"Die Flüchtlinge müssen viel schneller einen Sprachkurs besuchen", sagt Prof. Herbert Brücker, Forschungsbereichsleiter am IAB in Nürnberg und Professor für VWL an der Uni Bamberg im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung.
Karin Birk

DHZ: Herr Professor Brücker, bis zum Jahresende stehen mehr als 350.000 Flüchtlinge dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung. Welche Chancen sehen Sie, sie schnell in Arbeit zu bringen?
Brücker: Das ist schwer zu sagen. Erfahrungen aus früheren Flüchtlingskrisen haben aber gezeigt, dass etwa zehn Prozent der Flüchtlinge schon im ersten Jahr auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Nach fünf Jahren sind es etwa 50 Prozent und nach zehn Jahren 70 Prozent. Dass es nicht schneller geht, liegt oft an institutionellen Barrieren wie langen Asylverfahren. Es liegt aber auch an den Integrationskursen.
DHZ: Inwiefern?
Brücker: Wir müssen davon ausgehen, dass von den Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, noch rund 800.000 hier leben. Bisher konnten allerdings nur 160.000 in die vorgeschriebenen Integrationskurse vermittelt werden. Und wenn man bedenkt, dass ein Integrationskurs, der Sprachkurse und Wertevermittlung beinhaltet, dann 26 Wochen dauert, braucht das alles viel zu viel Zeit.

Brücker: Ja, wir verschenken viel Zeit. Die Flüchtlinge müssen viel schneller einen Sprachkurs besuchen. Das sollte nicht nur für Asylbewerber aus Syrien, dem Iran, Irak oder Eritrea gelten. Auch viele Afghanen werden hier bleiben können. Auch sie sollten gleich Sprachkurse bekommen. Das schließen die gegenwärtigen Regelungen leider aus. Aus unserer Forschung wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit, beschäftigt zu werden, um 20 Prozentpunkte steigt, wenn jemand gut Deutsch spricht. Und nicht nur das: Er verdient auch knapp zehn Prozent mehr.
DHZ: Wie vielen Flüchtlingen ist es dennoch gelungen, eine Arbeit zu finden?
Brücker: Dazu gibt es leider keine amtliche Statistik. Wir wissen nur, dass aus Syrien, dem Iran, Irak und Afghanistan – aus den Ländern, aus denen rund 60 Prozent aller Flüchtlinge kommen, rund 136.000 Personen abhängig beschäftigt sind. Fairerweise muss man allerdings auch sagen, dass viele von ihnen nicht erst vergangenes Jahr gekommen sind, sondern schon länger da sind.
DHZ: In vielen Regionen wurde vor kurzem die Vorrangprüfung gelockert. Hilft das?
Brücker: Natürlich hilft es, wenn man nicht mehr überprüfen muss, ob ein Deutscher oder EU-Bürger die angebotene Arbeit machen will. Wer jetzt einen Flüchtling einstellen will, kann es deutlich schneller und unkomplizierter. Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Nach wie vor gibt es aber die Vergleichbarkeitsprüfung. Danach müssen Arbeitsbedingungen und Entlohnung denen von Einheimischen entsprechen. Das klingt grundsätzlich fair. Aber in Hochlohnregionen könnte eine vergleichbare Entlohnung kontraproduktiv sein.
DHZ: Woran hakt es noch?
Brücker: Die Asylverfahren müssen weiter beschleunigt werden. Die Beteiligten brauchen schneller Rechtssicherheit. Darüber hinaus wissen wir, dass die Qualifikation der Flüchtlinge sehr unterschiedlich ist. Ein gutes Drittel hat im Herkunftsland ein Gymnasium oder eine Hochschule besucht. Unter denen mit guter Bleibeperspektive sind es sogar noch mehr. Auf der anderen Seite hat ein knappes Drittel gar keine Schule oder nur die Grundschule besucht. Gerade deshalb müssen noch deutlich mehr in unser Bildungssystem aufgenommen werden.