Psychische Probleme in der Ausbildung "Nicht wegsehen, nicht abtun, aktiv ins Gespräch gehen"

Nur eine schwierige Phase oder schon ein psychisches Problem? Jeder zweite Auszubildende fühlt sich psychisch belastet. Uljana Bauer hat an der Handwerkskammer Unterfranken einen Lehrgang entwickelt, der Ausbildern hilft, mit der Situation besser umzugehen. Im Interview erklärt sie, wie Ausbilder richtig reagieren, und was zu tun ist, wenn es ernst wird.

Uljana BauerStellvertretende Leiterin Bildungszentrum Schweinfurt
Uljana Bauer hat einen Lehrgang entwickelt, in dem Handwerker lernen, wie sie mit Konzentrationsproblemen, Lernschwierigkeiten, auffälligem Verhalten oder Rückzug ihrer Auszubildenden umgehen. - © Foto: Isabel Heine Fotografie

DHZ: Frau Bauer, Sie halten regelmäßig Lehrgänge zu psychischen Belastungen von Auszubildenden. Warum ist das nötig?

Uljana Bauer: Auszubildende kommen mit verschiedenen Schwierigkeiten in die Ausbildung. Ausbildern in den Betrieben und in der Kammer fehlt oft das Wissen, wie sie damit umgehen können. Ich habe deswegen ein Konzept erstellt, das ihnen zeigt, was sie konkret tun können, wo ihre Kompetenzen anfangen und auch, wo sie aufhören.

Mit welchen Problemen werden Betriebe denn konfrontiert?

Am häufigsten mit ADHS und Ängsten, vor allem Prüfungsängsten. Aktuell steigen die Diagnosen im Bereich Depressionen und ich musste auch schon bei Fällen von Autismus unterstützen. Im Seminar klären wir zunächst, was eigentlich psychisch gesund ist, was man unter einer Einschränkung versteht, unter einer konkreten Störung, Neurodivergenz oder auch Behinderung.

Eigentlich wollen die Betriebe ja nur ausbilden und nicht Sozialarbeiter spielen...

Immer wieder sagen Teilnehmende, sie seien nur für die technische Unterweisung zuständig. Aber es kommt ja immer der ganze Mensch in die Ausbildung, das lässt sich nicht trennen! Im Lauf des zweitägigen Seminars stellen einige dann fest, dass sie in der Vergangenheit schon betroffene Azubis hatten, ohne dass sie es wussten. Manche erkennen dann im Nachhinein ihre Fehler, andere sehen, dass sie intuitiv vieles richtig gemacht haben. Durch den Lehrgang bekommen sie in diesen Dingen Sicherheit.

Woran erkenne ich Störungen?

Es gibt keine Checkliste, die unterscheiden könnte, was nur eine schwierige Phase ist und was bereits ein psychisches Problem. Es kommt immer auf den Gesamtkontext an und darauf, wie sensibel man ist, um etwas wahrzunehmen. Nur, wenn sich ein Auszubildender im Betrieb als Mensch gesehen und verstanden fühlt, kann er sich auch öffnen, wir sprechen von psychologischer Sicherheit. Übrigens ist das ist ein Geben und Nehmen. Wer sich wertgeschätzt und gesehen fühlt, hat auch viel mehr Lust, das zu leisten, was in einer Ausbildung erwartet wird.

Ist den Betroffenen selber klar, dass sie möglicherweise ein psychisches Problem haben?

Tatsächlich ist es den jungen Menschen eher klar als der älteren Generation. In der jüngeren Generation ist das Thema Psyche enttabuisiert, es wird darüber gesprochen. Früher blieb das oft hinter Langzeitkrankschreibungen oder Berufsunfähigkeit versteckt.

Andererseits gibt es Krankheiten wie Depressionen, wo sozialer Rückzug ein Symptom ist. Wie gehen Ausbilder damit um?

Wenn sich jemand immer mehr zurückzieht, öfter zu spät kommt oder gar nicht auftaucht, kann man ein Gespräch anbieten, zum Beispiel: "Ich sehe, es hat sich was verändert, ich hab das Gefühl, dir geht‘s vielleicht nicht so gut, wie siehst du das?" Vielleicht ist das genau der Punkt, den der Auszubildende braucht. Es gibt Gesprächsleitfäden, die man sich dafür aneignen kann.

Was, wenn man den Verdacht hat, der Azubi könnte sich etwas antun?

Wenn jemand Suizidgedanken äußert, dann heißt es: nicht wegsehen, nicht abtun, aktiv ins Gespräch gehen, Dinge benennen, Hilfe anbieten oder Hilfe holen. Viele befürchten, sie könnten den anderen damit überhaupt erst auf solche Ideen bringen. Aber meistens ist das Ansprechen ein entscheidender Lösungsweg. Es gibt eine Art Erste-Hilfe-Leitfaden bei suizidalen Gedanken. Droht akute Lebensgefahr, wählt man immer die 112.

Und wenn sich jemand davon überfordert fühlt?

Bevor wir im Seminar starten, frage ich immer die Kraftreserven der Teilnehmer in Bezug auf bestimmte psychische Themen ab, am Ende des Seminars wieder. So erkennen die Teilnehmer selbst, ob sie genügend Reserven haben, um in bestimmte Gespräche zu gehen. Oft entsteht die Angst aus dem Gefühl, nicht genug zu wissen. Allein unser Hinweis, dass es gut ist, ins Gespräch zu gehen, hilft dann schon.

Und wenn man merkt, dass einem diese Kraftreserven fehlen?

Der erste Schritt ist immer die Selbstreflexion: Was sehe ich da gerade und wie gehe ich damit um? Kann ich und will ich Dinge anpassen? Wenn man es selber nicht kann, dann sollte man jemanden im Betrieb auswählen, der das besser kann, jemand, der sich mit dem Betroffenen gut verträgt zum Beispiel. Ich rate immer, dass sich alle im Betrieb mit diesen Themen auseinandersetzen, am besten präventiv. Die psychologische Sicherheit tut allen gut, manchmal bewirken schon Kleinigkeiten viel und man hat es leichter mit den Auszubildenden. Ist bereits eine Krise entstanden, dann braucht man wahrscheinlich andere Hilfsmaßnahmen oder Lösungsansätze. Denn irgendwo hört die Kompetenz der Ausbildenden auf, dann müssen sie auf externe Hilfestellen verweisen.

An wen wendet man sich dann?

Zusätzlich zu den Ausbildungsberatern der Handwerkskammern gibt es in jeder Region Beratungsstellen, die für Betriebe, Berufsschulen, Lehrpädagogen und Betreuende da sind. Auch online gibt es sehr viele Angebote zu konkreten Störungsbildern.

Beratungsstellen zu psychischen Problemen finden

Für Ausbilder und Betriebe:

Achtung: Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung gilt der Notruf 112 – nicht eine Beratungsnummer.

Beratungsstellen finden Menschen mit psychischen Problemen und deren Umfeld hier:

  • Der "Beratungsführer online" wurde von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung (DAJEB) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellt. Unter Beratungsführer der DAJEB lässt sich nach Ort oder Postleitzahl und Beratungsschwerpunkt suchen.
  • Der örtliche Sozialpsychiatrische Dienst berät Menschen in seelischen Krisen und Personen aus ihrem Umfeld; erreichbar ist er häufig über das Gesundheitsamt. Das zuständige Amt lässt sich per Postleitzahl suchen.
  • Die Nummer gegen Kummer berät Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene anonym und kostenlos unter der Telefonnummer 116 111, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr.
  • Das bundesweite Info-Telefon Depression ist unter der Telefonnummer 0800 33 44 533 erreichbar. Es informiert Betroffene und Angehörige ab 16 Jahren über Erkrankung und Hilfsangebote, ersetzt aber keine Behandlung oder Krisenhilfe.
  • Über 116117.de beziehungsweise die Telefonnummer 116 117 können Betroffene eine psychotherapeutische Sprechstunde suchen; außerhalb der Praxiszeiten hilft die Nummer auch bei dringenden, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden.
  • Die Telefonseelsorge ist unter 116 123 kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar.