Inhalte sind immer noch das wahlentscheidende Kriterium. Aber auch Provokation kann hilfreich sein, weil sie Aufmerksamkeit erzeugt. Der Politikwissenschaftler Stefan Marschall erklärt, warum Medien Wahlen entscheiden können und wo die Trends der Zukunft liegen.
Steffen Guthardt

DHZ: Herr Marschall, wie viel Provokation in einem Bundestagswahlkampf ist erlaubt?
Marschall: Provokation kann hilfreich sein, weil sie Aufmerksamkeit erzeugt. Im Fall von dem viel diskutierten Magazin-Cover mit Peer Steinbrück war es jedoch eine nicht ganz geglückte Form der Provokation und es hat seinem Wahlkampf eher geschadet als genutzt. Aber das ist sein Stil: Steinbrück hat viele Entscheidungen im Wahlkampf eher spontan getroffen. Das bringt ein gewisses Risiko mit sich.
DHZ: Aber ein Wahlkampf soll doch auch polarisieren.
Marschall: Wer eine zu große Angriffsfläche bietet, der muss damit rechnen, dass die politischen Gegner dies auszunutzen wissen. Dass Angela Merkel eher das Gegenteil macht, wurde in diesem Wahlkampf nur deswegen so thematisiert, weil ihre Persönlichkeit sich viel stärker von der Steinbrücks unterscheidet als im letzten Wahlkampf von Herausforderer Frank-Walter Steinmeier.
DHZ: Muss ein moderner Kanzler nicht auch ein bisschen Showmaster sein?
Marschall: Natürlich muss er den Umgang mit den Medien beherrschen. Viel wichtiger ist aber, dass die Partei ihn trägt und es keine sichtbaren Konkurrenten im eigenen Lager gibt. Deswegen ist es sicher ein Vorteil, wenn der Kandidat zugleich Parteivorsitzender ist.
DHZ: Wird der Kanzler heute nicht sowieso von den Medien bestimmt?
Marschall: Ich finde nicht, dass es bei dieser Wahl so war. Aufgrund der Vielfalt der Berichterstatter findet sich doch meistens ein Gleichgewicht. Wenn sich ein Politiker allerdings große Fehlleistungen erlaubt, können die Medien einen negativen Eindruck noch verstärken und eine Wahl beeinflussen.
DHZ: Zu Wahlkampfzeiten begeben sich Spitzenpolitiker in eine Politik-Talkshow nach der anderen. Erhöht das Überangebot nicht noch die Politikverdrossenheit?
Marschall: Ich denke nicht. Die Beteiligung der Bürger ist bei dieser Wahl gestiegen im Vergleich zu 2009. Das mediale Angebot ist so groß, da kann jeder frei entscheiden, was er sehen möchte und was nicht. Wenn bei einem TV-Duell 17 Millionen Menschen zuschauen, ist das durchaus ein wichtiger Faktor und geht nicht spurlos an einer Wahl vorbei.
DHZ: Glauben Sie, dass Menschen nach so einem TV-Duell ihre Wahlentscheidung ausrichten?
Marschall: Zumindest kann eine solche Kombination aus Unterhaltung und Information Wählergruppen aktivieren, die sich vielleicht sonst weniger mit Politik beschäftigen. Sie können ihre Position mit denen der Kandidaten abgleichen und werden dadurch vielleicht auch motiviert, zur Wahl zu gehen.
DHZ: Netzwerke wie Facebook und Twitter haben in diesem Wahlkampf auch an Bedeutung gewonnen. Wie wichtig sind diese Kanäle?
Marschall: Das Fernsehen ist weiter das Leitmedium in einem Wahlkampf. Aber die Bedeutung sozialer Medien ist nicht zu unterschätzen. Hier können die Parteien viele Erstwähler erreichen und sie von Beginn an in ihrer politischen Haltung prägen. Damit erreichen sie auch die Wähler von morgen, die Jugendlichen, die ihre politischen Informationen vorwiegend aus dem Netz beziehen.
DHZ: Dann werden sich Wahlkämpfe in Deutschland zunehmend ins Internet verlagern.
Marschall: Ja, aber das eine schließt das andere nicht aus. Gerade in diesem Wahlkampf hatten die Parteien zudem das so genannte "canvassing" wieder für sich entdeckt. Überall im Land zogen die Wahlkämpfer der Parteien von Haus zu Haus und suchten den direkten Kontakt mit den Menschen. Ein Trend, der in den USA schon länger zu beobachten ist.
DHZ: Kommt es in Wahlkämpfen überhaupt noch auf Inhalte an?
Marschall: Inhalte sind immer noch das wahlentscheidende Kriterium. Bürger wollen genau wissen, welches politische Angebot ihnen die Parteien für die nächsten vier Jahre machen. Daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern.