Die Elfenbeinschnitzerei von Jürgen Schott erlebte zum Mauerfall die schwierigste Zeit
Von Frank Muck

Zur Wende kam das Mammut
Die schwierigste geschäftliche Zeit begann für Jürgen Schott Ende der 80er Jahre. Das Material, mit dem der Elfenbeinschnitzer aus Erbach im Odenwald arbeitete, war geächtet. Der gesamte Handel kam 1989 mit der Aufnahme der Elefanten ins Washintoner Artenschutzabkommen so gut wie zum Erliegen und von vermeintlichen Kunden oder Passanten musste er sich schon mal als Elefantenmörder beschimpfen lassen. Von ein paar konjunkturellen Tiefs abgesehen, war Schmuck aus Elfenbein bis dahin durchaus beliebt gewesen.
In Erbach, der Hochburg des Elfenbeinschnitzens, hatte sein Vater Hermann 1949 die Werkstatt gegründet. Nachfrage für Schnitzereien kam zumeist durch die Amerikaner, die in der Gegend und vor allem in Heidelberg nach dem Krieg stationiert waren. Deren Ansprüche stiegen nach und nach, so dass sich Hermann Schott zunehmend auf das Material Elfenbein spezialisierte. Graf Franz zu Erbach-Erbach hatte 1783 die Verarbeitung von Elfenbein seinen Landsleuten aus Italien mitgebracht. Schnitzer war schon vorher im Odenwald ein gängiges Berufsbild. Zwischen 1900 und 1920 seien allein in Erbach 1.500 Menschen mit den Elfenbeinprodukten beschäftigt gewesen, erzählt Schott.
Nachdem der Elefant unter Artenschutz gestellt worden war, stand der Handel sowohl mit Elefanten als auch mit deren Produkten unter Strafe. Schott hatte zwar schon vorher alle Nachweise erbracht, dass er nur Elfenbein aus Altbeständen eingeführt hatte, doch das Produkt war nicht mehr vermittelbar. Noch in der gleichen Woche besuchte Jürgen Schott mit seiner Elfenbeinschnitzerinnung St. Petersburg, um eine Tonne über 10.000 Jahre altes Mammut-Elfenbein einzukaufen.
Dennoch, der Wechsel auf ein unverdächtiges Material half erst nach und nach, das Geschäft auf einen rentablen Kurs zu zurückzuführen. 48 Mitarbeiter musste Vater Hermann Schott damals entlassen. Er verkaufte schließlich die Firma. Sohn Jürgen trat mit einem neuen Unternehmen unter gleichem Namen und einem Mitarbeiter trotzdem die Nachfolge an. So war das Wendejahr 1989 für Jürgen Schott kein reines Jahr der Freude. Schließlich verlor sein Unternehmen seine Lebensgrundlage. Allerdings öffnete sich mit dem Mauerfall auch ein neuer Markt. In Ostdeutschland bestand auch bei Elfenbeinschmuck ein großer Nachholbedarf.
Das Mammut als Lieferant des Rohmaterials hat sich inzwischen etabliert. Doch die Hochburg Erbach existiert nicht mehr. Dort sei er mittlerweile der Einzige, sagt Schott. In ganz Deutschland gebe es inzwischen nicht mal mehr zehn Unternehmen, die vom Elfenbeinschnitzen leben könnten. Schott: „Wir sind Einzelkämpfer.“ Mit dem Geschäftsverlauf seines Unternehmens ist er allerdings zufrieden. In vier Filialen arbeiten 15 Mitarbeiter an den Mammutkreationen und die Aussichten sieht der Unternehmer recht positiv. Die Produkte sollen weiter entwickelt und so neue Kunden begeistert werden. Bis er sich an das neue Material gewöhnt hatte, hat es jedoch einige Zeit gedauert. „Ich habe fünf Jahre gebraucht“, sagt Schott. Das bis dato im Eis eingeschlossene Elfenbein sei sehr stark verwittert und gerissen gewesen, so dass die Produkte – hauptsächlich Schmuck – jetzt stärker mit Verfärbungen von Mineralien durchsetzt sind. Auch die Kunden hatten gegenüber dem Material am Anfang Vorbehalte. So musste sich Schott die Frage gefallen lassen, ob jetzt auch noch die Mammuts geschossen würden.