Studie 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Die Einheit braucht mehr als eine Generation

Selbst 25 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch beträchtliche Unterschiede zwischen Ost und West. Dabei hat der Westen laut einer neuen Studie nicht überall die Nase vorn.

Karin Birk

Seit fast 25 Jahren ist Deutschland wiedervereinigt. Trotzdem gibt es noch große Unterschiede zwischen Ost und West. - © Foto: CarolineSturm/fotolia

Die Mauer ist schon längst gefallen. Doch noch immer zieht sich in vielen Bereichen ein unsichtbares Band zwischen Ost- und Westdeutschland. "Die Unterschiede zwischen den beiden Teilen Deutschlands sind noch erstaunlich groß", sagt Reiner Klingholz, Geschäftsführender Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit Blick auf die jüngst veröffentlichte Studie "So geht Einheit".  Ob bei der Bevölkerungsentwicklung oder der Wirtschaftskraft – überall sehe man noch die alten Grenzen zwischen Ost und West. Das hatte selbst die Macher der Studie, die 25 Themenfelder genauer unter die Lupe genommen haben, überrascht.

Deutliche Unterschiede beim Einkommen und Vermögen

Demnach gibt es nach wie vor deutliche Unterschiede beim Einkommen. So verdienen die Ostdeutschen auch 25 Jahre nach der Wende nur drei Viertel des Durchschnittsvollzeiteinkommens Westdeutscher. Allerdings war es kurz nach der Wende gerade mal die Hälfte. Als Grund für die Einkommensunterschiede nennen die Wissenschaftler die kleinteiligere und weniger produktive Wirtschaftsstruktur Ostdeutschlands. Auch für die nächsten Jahre wird sich hier nicht so viel tun: "Die Produktivitätsunterschiede dürften weiter bestehen bleiben", sagt Klingholz.

Noch größere Unterschiede zeigen sich nach wie vor beim Vermögen. "Das Vermögen ist nur knapp halb so hoch wie in Westdeutschland", erklärt der Studienautor. Als Grund nannte er den geringeren Immobilienbesitz der Ostdeutschen, die geringere Zahl an Unternehmern sowie ein Umtauschverhältnis von 2:1 für Vermögenswerte kurz nach der Wende.

Mehr Alte in Ostdeutschland

Mit Blick auf die Arbeitslosigkeit hat sich die Lage sowohl in Ost- wie in Westdeutschland seit 2009 stark verbessert. Allerdings nahm die Zahl der Erwerbstätigen in Westdeutschland deutlich stärker zu als im Osten. Dass sich die Arbeitslosenquoten dennoch etwas annäherten, liegt vor allem daran, dass im Osten die Zahl der Erwerbstätigen seit 2008 - als Folge der Abwanderung und des Geburteneinbruchs kurz nach der Wiedervereinigung - um etwa 400.000 zurückgegangen ist.

Die starke Abwanderung von rund zwei Millionen Menschen von Ost nach Westdeutschland seit der Wende macht sich mittlerweile auch im Alter der Bevölkerung bemerkbar. Während vor der Wende deutlich mehr junge Menschen in Ost- als in Westdeutschland wohnten, leben seit 2012 erstmals mehr alte Menschen im Osten. Doch die Abwanderung von Ost nach West ist inzwischen gestoppt. Mittlerweile wandern die Menschen vor allem vom Land in die Städte.

Kinderzahl im Osten und im Westen gleich hoch

Es gibt aber auch Bereiche, in denen kaum noch Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen auszumachen sind. Das gilt für Bildungsabschlüsse genauso wie für Konsumgewohnheiten oder die Kinderzahl. So hat sich die Zahl der Kinder nach einem Einbruch im Osten nach der Wende mittlerweile bundesweit auf 1,4 Kinder eingependelt. Die Nase vorn hat Ostdeutschland dagegen immer noch bei der Erwerbstätigkeit von Frauen und der Kinderbetreuung.

Auch nach Mentalitätsunterschieden zwischen Ost- und Westdeutschen fragten die Macher der Studie. Rund die Hälfte aller Deutschen sehen immer noch generelle Unterschiede zwischen Bewohnern in den neuen und in den alten Bundesländern. Das zeigt: Auch in den Köpfen braucht die Einheit noch mehr als eine Generation.