Ob Ernst Hinsken, Michael Glos oder Franz Müntefering: Viele bekannte Politiker, die lange Jahre als Abgeordnete die Berliner Politik mitprägten, scheiden zum Ende dieser Legislaturperiode aus dem Bundestag aus. Wolfgang Schäuble könnte hingegen einen neuen Rekord aufstellen.
Mirabell Schmidt

Wenn am 22. September ein neuer Bundestag gewählt wird, werden sie nicht mehr um ihren Einzug ins Parlament zittern. Denn 90 Abgeordnete kandidieren nicht mehr für den Bundestag und kehren der Berliner Politik den Rücken. Durchschnittlich bleiben Abgeordnete zehn Jahre im Bundestag. Doch viele derer, die jetzt ausscheiden, haben eine längere Amtszeit auf dem Buckel. Darunter sind auch viele altbekannte Gesichter.
Michael GlosAls einen "Typ, der Kanten zeigt", beschrieb Angela Merkel ihn. Und dass er kein Blatt vor den Mund nimmt, bestätigte Michael Glos (CSU) kürzlich erneut: Jürgen Trittin sei der "größte Kotzbrocken, den die Grünen haben" und ein "Öko-Stalinist", sagte Glos der "Leipziger Volkszeitung". Diese Direktheit wird man künftig in der Berliner Politik vermissen. Denn Glos nimmt nach 37 Jahren Abschied vom Bundestag. Er wolle seinen 70. Geburtstag nicht als Abgeordneter feiern, sagte der 68-Jährige. Und das, obwohl er für die Bundestagswahl 2009 von seiner Partei mit 100 Prozent der Stimmen nominiert wurde.
Seit 1976 - Helmut Schmidt (SPD) war noch Kanzler - sitzt Glos im Bundestag. Für seine Zwischenrufe bekannt, galt er als politischer Feind Joschka Fischers. Zwölf Jahre war er CSU-Landesgruppenchef, im Jahr 2005 wurde er – nicht nur für ihn überraschend – Bundeswirtschaftsminister.
Nun hat sich der Franke ein Ruhestandshaus gekauft. Doch komplett zur Ruhe setzen wird sich Glos noch nicht: Als Berater und Berliner Lobbyist des unterfränkischen Baustofflieferanten Knauf wird er künftig tätig sein.
Hinsken konzentriert sich jetzt auf Heilbäder
Ernst HinskenAuch Glos' Parteikollege Ernst Hinsken kandidiert nicht mehr für den Bundestag. Seit 1980 ist der Bäckermeister Abgeordneter, war unter anderem unter Helmut Kohl Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung und Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses. Vehement setzte er sich für die Interessen seines Wahlkreises Straubing ein. Sogar den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy lockte Hinsken einst in die bayerische Provinz. Das Erfolgsgeheimnis: seine Hartnäckigkeit. Es sei "mit Rücksicht auf die eigene Lebenserwartung" besser, ihm nachzugeben, sagte einmal Horst Seehofer.
Doch für Aufsehen sorgte der heute 70-Jährige vor allem, als er 2002 der rot-grünen Regierung während einer Rede des damaligen Wirtschaftsministers Werner Müller eine rote Laterne überreichen wollte. Symbol für die schlechte wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands im Vergleich zum Rest Europas. Die Folge: eine Rüge des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse.
Künftig wird sich Hinsken als Präsident des Deutschen Heilbäderverbandes um die Belange der Heilbäder kümmern - neben den Aktivitäten in den anderen 73 Vereinen, in denen er Mitglied ist.
Thierse geht nach 23 Jahren
Wolfgang ThierseUnd auch der, der Hinsken damals für die rote Laterne rügte, wird im 18. Bundestag nicht mehr vertreten sein. Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Bundestagspräsident und stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, ist seit 1990 Mitglied im Parlament. Immer wieder erregte er Aufsehen durch überspitzte Aussagen – zuletzt waren es Schimpftiraden auf in Berlin lebende Schwaben. Mit nun fast 70 Jahren zieht er sich aus der Politik zurück und kandidiert nicht mehr als Abgeordneter.
Auf Müntefering folgt Müntefering
Franz MünteferingSein Parteikollege und Ex-SPD-Chef Franz Müntefering tut es ihm nach. Mit 73 Jahren will er sich aus der Berliner Politik zurückziehen. Erstmals kam der SPD-Politiker 1975 in den Bundestag und kletterte die politische Karriereleiter hoch. Er wurde Parteichef, Arbeitsminister, Vizekanzler – und berühmt für Drei-Wort-Sätze ("Opposition ist Mist"). Trotz seines Rückzuges wird der Name Müntefering im Bundestag möglicherweise erhalten bleiben. Seine Frau, Michelle Müntefering, kandidiert als Abgeordnete der SPD.
Aigner geht zurück nach Bayern
Auch der ehemalige Fraktionschef der SPD, Hans-Ulrich Klose geht mit 76 Jahren in den Ruhestand. Seit 1983 ist er Mitglied des Bundestages und setzte sich immer für gute Beziehungen zu den USA ein. Und Heidemarie Wieczorek-Zeul, ehemals Bundesministerin für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit unter Rot-Grün, verlässt den Bundestag nach 26 Jahren.
Noch-Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) kehrt Berlin nach 15 Jahren Bundestag ebenfalls den Rücken und möchte zurück in die bayerische Landespolitik - möglicherweise um eines Tages Horst Seehofer als bayerisches Staatsoberhaupt zu beerben.
Und auch bei den Liberalen werden zwei bekannte Abgeordnete gehen: Wolfgang Gerhardt (FDP), seit 1994 im Bundestag und von 1995 bis 2001 Bundesvorsitzender der FDP wird nach Ende dieser Legislaturperiode ebenfalls nicht ins Berliner Parlament zurückkehren. Genauso sein Parteikollege und Bundestagsvizepräsident Hermann-Otto Solms, 74, der mit vollem Namen eigentlich Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich heißt. Er wurde erstmals 1980 in den Bundestag gewählt.
Schäuble ist dienstältester Abgeordneter
Wolfgang SchäubleNur zwei der zehn ältesten Bundestagsabgeordneten können es nicht lassen: Der 77-jährige Heinz Riesenhuber von der CSU und der 74-jährige Hans-Christian Ströbele von den Grünen kandidieren nochmal für den Bundestag.
Auch dienstältester Abgeordneter und Finanzminister, Wolfgang Schäuble, tritt 2013 wieder zu Wahl an und wird daher aller Voraussicht nach einen Rekord brechen. Denn in der kommenden Legislaturperiode wird er zum zwölften Mal als Abgeordneter im Bundestag sitzen, so lange wie noch niemand vor ihm. Den Rekord hielt bisher Richard Stücklen von der CSU, der elf Legislaturperioden – also 41 Jahre - Mitglied des Bundestages war.




