema meldet sich auch nochmals Jochen Schweizer energisch zu Wort. Seinen nachvollziehbaren Gründen, warum Reiche bereits genug Steuern abgeben, lässt der 59-Jährige den Satz, "ich zahle die Steuern gerne, aber genug ist genug", folgen.

Dorothea Siems springt dem Unternehmer zu Seite: "Der Vorwurf des linken Lagers, die Wohlhabenden würden zu wenig Steuern zahlen, ist absurd."

Arbeitslose, Alleinerziehende und Selbstständige besonders Armutsgefärdet

Bleibt noch zu klären, wer in Deutschland eigentlich arm ist? Journalistin Siems nannte mit Arbeitslosen, Alleinerziehenden und Selbstständigen, die ein zu geringes Einkommen erwirtschaften, die drei größten Gruppen und fügte hinzu: "Die Zahl der Armutsgefährdeten ist keine absolute Größe, sondern eine relative zum mittleren Einkommen."

Heißt diese Aussage, "arm trotz Arbeit ist also in Wahrheit ein statistisches Problem, aber kein Reelles?" Dorothea Siems antwortete auf diese Nachfrage von Sandra Maischberger: "Die Armut ist keine absolute Armut, sodass sich die Leute nichts mehr leisten können, sondern eine Relative im Vergleich zum Durchschnittseinkommen."

Wer sich während der Sendung die Geschichte über dem Arbeitsalltag von Jutta Czekay und ihr dafür bezahltes Einkommen angehört und angesehen hat, muss bei dieser Aussage unweigerlich mit dem Kopf schütteln. Denn so wie Jutta Czekay geht es tausenden Arbeitnehmern in Deutschland und Europa – die Studie der Bertelsmann Stiftung belegt dies.

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