Kolumne 6 Wochen Azubi: Läuft er mit – oder lernt er wirklich?

Nach sechs Wochen weiß ein neuer Azubi, wo die Umkleide ist und wer welchen Kaffee trinkt. Aber kennt er die ungeschriebenen Regeln Ihres Betriebs – die, die nirgendwo stehen und trotzdem täglich darüber entscheiden, ob jemand dazugehört? Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg liefert in ihrer DHZ-Kolumne einen ehrlichen Zwischenstand – und konkrete Fragen, mit denen Betriebe jetzt prüfen, ob aus Mitlaufen echte Ausbildung wird.

Wer seinem Azubi vor dem Kundentermin erklärt, was gleich passiert und worauf es ankommt, schafft mehr als guten Willen – er schafft Lernmomente. - © auremar - stock.adobe.com

Für die Auszubildenden, die am 1. September ins Berufsleben starteten, sind die ersten sechs Wochen rum. Der neue Azubi weiß inzwischen, wo die Umkleide ist, wer welchen Kaffee trinkt und wahrscheinlich auch, welches Werkzeug besser nicht ungefragt angefasst wird. Aber weiß er inzwischen auch, wie Ihr Betrieb funktioniert? 

Damit meine ich nicht die Arbeitszeiten, die Pausenregelung oder das Berichtsheft. Es geht um all die Dinge, die nirgendwo stehen und trotzdem jeden Tag darüber entscheiden, ob jemand dazugehört. 

Was bei uns selbstverständlich ist – aber nie erklärt wurde

Machen wir unsere Schuhe sauber, wenn wir von einer matschigen Baustelle zurückkommen? Grüßen wir morgens jeden, wenn wir in den Betrieb kommen? Setzt derjenige neuen Kaffee auf, der die Kanne leer macht? Was erwarten wir beim Kunden? Wie sprechen wir miteinander? Und woran merkt ein neuer Mensch eigentlich, was bei uns selbstverständlich ist? 

Viele dieser Regeln haben wir nie aufgeschrieben. Wir haben sie irgendwann gelernt und denken heute nicht mehr darüber nach. Ein Azubi kennt sie nicht. Die spannendste Frage nach sechs Wochen lautet deshalb: Haben Sie ihm diese Dinge erklärt oder warten Sie darauf, dass er sie irgendwann von allein versteht? Und noch wichtiger: Ist er inzwischen Teil des Teams oder läuft er immer noch irgendwie mit? 

Zuschauen ist noch kein Verstehen

Gerade auf der Baustelle passiert Lernen oft im Vorbeigehen. Der Azubi steigt mit aus dem Auto, trägt Material, schaut zu und soll möglichst viel mitbekommen. 

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Nur: Zuschauen ist noch kein Verstehen. Bevor Sie beim nächsten Kunden aussteigen, könnten Sie zwei Minuten investieren und besprechen:  
Was machen wir gleich? Worauf musst du achten? Warum machen wir es in dieser Reihenfolge? Was ist diesem Kunden besonders wichtig?
 

Und wenn Sie später wieder im Auto sitzen: Was hast du gesehen? Was war heute anders als beim letzten Mal? Warum glaubst du, haben wir an dieser Stelle so entschieden? 

Das dauert keine halbe Stunde, hat aber einen unglaublichen Effekt. Denn genau daraus entstehen Muster. 

Aus einzelnen Handgriffen wird Verständnis für Abläufe

Beim nächsten Kunden erkennt der Azubi vielleicht schon selbst: Ah, darauf achten wir immer. Diese Frage stellen wir am Anfang. Dieses Werkzeug legen wir zuerst bereit. So bereiten wir den Arbeitsplatz vor. So hinterlassen wir ihn wieder. Aus einzelnen Handgriffen wird langsam ein Verständnis für Abläufe. 

Was nach 3 Monaten zählt

Nach drei Monaten muss ein Auszubildender nicht arbeiten wie ein Geselle. Er darf langsam sein. Er darf Fragen haben. Er darf Fehler machen. Ja, das darf er wirklich! 

Aber er sollte Ihren Betrieb mittlerweile lesen können. Nicht, weil er Gedanken lesen kann, sondern weil ihm jemand gezeigt hat, worauf es ankommt. Was bei Ihnen selbstverständlich ist. Welche Regeln keiner aufschreibt und trotzdem jeder befolgt. Wie man sich beim Kunden verhält, im Team miteinander umgeht und woran man merkt: So machen wir das hier. 

Nach drei Monaten sollte daraus langsam Eigenständigkeit entstehen. Der Azubi erkennt wiederkehrende Abläufe, übernimmt erste Aufgaben selbst und beginnt, den nächsten Schritt mitzudenken, bevor jemand ihn ihm zuruft.

Fragen Sie sich deshalb schon heute: Muss ich meinem Azubi dieselben Dinge immer wieder sagen? Falls ja, habe ich sie ihm wirklich erklärt oder ihm bisher nur Anweisungen gegeben? Kann er nachvollziehen, warum wir etwas auf eine bestimmte Art machen? Bekommt er die Chance, Beobachtetes beim nächsten Mal selbst anzuwenden? 

Und gibt es inzwischen Dinge, bei denen ich merke: Das hat er verstanden. Das gehört für ihn schon selbstverständlich dazu. Ausbildung bedeutet nicht, drei Jahre lang jemanden mitlaufen zu lassen und darauf zu hoffen, dass dabei genügend hängen bleibt. Nach sechs Wochen dürfen Sie anfangen zu sehen, ob aus Zuschauen Lernen wird. Und nach drei Monaten sollte aus dem neuen Azubi nach und nach jemand werden, der nicht nur weiß, was Sie tun. Er sollte anfangen zu verstehen, wie Ihr Betrieb tickt. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.