Wirtschaft ist besorgt Kursrutsch und Energiemarkt: Wie die Krim-Krise verunsichert

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine und die Krise auf der Krim spitzen sich zu. Die deutsche Wirtschaft zeigt sich besorgt, die Märkte reagieren und Befürchtungen werden laut, dass nun Gas und Benzin knapp werden. Doch die wirtschaftliche Verflechtung könnte auch eine Eskalation stoppen.

Die Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine führt Europa und Deutschland schmerzhaft die Abhängigkeit von Energie-Importen vor Augen. - © Foto: tomas/Fotolia

Die Sorgen der Menschen in der Ukraine und auf der Krim sind groß. Sie haben Angst vor einem Krieg, denn die Lage spitzt sich immer mehr zu. Besorgt um die Folgen einer Eskalation zeigte sich auch die deutsche Wirtschaft. Sie warnt vor Sanktionen gegen Moskau.

"Sanktionen würden auch unweigerlich Gegensanktionen auslösen. Das kann niemand wollen", sagte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Rainer Lindner, am Montag in Berlin. Er unterstützt  den Vorschlag der Bundesregierung, mit einer Kontaktgruppe zum Dialog zurückzukehren.

In der Ukraine mit 45 Millionen Bürgern machen etwa 400 deutsche Unternehmen Geschäfte. Sie haben die Hoffnung auf eine Lösung noch nicht aufgegeben: "Wir haben noch von keinem Unternehmen gehört, das wegen der aktuellen Entwicklung den Markt aufgeben möchte", sagte Lindner.

Goldpreis stieg auf den höchsten Stand

Mehr Verunsicherung zeigen da die Investoren an den Aktienmärkten. Denn dort löste die Krim-Krise einen Kursrutsch aus. Am Montag gingen die Börsen weltweit auf Talfahrt. Am stärksten fielen die Verluste in Russland aus. Doch auch der deutsche Leitindex Dax und der europäische Eurostoxx verloren deutlich. Die Anleger flüchteten aus Furcht vor einer Zuspitzung der Lage in der Ukraine in "sichere Häfen" bei Währungen, Staatsanleihen und Edelmetallen. Der Goldpreis stieg auf den höchsten Stand sei vier Monaten.

Deutlich zeigten sich die Unruhen auch bei den Risikoaufschlägen für Rohöl. Sie erhöhten sich deutlich. Russland ist ein weltweit bedeutender Ölexporteur. Sowohl europäisches als auch amerikanisches Öl legten um mehr als einen Dollar zu. Die Bundesregierung betonte, dass es derzeit überhaupt keine Anzeichen für Lieferengpässe bei Gas und Rohöl aus Russland gebe.

Noch deutlichere Preisaufschläge gab es bei Mais und Weizen. Die Ukraine ist eines der weltgrößten Exportländer für Getreide.

Russland hat auf der autonomen ukrainischen Schwarzmeerhalblinsel praktisch die Kontrolle übernommen. Mit allen Mitteln wird rund um den Globus versucht, diesen gravierendsten Konflikt in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges zu entschärfen. dpa

Große Befürchtungen um die Gas- und Benzinpreise

Antworten auf wichtige Fragen

Warum könnten die Deutschen vom Konflikt zwischen Moskau und Kiew direkt betroffen sein?

Deutschland importiert große Mengen Rohöl und Gas aus Russland; es ist das bei weitem wichtigste Lieferland. Die Ölimporte aus Russland lagen 2013 bei mehr als 31,4 Millionen Tonnen, das sind 34,8 Prozent der gesamten Einfuhren. Bei den Gasimporten sind es sogar 38,7 Prozent. Bislang gibt es nach Angaben der Bundesregierung aber keine Anzeichen für drohende Lieferengpässe.

Warum ist die Ukraine bei Energiegeschäften so wichtig?

Die Hälfte der russischen Gasexporte nach Europa wird über Leitungen durch die Ukraine abgewickelt. Sollten die Pipelines unterbrochen werden, wären die Lieferungen nicht ohne weiteres vollständig zu ersetzen. Die Bedeutung des Gastransportsystems für den Transit von Russland nach Westeuropa hat mit der Inbetriebnahme der Pipeline Nord Stream durch die Ostsee abgenommen.

Wie reagieren die Energiemärkte?

Geopolitische Krisen führen in der Regel zu steigenden Preisen. Ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Nordsee-Sorte Brent verteuerte sich bereits auf rund 111 Dollar; das ist der höchste Preis in diesem Jahr, bewegt sich aber im normalen Rahmen. Der Gas-Preis schoss am Montag zunächst um zehn Prozent in die Höhe, war aber in den vergangenen Wochen um 20 Prozent gesunken.

Drohen den Verbrauchern höhere Benzin- und Heizölpreise?

Noch gibt es keine Anzeichen dafür. Verschärft sich die Krise, werden die Energiemärkte nervös, könnte sich das ändern. Der aktuelle Ölpreisanstieg ist spekulativ; die Versorgungslage ist relativ ausgeglichen, weder besonders gut noch besonders schlecht", sagt der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold.

Wenn die EU Sanktionen verhängt, dreht Putin dann den Gashahn zu?

Unwahrscheinlich. Der russische Staatskonzern Gazprom hat langfristige Verträge mit europäischen Abnehmern und ist seit Jahrzehnten zuverlässiger Lieferant. Selbst im Kalten Krieg hat die Sowjetunion Westeuropa versorgt. Die Deviseneinnahmen aus dem Gas- und Ölexport sind für Russland überlebenswichtig, weil der Rest der Wirtschaft ziemlich marode ist.

Wie ist Deutschland auf den Ernstfall vorbereitet?

Der Staat bunkert für Krisen große Mengen Öl. Die strategische Ölreserve muss per Gesetz für 90 Tage reichen. Diese wurde etwa im Libyen-Konflikt oder nach dem Hurrikan "Katrina" angezapft, um die Märkte zu beruhigen. Die vorhandenen Gasspeicher sind die viertgrößten weltweit. Nach dem milden Winter sind die 47 Gasspeicher gut gefüllt. "Es besteht kein Anlass zur Sorge", sagt eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD).

Wie wichtig ist Russland für die deutsche Wirtschaft?

Die Unruhe ist groß. Der Ost-Ausschuss beim Industrieverband BDI hält eine Rezession in Russland für denkbar. Nach einem Rekordergebnis von 80,5 Milliarden Euro im Jahr 2012 sank der deutsch-russische Handel 2013 auf 76,5 Milliarden Euro. Der Sinkflug der russischen Währung Rubel verteuert deutsche Exporte . Eine Eskalation, womöglich militärisch, könnte aber vor allem Moskau teuer zu stehen kommen. Das Land ist auf die Milliarden aus den Energieexporten angewiesen, ebenso auf Investitionen und Wissen westeuropäischer Konzerne.

Wie stark sind deutsche Firmen in der Ukraine engagiert?

Dort sind etwa 400 Unternehmen aktiv. Nach den blutigen Protesten und Unruhen in Kiew mussten viele ihre Repräsentanzen in der Hauptstadt oder im Osten des Landes schließen. Zurückziehen will sich vorerst niemand. dpa