Interview mit Reinhold Weiß "Das geht am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbei"

Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist laut dem Weltwirtschaftsforum gesunken - unter anderem, weil es zu wenige Studenten gibt. Warum dieser Zusammenhang von Volkswirten immer wieder hergestellt wird, aber für Deutschland falsch ist, erklärt Reinhold Weiß, Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Berufsbildung, im DHZ-Interview.

Mirabell Schmidt

Prof. Dr. Reinhold Weiß ist Forschungskoordinator und ständiger Vertreter des Präsidenten beim Bundesinstitut für Berufsbildung. - © BIBB

Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sinkt, das ergab das Wettbewerbsbarometer des Weltwirtschaftsforums. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Bundesrepublik im Ranking der Volkswirtschaften von Platz vier auf Platz fünf abgestiegen. Schuld daran ist unter anderem, dass zu wenige Menschen studieren, schlussfolgern die Volkswirte. Doch zugleich fehlen tausende Auszubildende. Alleine im Handwerk waren zum Ausbildungsstart noch 25.000 Lehrstellen offen.

DHZ: Herr Weiß, woran liegt es, dass Volkswirte immer wieder auf die Zahl der Studierenden als Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes pochen?

Reinhold Weiß: Volkswirte haben aufgrund von Langzeitanalysen ermittelt, dass sich Bildungsinvestitionen positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Mit anderen Worten:  In Volkswirtschaften, in denen ein steigender Anteil an Beschäftigten höhere Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse hat, ist auch die wirtschaftliche Entwicklung positiver. Das ist zunächst allerdings eine rein quantitative Betrachtung. Sie sagt nichts über die Ursachen aus. Ebenso wenig sagen die Studien etwas aus über den optimalen Akademikeranteil.

DHZ: Objektiv betrachtet gibt es also gar kein Optimum hinsichtlich der Zahl an Studierenden?

Weiß: Nein, alle Aussagen über Anteile von Studierenden oder Hochschulabsolventen basieren auf politischen Setzungen. Ein Vergleich der Quoten führt leicht in die Irre. Berufliche Abschlüsse, die in Deutschland im dualen System oder Vollzeitschulen erworben werden, sind  in anderen Ländern dem tertiären Bereich zugeordnet, werden also an Hochschulen erworben.  Außerdem spielen bei uns Fortbildungsabschlüsse wie der Meister eine viel größere Rolle, die ebenfalls dem tertiären Bereich zugeordnet sind. Das wird beim Vergleich der Akademikerquoten gern  unterschlagen. Für den Arbeitsmarkt ist es außerdem ausschlaggebend, wie das Studium organisiert ist und welche Fächer Hochschulabsolventen studiert haben. Sind die Studiengänge breit profiliert wie MINT-Fächer, eröffnen sie prinzipiell mehr Chancen auf Beschäftigung als Schmalspurstudiengänge.

"Wissensintensive Aufgaben werden auch von Gesellen wahrgenommen"

DHZ: Für Deutschland treffen die Annahmen also nicht zu?

Weiß: Das Bildungssystem und das Beschäftigungssystem müssen zueinander passen. Das deutsche „Produktionsmodell“ basiert nicht zuletzt auf einem ausgewogenen Verhältnis von Berufsbildung und Hochschulen – also von Ingenieuren und Facharbeitern, Meister und Gesellen. Wissensintensive Aufgaben, die als ein Kriterium für das Anforderungsniveau gelten können, werden nicht allein von Hochschulabsolventen, sondern auch von Gesellen und Facharbeitern wahrgenommen.

DHZ: Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?

Weiß: Im Allgemeinen wird ein höheres oder besseres Bildungsniveau am Arbeitsmarkt honoriert: Die Einkommen von Hochschulabsolventen sind höher, die Arbeitslosigkeit ist geringer. Allerdings handelt es sich immer um Durchschnittswerte. Neben Hochschulabsolventen, die sehr viel Geld verdienen, gibt es eben auch solche, deren Gehalt kaum über Hartz-IV-Niveau liegt. Außerdem gibt es einen breiten Überschneidungsbereich bei den Einkommen von Hochschulabsolventen und Erwerbstätigen mit einer beruflichen Bildung. Gerade Absolventen mit einer anerkannten Fortbildung müssen sich mit ihrem Einkommen nicht hinter Akademikern verstecken.

Einkommen könnten sich anpassen

DHZ: Wohin führt dann der Trend zum Studium?

Weiß: Vor einigen Jahren setzte die Politik die Zielmarke, dass 40 Prozent eines Jahrganges ein Hochschulstudium einschlagen sollten. Inzwischen liegt der Anteil der Studienanfänger am Altersjahrgang bei 57,5 Prozent. Die Arbeitsmarktprojektionen, die das Bundesinstitut zusammen mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erstellt hat, weisen darauf hin, dass diese Hochschulexpansion am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbeigeht und es künftig für viele Hochschulabsolventen Probleme beim Übergang in den Arbeitsmarkt geben wird.

DHZ: Kann das auch zu Einkommensverschiebungen zwischen den Gruppen führen?

Weiß: Es wäre eine marktwirtschaftliche Reaktion, wenn sich die Einkommen anpassen. Wenn es also Engpässe im mittleren Qualifikationsbereich gibt, wie teilweise jetzt schon, haben Arbeitnehmer mit Berufsausbildung eine bessere Verhandlungsposition. Andererseits gibt es mehr Hochschulabsolventen, die einen Job nachfragen,  aber nicht sofort produktiv eingesetzt werden können. Dies wirkt sich tendenziell einkommensmindernd aus.

DHZ: Wird es dann eine Trendwende geben weg von der Hochschule, hin zur Ausbildung?

Weiß: Bislang ist noch keine Trendwende in Sicht. Die Übergangsquoten in ein Studium werden kaum wesentlich absinken, allerdings dürfte sich das Wachstum der Studierendenzahlen abschwächen.

"Das familiäre Miteinander in Betrieben als Chance begreifen"

DHZ: Wie kann man dieses Problem dann lösen: Zu wenige Auszubildende und mittelfristig auch zu wenige Studenten?

Weiß: Ein gewisser Ausgleich wird durch die Flexibilität von Angebot und Nachfrage erfolgen.  Betriebe, die Stellen nicht besetzen können, werden auch Bewerbergruppen in Betracht ziehen, die sonst durchs Raster fallen. Umgekehrt werden sich auch Studierende und Hochschulabsolventen umorientieren müssen.  Eine berufliche Ausbildung oder Fortbildung könnte für viele eine Alternative oder sinnvolle Ergänzung sein.

DHZ: Und was könnten Betriebe aktiv tun?

Weiß: Betriebe müssen mehr tun, um den jungen Menschen die vielfältigen beruflichen Möglichkeiten und die Chancen einer beruflichen Aus- und Fortbildung zu verdeutlichen. Dazu gehört, dass sie deutlicher herausstellen, was die künftigen Mitarbeiter erwartet in punkto Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitsgestaltung, Einkommen und Karriere. Fortbildungsabschlüsse, aus denen sich Berufslaufbahnen ableiten lassen, erleichtern die Orientierung. Besonders sind duale Studiengänge, bei  denen eine handwerkliche Ausbildung oder Fortbildung integriert sind. Über derartige Modelle kann es  nicht nur gelingen, Gesellen zu finden, sondern Betriebsnachfolger. Das Handwerk hat einiges zu bieten, mit dem man punkten kann – die Attraktivität der Aufgaben, die Perspektive der Selbständigkeit oder das Betriebsklima. Diesen Wohlfühlfaktor unterschätzt man häufig. Man muss das familiäre Miteinander in Betrieben als Chance begreifen.