Nach neun Jahren tritt Otto Kentzler als Handwerkspräsident ab. Er hat in seiner Amtszeit die Handwerkspolitik maßgebend geprägt. Im DHZ-Interview spricht er über die Erfolge seiner Amtszeit, über versäumte Chancen und über sein Verhältnis zu Angela Merkel.
Burkhard Riering

DHZ: Herr Kentzler, endlich liegt der Koalitionsvertrag vor. Wie nicht anders zu erwarten, ist es ein großer Kompromiss geworden. Wie finden Sie den Vertrag aus Handwerkssicht?
Kentzler: Positiv für das Handwerk ist das Bekenntnis im Koalitionsvertrag zur Leistung des Handwerks für Wirtschaft und Gesellschaft, zu Ausbildung und Meisterbrief und zum Prinzip der Selbstverwaltung. Folgerichtig halten die Partner an der Schonung des Betriebsvermögens im Erbschaftsteuerrecht fest und sprechen sich für eine mittelstandsgerechte Ausgestaltung der Thesaurierungsrücklage aus.
DHZ: Und was fehlt im Vertrag?
Kentzler: Es fehlt aus Sicht des Handwerks das notwendige stärkere Augenmerk auf die Energieeffizienz durch eine steuerliche Abschreibung. Es fehlt die Abschwächung der kalten Progression. Und die teuren Absichtserklärungen bei den Sozialversicherungen sind für unsere Betriebe und ihre Mitarbeiter vergiftete, weil teuer bezahlte, Wohltaten. Dazu kommen Entscheidungen im Arbeitsrecht und beim Mindestlohn, die eine Rolle rückwärts bedeuten und Arbeitsplätze gefährden.
DHZ: Das klingt pessimistisch.
Kentzler: Es bleiben Sorge und Unsicherheit, was sich aus dem Verhandlungsergebnis entwickeln wird. Ich möchte es positiv ausdrücken: Wenn die Vereinbarungen in Gesetze gegossen werden, müssen wir weiter intensiv für die Belange des Handwerks kämpfen.
DHZ: Am mangelnden Verständnis bei der Kanzlerin kann es nicht liegen. Man sagt Ihnen ein enges Vertrauensverhältnis zu Frau Merkel nach.
Kentzler: Ich bin im gleichen Jahr als Präsident gestartet wie Angela Merkel als Bundeskanzlerin. Drei Tage nachdem sie im Bundestag gewählt wurde, redete sie schon bei uns auf der Vollversammlung in Düsseldorf. Ich habe Frau Merkel dann am Ende der Veranstaltung ein paar Zeilen aus Wagners Meistersingern mit auf den Weg gegeben: „Der Vogel, der hier sang, dem war der Schnabel wohl gewachsen." Die folgende Zeile "Macht er den Meistern bang" habe ich wohlweislich weggelassen … Sie war von der Veranstaltung begeistert und hat uns versprochen, jedes Jahr zu kommen. Das hat sie gehalten.
DHZ: Und in der Folge entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit?
Kentzler: Es ist Vertrauen und auch Vertrautheit im Umgang miteinander entstanden. Die Bundeskanzlerin weiß bei uns immer, woran sie ist. Das, was wir vortragen, ist uns ernst. Wir verlangen kein Wolkenkuckucksheim, sondern kämpfen für die Betriebe, von denen dieses Land lebt. Aber nicht nur mit der Kanzlerin hat das ganz gut geklappt, auch andere Politiker sind nah am Handwerk.
"Der Ton macht die Musik. Wir haben nie brüskiert, nie polemisiert."
DHZ: Und wie war das mit den Wirtschaftsministern in den neun Jahren ihrer Amtszeit? Da haben Sie ja einige kommen und gehen sehen ...
Kentzler: Mit Michael Glos bin ich bestens zurechtgekommen, dem Müllermeister. Wir waren zusammen auf Dienstreise im Oman, dort hat das deutsche Handwerk einen exzellenten Ruf. Die Zeit mit den Ministern zu Guttenberg und Brüderle war eher kurz. Philipp Rösler, der jetzt die Ehrenmedaille des Handwerks bekommen hat, hat sich stets für uns ins Zeug gelegt. Herr Rösler hat das Handwerk und seine Anliegen verstanden.
DHZ: Wenn es solch ein Vertrauen gibt, fällt es dann immer leicht, die Regierung zu kritisieren?
Kentzler: Da antworte ich auf Französisch: C’est le ton qui fait la musique. Der Ton macht die Musik. Wir haben immer einen sachlichen, klaren und verständlichen Ton gefunden. Wir haben nie brüskiert, nie polemisiert. Dann hört man uns auch zu.
DHZ: Wenn wir die Jahre als Präsident Revue passieren lassen: Was waren die Erfolge und was das Negativste in der Zeit? Beginnen wir mit dem Positiven.
Kentzler: Das ist eine Frage ans Gewissen und ans Herz. Worüber ich mich besonders gefreut habe: Dass es uns gelungen ist, die Organisationsreform auf den Weg zu bringen. Die Probleme zwischen Kammern, Verbänden und Innungen konnten wir in den Jahren stark abbauen. Das Zweite ist die Imagekampagne des Handwerks und dass sie mittlerweile breite Akzeptanz findet. Auch wenn wir gerade den einzelnen Betrieb noch besser erreichen wollen. Und ein politischer Erfolg ist die Gleichstellung der akademischen und beruflichen Ausbildung. Am Anfang wurden wir für dieses Ansinnen belächelt, inzwischen ist es Konsens.
DHZ: Und das Negative? Was ärgert Sie heute noch?
Kentzler: Am meisten ärgert mich auch aus Sicht eines Unternehmers, wie lange es dauert, bis eine gute Idee auf politischer Ebene umgesetzt wird. Das nervt. Und nicht nur in Berlin. Das ist in den Landtagen wohl nicht anders, und vor allem in Brüssel mahlen die Mühlen aufgrund der komplexen Strukturen langsam.
DHZ: Wird der Job des Handwerkspräsidenten auch immer komplexer?
Kentzler: Schwer zu sagen. Man muss wohl genauer hinschauen als früher, auch mit Blick auf Gesetzesvorlagen aus Brüssel. Aber so oder so: Allentscheidend ist das persönliche Gespräch, das ist das A und O des Amts. Man muss mit allen gut auskommen, wenn man was erreichen will. Und wir betreiben unsere Arbeit ja nicht wie andere Lobbyismus nur um der eigenen Klientel willen. Es geht uns um Ordnungspolitik im Ganzen für das Land. Es müssen gemeinsam die richtigen Weichen gestellt werden.
"Eines kann ich sagen: Es hat immer Spaß gemacht."
DHZ: Werden Sie das Amt vermissen?
Kentzler: Ja!
DHZ: Und Sie können loslassen?
Kentzler: Ich muss ja loslassen können!
DHZ: Und wie machen Sie das?
Kentzler: Naja, in einigen Funktionen bin ich ja noch tätig: Dortmunder Kammerpräsident bis Ende 2014, Vize bei der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände bis nächstes Jahr, weiter Vizepräsident im europäischen Verband UEAPME. Durch meine gesundheitlichen Einschränkungen muss ich aber ohnehin kürzertreten. Ich werde mich aber natürlich mit vielen weiter austauschen, es sind ja auch Freundschaften entstanden wie mit Heinrich Traublinger aus Bayern. So ganz geht man nie.
DHZ: Was können Sie dem neuen ZDH-Präsidenten mit auf den Weg
geben?
Kentzler: Ich kann ihm nur sagen: Sei wie du bist. Verstelle dich nicht, verdreh dich nicht, sondern sei sachlich, ruhig, ehrlich, bestimmt. Das hat bei mir am besten funktioniert. Und es hat immer Spaß gemacht.