Die EU-Kommission hat im vergangenen Jahr eine Prüfung der Berufszugangsregeln angekündigt und damit auch den deutschen Meisterbrief in Frage gestellt. In einem Gastbeitrag verteidigt EU-Kommissar Michel Barnier den Meisterbrief und erklärt, was sich aktuell in Brüssel tut.
Michel Barnier

Viele Briefe zum Meisterbrief erreichen mich derzeit aus Deutschland. Alle spiegeln die große Sorge wider, Brüssel fordere die Abschaffung des Meisterbriefes. Als Kommissar, der für den Binnenmarkt zuständig ist, möchte ich eindeutig klarstellen, dass ich den Meisterbrief für wichtig halte. Ich will weder ihn noch die duale Ausbildung in Frage stellen. Beide bedeuten einen Mehrwert für Deutschland und auch für Europa.
Bereits Anfang Oktober habe ich dies auch dem Europäischen Parlament gegenüber klargestellt. Ich möchte aber, dass jeder Handwerksmeister in Deutschland dies weiß. Aus den vielen Briefen, die mich erreichen, möchte ich drei Fragen herausgreifen. Warum verkennt Brüssel, dass das duale Ausbildungssystem dafür sorgt, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern viel niedriger ist? Warum sieht man nicht in Brüssel, dass jeder Angriff auf den Meisterbrief diese duale Ausbildung und ihre Erfolge in Frage stellt? Warum fängt die Europäische Kommission eine solche Diskussion an und "mischt sich hier ein"?
"Jugendarbeitslosigkeit ist viel zu hoch"
Die Vorzüge eines dualen Systems, das die theoretische mit der praktischen Ausbildung am Arbeitsplatz verknüpft, werden von der Europäischen Kommission in Brüssel voll anerkannt. Wir haben anderen Mitgliedstaaten sogar empfohlen, in ihren nationalen Ausbildungssystemen eine duale Ausbildung deutlich aufzuwerten. In manchen Mitgliedstaaten ist die Jugendarbeitslosigkeit viel zu hoch. Dies ist nicht nur ein Problem für die Jugendlichen, sondern auch für die öffentlichen Haushalte, denen heute das Geld fehlt, diese Jugendlichen zu unterstützen. Lösungen müssen heute sowohl aus der Wirtschaft als auch aus den Ausbildungssystemen kommen.
Das Handwerk ist eine Säule des dualen Ausbildungssystems in Deutschland. Der Handwerksmeister in einem Handwerksbetrieb trägt die Verantwortung dafür, dass ein Lehrling eine erfolgreiche Lehre macht. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass ein erfolgreicher Lehrling nicht nur selbst später einmal den Meisterbrief erwirbt, sondern sogar ein eigenes Unternehmen gründet und wiederum für neue Arbeitsplätze sorgt. Wenn nicht, so steht auf jeden Fall eine Fachkraft auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Der volkswirtschaftliche Nutzen liegt daher auf der Hand.
"Ich halte den Meisterbrief für einen Erfolg"
Warum also die Diskussion? Ich will hier nicht einfach auf europäische Vorschriften verweisen. Die modernisierte Berufsqualifikationsrichtlinie sieht für die nächsten zwei Jahre ein Verfahren der wechselseitigen Evaluierung aller reglementierten Berufe vor, die es in den Mitgliedstaaten gibt. Worum geht es dabei? Die Wirtschaftskrise, die in vielen europäischen Ländern besteht, hat zu einem Konsens zwischen allen Mitgliedstaaten geführt, die nationalen Regeln bei den reglementierten Berufen besser kennenzulernen. Für alle wird es auch aus meiner Sicht von Vorteil sein, diese Regeln und die Erwägungen, die dahinterstehen, besser zu verstehen.
Dies gilt auch für Deutschland, dessen Volkswirtschaft derzeit so erfolgreich ist, das aber auch einen Fachkräftemangel befürchtet. Die Evaluierung soll dazu beitragen, Mobilität zu fördern und damit auch eine Antwort auf derartige Befürchtungen in Deutschland geben. Ich bleibe also nicht nur dabei, den Meisterbrief für einen Erfolg zu halten. Ich verbinde dies mit der Bitte an das deutsche Handwerk, seinen Mehrwert auch anderen Ländern Europas zu erklären und sich um mehr Zusammenarbeit zu bemühen.