Brief an die Öffentlichkeit 30-Stunden-Woche für alle gefordert

Um die Massenarbeitslosigkeit in Europa zu bekämpfen, fordern Wissenschaftler, Politiker und Gewerkschafter eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich soll die aktuellen Probleme auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt lösen, schreiben sie in einem offenen Brief.

Arbeitzeitmodelle auf dem Prüfstand: Wissenschaftler und Politiker fordern eine generelle Arbeitszeitverkürzung. - © Foto: Les Cunliffe/Fotolia

"Wir brauchen ein gesamtgesellschaftliches Projekt Arbeitszeitverkürzung", erklärte Hein-Josef Bontrup, Professor für Wirtschaftsrecht an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und Mitinitiator des Briefs, den Vorstoß zu einer neuen Arbeitszeitverteilung in Europa gegenüber der "tageszeitung" (taz). Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und befristete Beschäftigungen auf der einen Seite und der zunehmende Fachkräfteengpass und Mangel an Nachwuchs auf der anderen Seite müssten besser miteinander verknüpft werden.

Da es jedoch insgesamt ein Überangebot an Arbeitsmärkten gebe, wären neue Arbeitsmodelle nötig. "Das Überangebot führt zu Lohnverfall", heiße es in dem Aufruf. 100 Wissenschaftler, Politiker, Gewerkschafter und Publizisten fordern darin eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.

Mehr Menschen sollen Arbeit bekommen

Mit dem Brief wenden sie sich an die Vorstände der Gewerkschaften, Parteien, Sozial- und Umweltverbände sowie die Kirchenleitungen in Deutschland. Zu den Unterzeichnern des Schreibens, gehören unter anderem die Linksparteipolitikerinnen Katja Kipping und Sarah Wagenknecht und der Sozialphilosoph Oskar Negt.

Das Projekt der Arbeitszeitverkürzung sieht vor, die 30-Stunden-Woche schrittweise über mehrere Jahre einzuführen.  Die Initiatoren versprechen sich Produktivitätssteigerungen, da deutlich mehr Menschen mit in das Erwerbsleben einbezogen werden könnten. Sie sehen ihr Konzept als gesamteuropäische und deutsche Aufgabe. "Neben den offiziell etwas über drei Millionen Arbeitslosen gibt es hierzulande über drei Millionen Teilzeitbeschäftigte, die im Schnitt 14,7 Stunden in der Woche arbeiten und denen das nicht reicht", sagte Bontrup der "taz".

Arbeitsbelastung steigt

Der Wissenschaftler sieht nun die Gewerkschaften in der Pflicht auf den Vorschlag zu reagieren. Doch in den Gewerkschaftsvorständen meidet man das Thema. 2003 war die IG Metall mit ihrem Streik für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland gescheitert.

Dass diese Forderung kurz nach der Diskussion um die stetig steigende Arbeitsbelastung aufkommt, scheint Zufall zu sein. Es zeigt jedoch, welche Umwälzungen der Arbeitsmarkt gerade erlebt. Ende Januar wurde der "Stressreport Deutschland 2012" veröffentlicht und hat gezeigt, dass Termin- und Leistungsdruck stark zugenommen haben und dass sich viele Arbeitnehmer belastet fühlen. jtw