Bildungsministerin Annette Schavan will alle Jugendlichen fit für den Arbeitsmarkt machen. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels wird jeder gebraucht.
Karin Birk und Burkhard Riering

DHZ: Frau Schavan, der Fachkräftemangel treibt das Handwerk um. Die Betriebe finden zu wenig geeignete Bewerber. Was läuft hier schief?
Schavan: Tatsache ist, dass wir in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern einem deutlichen demografischen Wandel ausgesetzt sind. Die Zahl der Schulabgänger schrumpft deutlich – auch in den alten Bundesländern. Entsprechend härter wird der Wettbewerb. Gerade deshalb muss jeder eine gute Bildung und Ausbildung bekommen. Bund und Länder haben dafür die Qualifizierungsinitiative vereinbart. Sie reicht von der frühkindlichen Bildung bis zum Wechsel von der Schule in den Beruf.
DHZ: Tatsache ist aber auch, dass viele Jugendliche, die das Handwerk brauchen könnte, erst einmal in Übergangssystemen landen. Wie wollen Sie das ändern?
Schavan: Die Zahl der Eintritte von Jugendlichen in den Übergangsbereich ist 2011 weiter gesunken und liegt erstmals unter 300.000. Dies entspricht einem Rückgang um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das sind gute Nachrichten. Doch wir wollen die Zahlen weiter verringern. Deshalb haben wir mit den so genannten Bildungsketten 2010 gemeinsam mit dem Arbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit eine Kehrtwende gemacht.
DHZ: Worum geht es dabei?
Schavan: Wir setzen mit der Unterstützung viel früher an. Nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Schon in Klasse sieben testen wir Stärken und Schwächen der Schüler und fördern sie entsprechend. Hier lässt sich viel Frust bei den Schülern vermeiden. Außerdem begleiten Bildungslotsen die Schüler während der Praktika, bei der Berufsorientierung, bei der Lehrstellensuche und zu Beginn der Lehre. Das verhilft nicht nur mehr Schülern zu einer Lehrstelle, sondern hilft auch Ausbildungsabbrüche zu verringern.
DHZ: Was sagen Sie zu der These: "Wann immer möglich, sollte man Abitur machen – eine Lehre ist nur dann erste Wahl, wenn man kein Abitur hat."?
Schavan: Nein, Bildung fängt nicht erst mit dem Abitur an. Bildung ist auch nicht gleichzusetzen mit akademischer Bildung. Berufliche Bildung, die zu Handwerksberufen führt, hat für mich einen hohen Stellenwert. Das ist zuletzt deutlich geworden, als wir im Deutschen Qualifikationsrahmen den Meister mit dem Bachelor auf eine Stufe gestellt haben. Die hohe Bereitschaft des Handwerks, auszubilden, ist ein wichtiger Faktor für die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems. Deutschland steht wie kein anderes Land für die duale Ausbildung. Auch deshalb haben wir eine so geringe Jugendarbeitslosigkeit.
"Wir sollten nicht sagen: Der Meister muss erst studieren, um an sein Ziel zu kommen."
DHZ: Andererseits sagt die Politik, wir bräuchten mehr Akademiker. Auch diese Leute fehlen dem Handwerk.
Schavan: Wir sollten den Mehrbedarf an Hochqualifizierten und Akademikern nicht gegen Handwerksberufe ausspielen. Deutschland braucht beides. Abgesehen davon ermöglicht eine duale Ausbildung im Handwerk bis hin zum Meister auch die Möglichkeit der Selbstständigkeit. Das bietet die Chance, schon in jungen Jahren eine Firma zu gründen oder zu übernehmen, Arbeitsplätze zu schaffen und selbst auszubilden. Bei einem Akademiker dauert der Weg in eine solche Laufbahn deutlich länger.
DHZ: Im Handwerk kommen nach wie vor viele Abgänger aus den Hauptschulen. Wie stehen Sie zur Hauptschule?
Schavan: Für manche Jugendliche ist der zügige Wechsel nach der Schule in die berufliche Bildung wichtig, weil sie hier eine andere Lernkultur erleben. Bei manchen löst sich da der Knoten, sie lernen auf einmal motivierter. Um angesichts sinkender SchülerzahlenSchulstandorte gerade im ländlichen Raum zu erhalten, ist es aber nötig, Schule so zu organisieren, dass unter einem Dach verschiedene Schulabschlüsse möglich sind. Sachsen und Thüringen sind gute Beispiele, wo seit 20 Jahren Hauptschul- und Realschulbildungspläne unter einem Dach sind. Erfolgreich sind auch die Mittelschule in Bayern und die Werkrealschule in Baden-Württemberg. Wichtig ist, jedes Kind nach seinen Fähigkeiten zu fördern.
DHZ: Viele befürchten, dass die bewährte Ausbildung durch die jetzt diskutierten Baustein-Konzepte gesprengt wird. Können Sie diese Sorge zerstreuen?
Schavan: Wenn Baustein-Konzepte oder Modularisierung heißt, dass man schon nach kurzen Abschnitten aussteigen kann, dann stößt das zu Recht auf Widerstand. Ich verstehe sie aber anders: Wir haben etwa 350 Berufsbilder, und die müssen wir nicht zuletzt wegen abnehmender Schülerzahlen zu Berufsfamilien zusammenfassen. In diesen Berufsfamilien gibt es dann Module, die für die ganze Berufsfamilie gelten, und Module, die den jeweiligen Beruf ausmachen. Bestehende Berufsbilder werden damit nicht zerstört.
DHZ: Wird es auch zu einer besseren Verzahnung von Ausbildung und Hochschule kommen?
Schavan: Die duale Ausbildung mit verschiedenen Lernorten wird auch an den Hochschulen beliebter. Auch hier werden dann früher erworbene Module teils angerechnet. Für mich steht Modularisierung für eine ausbaufähige Berufsbiografie und eben nicht für ein Absenken der Standards oder noch mehr zweijährige Ausbildungsgänge.
DHZ: Werten Sie damit nicht die Ausbildung zum Meister ab?
Schavan: Ganz im Gegenteil. Bei der Umsetzung des Europäischen Qualifikationsrahmens haben Bund und Länder entschieden, dass der Meister und der Bachelor auf einer Kompetenzstufe stehen.
DHZ: Dennoch kann ein Meister nicht den Masterstudiengang machen.
Schavan: Das stimmt. Mit der Einordnung sollen Kompetenzen für die Arbeitswelt und die Arbeitgeber beschrieben werden, nicht aber der Zugang zu Masterstudiengängen. Schon jetzt besteht aber für Berufstätige die Chance, einen Bachelor zu beginnen.
DHZ: Den bisher kaum einer wählt ...
Schavan: Vielleicht hängt es damit zusammen, dass es für viele attraktiv ist, selbstständig einen Betrieb zu führen. Nicht jeder sieht im Studium den besseren Weg. Hier sollten wir die Gleichwertigkeit ernst nehmen und nicht sagen: Der Meister muss erst studieren. Ein Studium kann aber für jene interessant sein, die sich etwa in Richtung Management oder neue Technologien orientieren möchten.
DHZ: Frau Schavan, im April tritt das Anerkennungsgesetz in Kraft. Berufsabschlüsse aus dem Ausland sollen stärker beachtet werden. Verwässern wir damit nicht unsere Qualitätsstandards?
Schavan: Ganz klar nein. Die Frage der Qualitätsstandards wird ja in engem Einvernehmen mit Handwerk und Industrie und ihren Organisationen geprüft. Deshalb ist uns wichtig, dass es nicht nur um eine Anerkennung oder Ablehnung geht. Den Betroffenen soll auch gesagt werden, welche Kompetenzen für eine vollständige Anerkennung noch fehlen. Sie können dann nachqualifizieren und dafür die bestehenden Förderungen in Anspruch nehmen.
DHZ: Gibt es Schätzungen, mit wie vielen Verfahren zu rechnen ist?
Schavan: Experten rechnen mit rund 300.000 Verfahren über alle Berufsgruppen. Das zeigt schon, dass wir mit diesem Gesetz ein Zeichen der Wertschätzung und ein Signal für Integration setzen. Ich werde Ende März eine Hotline für Interessierte freischalten. Genauere Informationen wird auch das Bundeswirtschaftsministerium über ein Info-System zur Verfügung stellen.
DHZ: Kommen wir zum Schluss zur Energiewende: Auch hier verändern sich die Berufsbilder. Inwiefern ist das Ministerium mit von der Partie?
Schavan: Wir haben zum Beispiel in der nationalen Plattform Elektromobilität Vorschläge für die Aus- und Weiterbildung gemacht. Unsere Experten raten nicht zu ganz neuen Berufsbildern, sondern auch zu Modulen. Das heißt, zu Angeboten für Zusatzausbildungen, mit denen man sich etwa vom Elektrotechniker zum Solarteur weiterentwickeln kann. Nicht nur hier, auch in anderen Branchen werden wir künftig noch stärker erleben, dass technische Veränderungen noch schneller Weiterbildungen erfordern. Ich weiß, dass Handwerker auch in der Vergangenheit immer clever genug waren, sich hier schnell anzupassen. Oft schneller als die Akademiker.