Der Frauenanteil im Handwerk steigt. Immer öfter setzt sich das vermeintlich schwächere Geschlecht auch in Männerdomänen durch
Von Matthias Heiler

Frauen packen an
Immer mehr Frauen in Deutschland entscheiden sich für eine Karriere im Handwerk. 2008 stellten Frauen 23,8 Prozent der Auszubildenden im deutschen Handwerk und erreichten damit den höchsten Anteil seit 1992. Zudem gehen 20,1 Prozent der Handwerkerinnen konsequent ihren Berufsweg und legten 2008 erfolgreich die Meisterprüfung ab.
Dass sich Frauen auch in klassischen Männerdomänen durchsetzen, beweist Bianca Fattler jeden Tag in der Werkstatt. Die Metallbaumeisterin kämpft auf Baustellen oft mit skeptischen Architekten oder Kollegen. „Wenn ich mit einem männlichen Gesellen auftauche, sprechen Bauleiter oder Kollegen aus anderen Gewerken ganz selbstverständlich ihn wegen der technischen Abwicklung an“, erzählt Bianca Fattler von ihren Erfahrungen. Wenn sie im Fachgespräch dann mit ihren Ideen und ihrem Wissen punktet, verfliegt die anfängliche Skepsis. Wer sein Können beweist, den akzeptieren die Kollegen schnell.
Tür zum Aufstieg steht offen
Zu den Ausbildungsberufen mit dem höchsten Frauenanteil zählen aber immer noch die klassischen weiblichen Domänen Kosmetikerin mit 97,7 Prozent, Maßschneiderin mit 93,5 Prozent und Friseurin mit 89,9 Prozent. Besonders häufig wählen Frauen auch Berufe wie Goldschmied (76,4 Prozent), Augenoptiker (76,2 Prozent), Fotograf (72,9 Prozent) und Konditor (64,4 Prozent). Mittlerweile beweisen weibliche Lehrlinge in eher von Männern dominierten Gewerken ihre Fähigkeiten: Immerhin 50,4 Prozent der angehenden Raumausstatter und 35,7 Prozent der Orthopädieschuhmacher sind 2008 weiblich. Meister vergeben einen beachtlichen Teil ihrer Lehrstellen im Maler- und Lackiererhandwerk (11,9 Prozent) sowie im Schornsteinfegerhandwerk (11,8 Prozent) an weibliche Bewerber.
Viele junge Frauen entscheiden sich immer noch für die Berufsklassiker Friseurin und Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk. Das bestätigt Holger Schwannecke. Der Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks macht eine weiteren Trend aus: Immer mehr Frauen entschieden sich in den vergangenen Jahren für gewerblich-technische Handwerksberufe.
Zu diesen Ausnahmen zählt auch Bianca Fattler, die ihren Weg ins Metallhandwerk über Umwege fand. 1996 startet Sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und betreut dann Patienten im Kreisklinikum Schwarzwald-Baar in Donaueschingen. Doch in diesem Beruf wird sie nicht glücklich: „Irgendwann stellte ich mir die Frage: Willst du das wirklich 40 Jahre lang machen?“ Nein. Sie will gestalten und etwas mit ihren Händen schaffen. Also entscheidet sich Fattler 2001 für eine Lehre als Metallgestalterin im elterlichen Fachbetrieb. Dort schmiedet sie Metall und schweißt aus den Einzelteilen Werkstücke nach Kundenwünschen. Die schweren Materialien bewegt die junge Frau mit den passenden Hilfsmitteln in der modernen Werkstatt ohne Probleme. Mit dem Spaß an der Arbeit kommt der Erfolg. 2004 schafft sie ihre Gesellenprüfung mit Anerkennung und gewinnt den Preis als 2. Landessiegerin Metallbauer FR Metallgestaltung „Die Gute Form“, Handwerker gestalten.
Die Türen zum beruflichen Aufstieg stehen für Handwerkerinnen offen. Jeder vierte erfolgreiche Meisterprüfling 2008 war eine Frau. 1991 war lediglich jeder zehnte neue Meister weiblich. In den Jahren zwischen 2002 und 2008 stieg der Prozentsatz erfolgreicher Prüfungsabsolventinnen um 5,7 Prozent von 14,4 auf 20,1 Prozent.
Für eine Fortbildung entscheidet sich auch Bianca Fattler. Um neben den handwerklichen Herausforderungen auch die Betriebswirtschaft im Griff zu haben, bildet sie sich 2007 zur Managementassistentin fort und macht ein Jahr später ihren Meister. Die Reaktion der Kunden auf einen weiblichen Metallbaumeister sind gemischt. „Vor allem ältere Menschen haben noch immer das Bild vom starken männlichen Schmied im Kopf“, sagt Fattler. Die jüngere Generation begegnet ihr offener.
In der kreativen Arbeit sieht sie die Stärken von Handwerkerinnen: „Wir Frauen haben einen anderen Blick auf die Dinge, setzen andere Materialien und andere Farben ein. Gerade bei filigranen Werkstücken und sehr ausgefallenen Kundenwünschen zahlt sich das aus.“ Auch das Betriebsklima ist nach ihrer Erfahrung besser, wenn weibliche Kollegen im Team sind.
Die Leistung zählt
Weiblicher Nachwuchs ist in ihrem Handwerk schwer zu finden, räumt die Metallbauerin ein. Von ihren bisherigen Praktikantinnen konnte Fattler noch keine für eine Ausbildung gewinnen. Die Mädels können sich bei Fattler-Design aber gerne ausprobieren und testen, ob der Beruf zu ihnen passt. „Angst um seine Hände darf man als Metallbauerin aber nicht haben“, sagt die Unternehmerin und schmunzelt.
Die Chancen für weibliche Lehrlinge stehen gut. Viele freie Stellen können schon jetzt nicht mehr besetzt werden. Gerade Betriebe mit technischem Hintergrund müssen in den kommenden Jahren verstärkt um Frauen werben. Als Beispiel nennt Schwannecke das Kraftfahrzeughandwerk: „Die Branche bemüht sich schon seit einigen Jahren verstärkt um weibliche Auszubildende und schreibt einen Wettbewerb der besten Kraftfahrzeugmechatronikerin aus.“
Betriebsinhabern rät Schwannecke, auf weibliche Kompetenz zu setzen. Frauen, die sich für ein technisches Handwerk bewerben, sind nach seiner Erfahrung besonders motiviert und suchen ganz bewusst eine Herausforderung. Warum sollten klassische Männergewerke also nicht auf Frauen setzen? Schließlich zählt die Leistung und nicht das Geschlecht.