Ökologische Nachhaltigkeit beeinflusst nach Ansicht von Gert G. Wagner unsere Lebensqualität stärker als das reine Wirtschaftswachstum. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung erklärt der Vorstandsvorsitzender des DIW Berlin, warum wir eine Alternative zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) brauchen, um zu messen, wie gut es uns heute geht.
Jana Tashina Wörrle

DHZ: Müssen wir Wachstum heute anders bewerten als noch vor einigen Jahren?
Wagner: "Wachstum ist weiterhin wichtig, aber es gibt heute keine quantifizierte Wachstumsziele mehr, die bewusst angesteuert werden. Deshalb wird auch das Bruttoinlandsprodukt heutzutage selbst in der Wirtschaftspolitik nicht mehr wirklich ernst genommen. Viel wichtiger sind zum Beispiel die Arbeitslosenquote und die Einkommensverteilung, wenn es darum geht zu sagen, wie gut es einem wirtschaftlichen reichen Land wie Deutschland geht."
DHZ: Sie wollen eine Alternative beziehungsweise eine Ergänzung zum Wert des Bruttoinlandsprodukts erstellen. Warum?
Wagner: "Weil die Lebensqualität heute stärker im Vordergrund steht und deren Komponenten sollen auch mit in die Statistik einfließen. Wir messen schon seit Jahren sehr viele einzelne Faktoren, die unser Leben und Wirtschaften bestimmen. Aber nun versuchen wir, diese einzelnen Statistiken in ein leicht interpretierbares Gesamtbild zu bringen, was wirklich nicht einfach ist."
DHZ: Was beeinflusst denn das Wirtschaften und damit das Wachstum am meisten?
Wagner: "Wir diskutieren die einzelnen Faktoren, die neben dem Wachstum, der Arbeitslosigkeit und der Einkommensverteilung wichtig sind. Das sind vor allem ökologische Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Wir müssen diese stärker in unseren Wohlstandsbegriff mit einbeziehen, um dann in der Tat auch langfristig ein vernünftiges Wachstum zu sichern. Bislang ist Wachstum immer verbunden mit mehr Naturverbrauch, aber das müssen wir ziemlich radikal entkoppeln."