Wird über Armut diskutiert, steht meist das Einkommen im Fokus. Wichtig ist aber auch die Kaufkraft – und diese unterscheidet sich in Deutschland vor allem zwischen Stadt und Land. Sechs Prozent mehr müssen Städter im Schnitt für ihren Lebensunterhalt ausgeben.

Wer in Dillingen an der Donau, Donau-Ries, Aichach-Friedberg oder Augsburg lebt, hat am meisten von seinem Geld. Dort ist das Einkommen hoch und die Preise sind im Vergleich dazu moderat. Anders sieht es in Köln, Dortmund oder Bremerhaven aus. Hier skippt das Verhältnis von Einkommen und den Alltagskosten wie Miete, Kinderbetreuung und Restaurantbesuche und eine sogenannte kaufkraftbereinigte Einkommensarmut ist viel wahrscheinlicher.
Ging man bislang meist von Berechnungen aus, die eine Kluft zwischen dem reichen Westen und dem immer noch ärmeren Osten Deutschlands zeigten, so ändert sich das, wenn man die Kaufkraft miteinbezieht. Das hat nun das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) getan und Erkenntnisse gewonnen, die das Armutsbild auf den Kopf stellen.
Großes Land-Stadt-Gefälle
"Ich kann mit einem Euro in München weniger machen als in Greifswald, Jena oder Gelsenkirchen", sagte IW-Direktor Michael Hüther zu den Ergebnissen der Studie. Das sei eigentlich eine Binsenweisheit, aber dennoch bislang wenig mitberechnet worden.
"Das eigentliche Problem ist das Land-Stadt-Gefälle", so Hüther. Zwar sei Einkommensarmut im Osten stärker verbreitet als im Westen. Rechne man aber gegen, dass Ostdeutsche wegen sieben Prozent niedrigerer Preise als im Westen auch weniger ausgeben müssen, nehme das Gefälle ab.
In den Städten lägen die Preise dagegen sechs Prozent höher als auf dem Land. Zugleich seien die Einkommen vielfach niedriger, weil es dort mehr Arbeitslose, Alleinerziehende und Migranten gebe.
Top 10: Regionen mit hoher Kaufkraftarmut
- Köln
- Dortmund
- Bremerhaven
- Leipzig (Stadt)
- Duisburg
- Frankfurt am Main
- Gelsenkirchen
- Bremen
- Düsseldorf
- Vorpommern-Rügen, Vorpommern Greifswald
Die IW-Forscher haben aus den Ergebnissen den Schluss gezogen, dass man statt über Einkommensarmut, über Kaufkraftarmut sprechen müsse. Einkommensarm ist laut IW, wer als Alleinstehender weniger als 870 Euro im Monat zur Verfügung hat.
Doch schaut man sich die Zahlen mit dem Blick auf die Kaufkraft an, dann zeigt sich Folgendes: Ein Münchner beispielsweise, der sich genauso viel leisten will wie ein Durchschnittsdeutscher mit jenen 870 Euro, muss dafür 1.030 Euro ausgeben. In Stendal und im Vogtland reichten dagegen knapp 800 Euro.
Soli für Städte statt für den Osten
IW-Chef Hüther zieht daraus den Schluss, dass die regionalpolitische Förderung durch den Solidarpakt II verändert werden müsse. Wenn dieser in fünf Jahren auslaufe und Ostdeutschland kein zusätzliches Geld mehr bekomme, sollte die Förderung seiner Meinung nach auf Städte und Ballungsräume umgelenkt werden.
Den gesetzlichen Mindestlohn hält das arbeitgebernahe IW dagegen in diesem Zusammenhang für eine Fehlentscheidung, weil er nicht auf das regionale Preisniveau Rücksicht nehme.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund hielt bereits dagegen und schaltete sich in die Diskussion um die Kaufkraftarmut mit ein. Niedrigere Preise seien kein Grund für niedrigere Löhne – etwa im Osten, hob Vorstandsmitglied Stefan Körzell hervor. Schließlich unterscheide auch die Bahn bei ihren Fahrpreisen nicht zwischen Fahrgästen aus Anklam oder Stuttgart.
Der künftige gesetzliche Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro werde vielen helfen, aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können statt auf Hilfe angewiesen zu sein. dpa/dhz
Top 10: Regionen mit niedriger Kaufkraftarmut
- Dillingen an der Donau, Donau-Ries, Aichach-Friedberg, Augsburg
- Erlangen-Hächstadt, Fürth, Nürnberger Land, Roth
- Ulm, Alb-Donau-Kreis, Biberach
- Landau in der Pfalz, Südliche Weinstraße, Germersheim
- Landshut (Stadt und Landkreis), Kelheim, Rottal-Inn, Dingolfing-Landau
- Weiden in der Oberpfalz, Neustadt an der Waldnaab, Tirschenreuth, Amberg, Amberg-Sulzbach, Schwandorf
- Ingolstadt, Eichstätt, Neuburg-Schrobenhausen, Pfaffenhofen an der Ilm
- Aschaffenburg (Stadt und Landkreis), Miltenberg
- Gütersloh, Herford
- Bodenseekreis, Sigmaringen, Ravensburg
Quelle: IW; weitere Ergebnisse zu einzelnen Regionen gibt es hier.>>>