Vor Einführung der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit für acht osteuropäische EU-Mitgliedsstaaten war die Furcht vor den Auswirkungen auf den inländischen Arbeitsmarkt groß. Ein Jahr später ist das Thema aus den Nachrichten nahezu verschwunden. Der Zustrom aus den vermeintlichen Billiglohnländern ist ausgeblieben. Der ZDH warnt jedoch vor Sozialversicherungsdumping.
Ulrich Steudel und Heidi Roider

Bis zum Jahresende 2011 sind lediglich 79.000 Menschen aus den acht neuen EU-Mitgliedsstaaten nach Deutschland zum Arbeiten gekommen, teilte das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit. Die eher moderate Zuwanderung ist nach Einschätzung des IAB vor allem Sprachbarrieren und zu großen Unterschieden in den Ausbildungs- und Bildungssystemen geschuldet.
Insgesamt waren im Januar 224.000 Arbeitnehmer aus Polen, Tschechien, Ungarn, Estland, Lettland, Litauen, Slowenien und der Slowakei in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Damit stellen sie einen Anteil von gerade einmal 0,8 Prozent.
Für das Handwerk kam die Öffnung des Arbeitsmarktes genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Finanz- und Wirtschaftskrise war überstanden, während sich der erwartete Fachkräftemangel in den Betrieben erstmals so richtig bemerkbar machte. Die meisten Arbeitnehmer aus Osteuropa kamen in der Zeitarbeit (plus von 14.200) und im Baugewerbe (plus 11.000) unter. "Unter den Zuwanderern aus Osteuropa gilt es, gerade die jungen für eine Ausbildung und Beschäftigung im Handwerk zu gewinnen", sagte Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Eine Reihe von Handwerkskammern haben Pilotprojekte gestartet, um Jugendlichen vor allem aus den Nachbarstaaten Polen und Tschechien eine Ausbildung anzubieten.
Dass dieses Vorhaben nicht leicht wird, zeigen die Erfahrungen der Handwerkskammer Chemnitz. Von neun jungen Tschechen, die im vergangenen Sommer eine Lehre in Betrieben des Kammerbezirkes angetreten hatten, sind nur noch vier da.
ZDH beklagt Sozialversicherungsdumping
Vor allem mangelnde Deutschkenntnisse haben zum Abbruch der Ausbildung geführt. Dennoch will die Handwerkskammer an ihrem Engagement festhalten. "Unsere Betriebe brauchen die Fachkräfte aus Tschechien", sagt Hauptgeschäftsführer Frederik Karsten. Um im neuen Lehrjahr besser gerüstet zu sein, hat die Kammer ihre Strategie geändert. Wer von den jungen Tschechen eine Ausbildung im Chemnitzer Handwerk beginnen möchte, muss vorher ein Praktikum durchlaufen, gefolgt von Gesprächen mit den Eltern. Erst wenn alles passt, wird der Lehrvertrag unterschrieben. Im Moment absolvieren drei Jugendliche von jenseits der Grenze ein Praktikum, weitere haben schon ihr Interesse bekundet.
Bei aller Gelassenheit wird der Blick nach Osteuropa dennoch von Sorgen getrübt. Offenbar führen Unternehmen aus diesen Ländern, die im Zuge der Dienstleistungsfreiheit Arbeiter nach Deutschland entsenden, in ihrer Heimat zum Teil nur sehr geringe Sozialabgaben ab und verschaffen sich damit erhebliche Wettbewerbsvorteile. Der ZDH hat bereits die Bundesregierung und die Europäische Kommission aufgefordert, dieses Sozialversicherungsdumping zu unterbinden.