Die Berufsanerkennungsrichtlinie ist angenommen, Abschlüsse in Handwerksberufen können nun schneller in anderen EU-Staaten anerkannt werden. Doch gleichzeitig stellen die EU-Abgeordneten das deutsche Qualifizierungssystem inklusive Meisterbrief in Frage. Aus dem Handwerk werden Stimmen laut, dass sich Brüssel schnell aus den Widersprüchen lösen muss.

Hat die EU-Kommission aus Sicht des Handwerks am Mittwoch einen Fortschritt erzielt, in dem sie en Bericht zur Berufsanerkennungsrichtlinie angenommen hat. So verstrickt sie sich in ihren Plänen für die berufliche Bildung insgesamt jedoch in Widersprüchen. Denn gleichzeitig stellt sie mit der Prüfung der Berufszugangsregeln den deutschen Meisterbrief in Frage.
Mit der Bestätigung der Berufsanerkennungsrichtlinie wird es für alle EU-Bürger einfacher Berufsabschlüsse europaweit anerkennen zu lassen und damit in der erworbenen Qualifikation im Ausland zu arbeiten. So soll unter anderem die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen Krisenstaaten bekämpft werden. Festgelegt wurde aber zusätzlich, dass jeder Mitgliedstaat weiterhin autonom über seine Ausbildungsgrundsätze entscheiden kann. Das sogenannte Herkunftslandprinzip wurde gestrichen.
Deutschland unter Druck
"Die Berufsanerkennungsrichtlinie sichert die Vergleichbarkeit von beruflichen und akademischen Abschlüssen in Europa mit ab. Das ist ein weiterer wichtiger Schritt hin zu mehr Freizügigkeit für Arbeitnehmer in der Europäischen Union", lobt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) die Entscheidung. Doch er mahnt gleichzeitig, dass der Blick auf diese Fortschritte nicht dazu führen darf, dass die aktuelle Diskussion zum deutschen Meisterbrief weiter geführt werden muss.
So müsse die EU-Kommission nun dafür sorgen, die entstandenen Widersprüche zu lösen. Auf der einen Seite lobe Brüssel das duale Ausbildungssystem als Beispiel für die krisengeschüttelten Südländer Europas. "Auf der anderen Seite setzt sie Deutschland unter Druck, sich für jegliche Qualifikationsanforderungen erneut zu rechtfertigen", sagte Schwannecke der " Neue Osnabrücker Zeitung".
Erst kürzlich war bekannt geworden, dass die EU von allen Ländern fordert, ihre Ausbildungssysteme zu evaluieren und Beschränkungen zu rechtfertigen. Übermäßig restriktive Bedingungen für den Zugang zu bestimmten Berufen könnten auf junge Menschen eine abschreckende Wirkung haben und ihren Eintritt in den Arbeitsmarkt sogar verhindern, heißt es in der Mitteilung der EU-Behörde. Das Handwerk sah diese Forderung auch als Angriff auf den Meisterbrief.
Angriff auf die Wettbewerbsfähigkeit
In diesem Zusammenhang hat das Handwerk hat der EU-Kommission und der deutschen Bundesregierung deutlich gemacht, dass eine Schwächung unseres bewährten Qualifizierungssystems nichts anderes wäre als ein Angriff auf die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. "Hände weg vom Meisterbrief!", forderten deshalb auch weitere Politiker und machen sich dafür stark, die EU-Pläne nicht anzuerkennen. Zu konkreten Beschlüssen wird es auf EU-Ebene aber erst in zwei bis drei Jahren kommen.
Die duale Ausbildung gilt aber dennoch europaweit als Vorbild für viele Länder. Nach Ansicht des ZDH bietet sie eine hohe soziale Durchlässigkeit für talentierte Jugendliche. Der Weg von der Hauptschule über den Erwerb beruflicher Qualifikationen hin zur Universität sei hiermit möglich geworden.
Immer noch viele jungen Menschen ohne Berufsabschluss
Etwas kritischer sieht das jedoch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das angesichts der neuesten Ergebnisse der Studie der der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zum Bildungsstand Erwachsener dazu aufruft, dass mehr in die berufliche Aus- und Weiterbildung in Deutschland investiert werden müsse. Probleme gebe es noch immer beim Thema Nachqualifizierung An- und Ungelernter. "Hier liegt ein weitgehend noch ungenutztes Potenzial, das es zu erschließen gilt, um die Fachkräftelücke zu verringern", mahnte BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Alle Beteiligten – ob Politik Wirtschaft, aber auch die Menschen selbst – müssen der beruflichen Weiterbildung künftig einen höheren Stellenwert beimessen.
Bei allen bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Erfolgen der vergangenen Jahre sei es letztendlich nicht gelungen, die hohe Quote der jungen Menschen ohne Berufsabschluss entscheidend zu senken, kritisierte er. Als Ziel für die nächsten vier Jahre sieht er deshalb das überproportionale Arbeitslosigkeitsrisiko dieser Personengruppe zu verringern. Zurzeit hat etwa jeder siebte junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss. Das entspricht rund 2,15 Millionen Menschen. jtw