Die Chancen des europäischen Binnenmarkts EU-Osterweiterung: "Die Ängste waren unbegründet"

Die EU-Osterweiterung liegt zehn Jahre zurück. Vor dem 1. Mai 2004 waren die Ängste groß. Aber waren sie auch berechtigt? Heute erschließen Handwerksbetriebe neue Kundenkreise und sichern sich Fachkräfte.

Ulrich Steudel

Attila Borbely (23/li.) aus Ungarn und Ionut Oanea (20) aus Rumänien unter Aufsicht von Lehrausbilder Jörg Göthe in der Lehrwerkstatt von HBS Elektrobau in Oettersdorf. - © Foto: Andreas Wetzel

Der Weg von Weiding im Landkreis Cham bis nach Regensburg ist ungefähr genauso weit wie ins tschechische Pilsen. „Für uns hat sich der Kreis geschlossen“, sagt Georg Braun, wenn er an die EU-Osterweiterung denkt. Für Rolladen Braun war das ein Segen, der den Aktionsradius des Fachbetriebs für Kunststofffenster und -türen sowie Rollläden, Insekten- und Sonnenschutz auf einen Schlag erheblich erweiterte.

Bevor am 1. Mai 2004 zehn neue Staaten der Europäischen Union beitraten, waren die Ängste groß. Was kommt auf die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt zu, wenn Tschechien, die Slowakei, Polen, Ungarn, Slowenien, Litauen, Lettland, Estland sowie Malta und Zypern in die EU aufgenommen werden und gut zwei Jahre später noch Rumänien und Bulgarien hinzukommen? Verderben Arbeitsmigranten aus den vermeintlichen Billiglohnländern das deutsche Lohn- und Preisgefüge?

Vorurteile werden abgebaut

„Heute wissen wir, die Ängste waren unbegründet“, sagt Ludwig Rechenmacher, Abteilungsleiter International bei der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, die über die längste Außengrenze Richtung Osten verfügt. Die wichtigste Veränderung hat seiner Meinung nach in den Köpfen stattgefunden. „Beim Abbau von Vorurteilen sind wir schon recht weit“, glaubt Rechenmacher. Denn von Billiglohnland könne zum Beispiel in der Region Pilsen, wo nahezu Vollbeschäftigung herrscht, keine Rede sein. Ein gut ausgebildeter Fachhandwerker könne auch jenseits der Grenze gutes Geld verdienen. Rechenmacher schätzt das Verhältnis beim Lohn auf 1 zu 0,8.

Von der steigenden Kaufkraft in Tschechien profitieren auch deutsche Betriebe wie Rolladen Braun. 2007 haben die Oberpfälzer ihr erstes Verkaufsbüro im tschechischen Kdyne eröffnet. Von Beginn an haben sie ihre Produkte nicht nur geliefert, sondern mit Montage und Service angeboten. „Die Tschechen wissen deutsche Qualitätsarbeit zu schätzen und akzeptieren dafür auch einen etwas höheren Preis“, sagt Georg Braun, der zusammen mit seinen drei Brüdern die Geschäfte des Unternehmens führt. Vor dem Schritt Richtung Osten haben sich die Brauns von Bayern Handwerk International beraten lassen.

Die Exportfördergesellschaft verfügt über eine große Erfahrung auf dem tschechischen Markt. Miroslava Tomanova koordiniert von Pilsen aus schon seit mehr als 20 Jahren grenzübergreifende Geschäftskontakte. „Wer glaubt, Dienstleistungsfreiheit bedeutet, dass überall die gleichen Regeln gelten, der irrt. Wir sind Ansprechpartner für kleine Handwerksbetriebe, die ja über keine juristische Abteilung verfügen“, sagt Tomanova. Es geht um steuerliche Fragen, Normen, Nachweispflichten auf Baustellen.

Zur Lehre nach Deutschland

Chancen eröffnet die EU-Osterweiterung auch bei einem besonders drückenden Problem im Handwerk. Da viele Betriebe keine Bewerber für ihre Lehrstellen mehr finden, schielen sie Richtung Osten. Bei HBS Elektrobau im ostthüringischen Oettersdorf hat man die Chance beim Schopfe gepackt. Seit 2011 bildet der Betrieb Lehrlinge aus Ungarn, Rumänien und Spanien aus. Geschäftsführer Danny Schindler: „Allein mit den Schulabgängern in unserer ländlichen Region könnten wir unseren Fachkräftebedarf auf keinen Fall decken. Deshalb müssen wir neue Wege gehen.“ Die Firma bietet ihren ausländischen Azubis nicht nur eine eigene Lehrwerkstatt mit drei Lehrmeistern sowie Unterkunft im betriebseigenen Wohnheim, sondern versucht sie auch ins gesellschaftlichen Leben zu inte­grieren.

Das beginnt schon vor der Lehre mit Sprachkursen im Heimatland. In Deutschland hilft man bei Behördengängen, vermittelt Kontakte zu Vereinen oder sucht auch schon mal einen Job für die Freundin. „Die Lehrlinge sollen sich bei uns so wohl fühlen, dass sie gar nicht wieder nach Hause wollen“, sagt Schindler.

Büffeln für die theoretische Prüfung

Mitte Mai beginnen für die ersten ausländischen Azubis die Abschlussprüfungen. Wer im ersten Anlauf besteht, bekommt von HBS Elektrobau einen Arbeitsvertrag garantiert, zunächst befristet auf ein Jahr. Lehrmeister Frank Walter büffelt mit seinen Schützlingen an den Wochenenden theoretische Aufgaben, damit sie nicht am komplizierten Prüfungsdeutsch scheitern. „Denn praktisch haben sie es drauf“, ist sich der Lehrmeister sicher.

Im Sommer will HBS Elektrobau rund 50 neue Azubis einstellen. „Mehr als die Hälfte davon wird aus Ungarn, Rumänien und erstmals aus Bulgarien kommen“, sagt Schindler, der für sein Engagement schon mit einem Unternehmerpreis für Willkommenskultur ausgezeichnet wurde.

Zehn Jahre nach der EU-Osterweiterung sind die Kontakte des Handwerks in die neuen EU-Staaten vielfältig, aber wer Erfolg haben will, braucht einen langen Atem. Rolladen Braun hat seine Aktivitäten inzwischen auf drei Filialen ausgedehnt, dennoch erzielt das Unternehmen erst drei Prozent seines Umsatzes im Nachbarland. „Der Schritt war trotzdem richtig. Es geht ja nicht nur ums Geld“, sagt Georg Braun, der gern seine tschechischen Kunden ins Unternehmen nach Weiding einlädt. Zum bayerisch-böhmischen Oktoberfest in der firmeneigenen Event-Arena saßen im vergangenen Herbst schon mehr als 150 Tschechen mit am Tisch. Gemeinsam feiern, bis die letzten Vorurteile fallen.