Die wenigsten Menschen haben sie – eine private Pflegeversicherung. Das liegt auch an der Komplexität des Systems, sind sich die Teilnehmer des Deutschen Assekuranz Pflege Forums einig. Der Erfinder der Pflegeversicherung Norbert Blüm fordert auch deshalb, Selbstständige stärker in das Solidarsystem einzubeziehen.

Pflegeversicherung: Ein hochkomplexes Thema und für viele sehr weit weg. Nur 2,3 Millionen Men schen haben in Deut schland eine Pflegezusatzversicherung. Dabei liege das Risiko ein Pflegefall zu werden mit 80 Jahren schon bei knapp 30 Prozent, sagt Rainer Reitzler, Vorstandsvorsitzender der Münchner Verein Versicherungsgruppe beim ersten Deut sche Assekuranz Pflege Forum in München.
Und die gesetzliche Pflegeversicherung ist nur eine Teilkaskoversicherung. Die Politik tue zu wenig dafür, den Men schen klar zu machen, dass eine zusätzliche Pflegeversicherung wichtig für sie ist, meint auch Norbert Dietz, ge schäftsführender Gesell schafter des Pflegeheimbetreibers Charleston Holding GmbH. Ein durch schnittlicher Heimplatz koste im Monat etwa 3.000 Euro, von der Pflegekasse bekomme man nur etwa 1.200 Euro. Den Differenzbetrag müssen Patienten oder Angehörige selbst tragen.
Blüm: Handwerker in Solidarversicherung miteinbeziehen
Da kann Norbert Blüm, der Erfinder der Pflegeversicherung, zwar zustimmen. Am Finanzierungssystem der Pflegeversicherung an sich sieht er aber keinen Änderungsbedarf. Damit selbstständige Geringverdiener, wie es sie im Handwerk häufig gibt, nicht schlechter dabei wegkommen als Angestellte, "müssen wir sie jedoch in allen Bereichen in die Solidarversicherung miteinbeziehen", sagte der ehemalige Bundesminister gegenüber der Deut schen Handwerks Zeitung. Rund 40 Prozent der Heimbewohner seien derzeit noch auf Sozialhilfe angewiesen. Das sei zu viel.
Jeder müsse sich fragen, was ihm gute Pflege im Alter wert sei. "Das ist ein Modell der Selbststeuerung: Wer mehr zahlt, bekommt mehr Hilfe", verteidigte Blüm das System. "Wir haben die Pflegeversicherung 1995 ge schaffen, zugegeben mit vielen Mängeln. Aber im Vergleich zu früher ist es heute besser", so Blüm weiter.
Der Zentralverband des Deut schan Handwerks hatte zuletzt gefordert, die Pflegeversicherung vom Lohn abzukoppeln und stattdessen mehr auf private Zusatzversicherungen zu setzen.
Kritik am Pflegestärkungsgesetz
Dass das Pflegesystem noch viele Baustellen hat, zeigt sich auch an den vielen Reform schritten, die seither unternommen wurden. Jüngstes Beispiel sind die Pflegestärkungsgesetze, die stufenweise 2015 und 2016 in Kraft treten sollen. Ab kommendem Jahr sollen demnach vor allem pflegende Angehörige besser gestellt werden. Außerdem plant die Bundesregierung einen Pflegevorsorgefonds einzurichten, mit dem künftige Engpässe ausgeglichen werden sollen. Um das zu finanzieren, sollen die Beitragssätze zur Pflegeversicherung 2015 um 0,3 und später noch einmal um 0,2 Prozentpunkte steigen. "Wir gehen es jetzt an", sagte die bayeri sche Gesundheitsministerin Melanie Huml.
"Das ist eine Lachnummer", meint jedoch der ehemalige CDU-Politiker Blüm in Bezug auf den Pflegefonds. "Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen ab 2050 sinkt, aber die Zahl der Einzahler sinkt doch auch." Es werde ein Fonds aufgebaut, der, wenn er gebraucht werde, schon wieder abgebaut sei.
Fussek: Mit Pflege sollte sich kein Geld verdienen lassen
Man müsse stattdessen das Pflegesystem mit mehr Fantasie ausbauen. Es dürfe nicht heißen: "Daheim oder Heim". Hinter den Begriffen dürfe man die Men schen nicht vergessen, auch wenn es um die Skandale geht, die immer wieder die Pflegebranche in schlechtes Licht rücken.
Was Pflegeheimbetreiber Dietz der überbordenden Vor schriftenlast und dem Fachkräftemangel in der Branche zu schreibt, ist für Pflegekritiker Claus Fussek allerdings überhaupt nicht nachvollziehbar. Denn die reale Situation in Pflegeheimen sehe so aus: "Die Bewohner trinken nichts, weil sie nicht zur Toilette kommen." Und das liege vor allem am betriebswirt schaftlichen Interesse der Heimbetreiber. Denn es gebe sehr wohl auch gut geführte Einrichtungen, die nicht teurer sind als andere.
"Die Pflegebranche sollte kein Markt sein, in dem man Rendite erzielen kann. Denn das bedeutet: schlechte Pflege bringt Geld". Vor allem sollte sich der Gesetzgeber nicht von der Pflegebranche beraten lassen, meint Fussek. "Die Branche verdient an diesem Elend." Die nötigen Reformen kämen viel zu langsam.
Und in noch einer Sache sind sich der Erfinder der Pflegeversicherung und der größte Kritiker des Systems einig: Die Krankenversicherung lasse die Pflege im Stich. Fussek: "Es fehlt der ent scheidende Punkt in der Pflegversicherung: Reha muss vor Pflege kommen." sch