Beim Forum Handwerk und Wirtschaftspolitik in Frankfurt haben Forscher aktuelle Daten zu den drängendsten Problemen der Branche vorgelegt – von der Betriebsnachfolge über die Digitalisierung bis zur Frage, warum Handwerker im Katastrophenfall oft schneller helfen als der Staat.

Das ifh Göttingen (Institut für Handwerkswirtschaft) hat sein traditionsreiches Volkswirte-Forum zum 30. Jubiläum neu ausgerichtet. Bei der Premiere des veränderten Formats in Frankfurt diskutierten Forscher und Praktiker über Fachkräftemangel, Strukturwandel und die Frage, warum das Handwerk in Krisen oft besser funktioniert als der Staat.
Am 22. und 23. September 2026 fand das erstmals unter dem Namen "Forum Handwerk und Wirtschaftspolitik" laufende Treffen in den Räumen der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main statt. Daran nahmen fast 50 Vertreter aus Forschung, Handwerksorganisationen und Wirtschaftspolitik teil – ein spürbarer Zuwachs gegenüber den Vorjahren. Statt längerer Einzelvorträge setzten die Veranstalter erstmals auf kurze Impulsvorträge in thematischen Panels mit anschließender Diskussion.
Zur Begrüßung würdigte Dr. Christof Riess, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, das Format: Es sei wichtig, große Linien aufzuzeigen und Einordnungen zu geben in einer fragilen Weltlage. "Resilienz beschäftigt uns zunehmend, und ich rede nicht nur vom Militär". Prof. Dr. Kilian Bizer, Leiter des Instituts, eröffnete den fachlichen Teil mit einem Überblick über aktuelle Forschungsschwerpunkte des ifh Göttingen.
Frauen im Handwerk - wenig Fortschritt
Dr. Leonie Reher vom ifh Göttingen zeichnete im ersten Panel ein ernüchterndes Bild der Lage von Frauen im Handwerk. "Junge Frauen bevorzugen weiterhin das Studium", so Reher. Der Ausbildungsanteil liegt demnach bei 17,3 Prozent, die Beschäftigungsquote bei 27,9 Prozent. Mehr als 70 Prozent der im Handwerk ausgebildeten Frauen verlassen die Branche im späteren Erwerbsleben wieder. Das Interesse junger Frauen an einer handwerklichen Ausbildung konzentriert sich laut der Untersuchung auf wenige Berufe wie Friseurhandwerk, Kosmetik sowie Back- und Konditoreiwarenherstellung. Gleichzeitig weisen weibliche Auszubildende eine überproportional hohe Quote an Vertragslösungen auf – besonders in männerdominierten Berufen. "Technische Handwerksberufe bleiben unbeliebt."
Positiv: Der Anteil von Handwerksunternehmen mit weiblicher Beteiligung an der Führung stieg laut ifh Göttingen bis 2024 kontinuierlich auf 24,9 Prozent. In Bau-, Ausbau- und Kfz-Gewerken bleibt er allerdings verschwindend gering. Die Zahl bestandener Meisterinnenprüfungen ist rückläufig; über die Hälfte der Absolventinnen konzentriert sich auf die Berufe Friseur, Augenoptiker und Hörakustiker. Als Hebel für eine bessere Gewinnung und Bindung nannte Reher unter anderem weibliche Vorbilder, klischeefreie Berufsorientierung, gezielte Gründungsberatung und die Möglichkeit, Führungsverantwortung in Teilzeit zu übernehmen.
Was handwerkliche Arbeit von der Industrie unterscheidet
Dr. Jörg Thomä untersuchte auf Grundlage der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2024, ob sich eine eigenständige Arbeitslogik des Handwerks noch nachweisen lässt. Sein Befund: Klassische Strukturmerkmale wie Betriebsgröße oder Technologieeinsatz grenzen Handwerk und Industrie kaum noch voneinander ab. Aus Sicht der Beschäftigten selbst gibt es jedoch weiterhin klare Unterschiede. Handwerker bestimmen demnach ihre Arbeitsweise häufiger selbst, tragen mehr Eigenverantwortung und haben deutlich mehr direkten Kundenkontakt als Industriebeschäftigte. Die Tätigkeitsprofile im Handwerk sind vielfältiger und umfassen häufiger den gesamten Arbeitsprozess.
Auffällig: Trotz geringerer Zufriedenheit mit dem Einkommen ist die allgemeine Arbeitszufriedenheit im Handwerk laut der Befragung hoch. "Viele Handwerker haben das Gefühl, dass die eigene Arbeit wichtig ist." Thomä führt das auf ein ausgeprägtes Sinn- und Kompetenzerleben sowie ein gutes Betriebsklima zurück. Die "Eigenlogik" des Handwerks liege im Zusammenspiel von körpergebundenem Können, ganzheitlichen Aufgaben, Selbstbestimmung und sozialer Einbettung. "Am Arbeitsplatz fühlen sie sich als Teil einer Gemeinschaft."
Chancen und Grenzen in der Kreislaufwirtschaft
Für das deutsche Handwerk ordnete Sandra Chamier-Gliszczynski das seit 31. Juli 2026 geltende Recht auf Reparatur ein. Es macht laut der Forscherin Reparierbarkeit zur üblichen Beschaffenheit einer Ware, verlängert die Gewährleistung bei Reparatur um zwölf Monate und verbietet reparaturbehindernde Hard- und Software. Hersteller bestimmter Produktgruppen wie Waschmaschinen, Kühlgeräte und Smartphones haben demnach langjährige Reparaturpflichten und können Reparaturen an Handwerksbetriebe vergeben. Das eröffne neue Geschäftsfelder. Grenzen sieht das ifh Göttingen in der Förderabhängigkeit vieler Kreislaufwirtschaftsmodelle, der Preissensibilität der Nachfrage und möglicher subventionierter Konkurrenz etwa durch soziale Werkstätten.
Mietrecht bremst energetische Sanierung
Dr. Leo Reutter vom ifh Göttingen befasste sich mit dem sogenannten Vermieter-Mieter-Dilemma bei energetischen Sanierungen. Wohngebäude verursachen laut seiner Untersuchung rund zwölf Prozent der deutschen CO2-Emissionen pro Jahr, und die Werte sinken kaum. In Deutschland wohnen 53,5 Prozent der Bevölkerung zur Miete – im EU-Durchschnitt sind es nur 30,9 Prozent. Vermietete Gebäude sind dabei energetisch schlechter als selbstgenutzte.
Das Problem laut Reutter: Das geltende Mietrecht lastet die Heizkosten einseitig dem Mieter an, sodass der Vermieter keinen finanziellen Anreiz zur Sanierung hat. Eine Simulation von fünf Beispielgebäuden mit jeweils drei Modernisierungsvarianten über 20 Jahre ergab: Mit der aktuellen Modernisierungsumlage nach Paragraf 559 BGB ist kein einziges der 15 Projekte für Vermieter wirtschaftlich tragfähig. Mit einer einsparabhängigen Modernisierungsumlage, die sich an der tatsächlichen Energieeinsparung orientiert, wären es dagegen zehn von 15 Projekten. Reutter empfiehlt deshalb eine Reform, die sich laut seiner Analyse mit kleinen Änderungen an BGB und Betriebskostenverordnung umsetzen ließe. Für Handwerksbetriebe, die von energetischen Sanierungen leben, wäre das ein unmittelbarer Auftragsimpuls.
Neue Datenbasis für das Handwerk
Dr. Harm Alhusen vom ifh Göttingen stellte zwei Bausteine einer modernisierten Dateninfrastruktur vor: ein jährliches Handwerkspanel und ein Datenportal. Ausgangspunkt ist das Problem, dass Handwerksdaten bislang an verschiedenen Stellen liegen – in Lehrlingsrollen, ZDH-Statistiken, Handwerksrollen und der Handwerkszählung – und schwer zugänglich sind.
Erste Ergebnisse des Projekts BeHaFiL, das auf rund 1,14 Millionen Ausbildungsverträgen aus 23 Handwerkskammern basiert, lieferten bereits konkrete Befunde: Der Frauenanteil unter Auszubildenden sank von 25 auf 19 Prozent, zu 78 Prozent verursacht durch einen Struktureffekt – die Gewerkegruppen mit niedrigem Frauenanteil wie Bau, Ausbau und Kfz wachsen stärker. Die Pendeldistanz vom Wohnort zum Ausbildungsbetrieb liegt seit zehn Jahren stabil bei rund neun Kilometern im Median, in sehr ländlichen Räumen allerdings bei 14,3 Kilometern. Berufsschulen sind vielerorts nah erreichbar, doch in dünn besiedelten Gebieten bestehen Engpässe – ein bundesweites amtliches Berufsschulverzeichnis existiert laut Alhusen nicht.
Dr. Petrik Runst und Philipp Gödde ergänzten die Datenperspektive mit einem Forschungsprojekt zur regionalen Verteilung handwerklicher Berufsbildungsstandorte und deren Auswirkung auf die Fachkräfteentwicklung, insbesondere in ländlichen Räumen. Das geplante Handwerkspanel soll jährlich dieselben Betriebe befragen und über ein Datenportal unter www.handwerksdaten.de Handwerkszahlen für Kammern, Politik, Medien und Forschung leichter auffindbar und nutzbar machen.
Handwerk holt bei der Digitalisierung auf
Einen Gastvortrag hielt Dr. Vivien Lo von KfW Research zum Thema "Digitalisierung im Mittelstand". Laut der KfW-Studie sind die Digitalisierungsaktivitäten im Mittelstand langfristig gestiegen, aktuell aber schwächer dynamisch und stark auf größere Unternehmen konzentriert. Handwerksbetriebe holen bei abgeschlossenen Digitalisierungsprojekten zwar auf, setzen aber alle Projektarten seltener um als andere mittelständische Betriebe.
Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz steigt laut KfW Research rasant an, wobei einfache und breit nutzbare Anwendungen im Vordergrund stehen. Handwerksbetriebe nutzen KI allerdings auch unter Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren seltener als der übrige Mittelstand. Unternehmen mit höherem Digitalisierungsgrad erzielen laut der Studie nachweislich eine höhere Produktivität, Rendite und ein stärkeres Umsatzwachstum. Zu den größten Hemmnissen zählen fehlendes Know-how, Datenschutzbedenken und Finanzierungshürden. Besonders digitalisierende Handwerksbetriebe leiden demnach massiv unter Stellenbesetzungsproblemen infolge von Fachkräftemangel. Die Finanzierung erfolgt meist intern, da der geringe Anteil materieller Investitionen klassische Bankkredite erschwert.
125.000 Betriebe suchen Nachfolger
Am zweiten Veranstaltungstag begann die inzwischen etablierte "Aktuelle Stunde", in der die Teilnehmer eigene Themen einbrachten – unter anderem die Entwicklung der Ausbildungsstätten. Diskutiert wurde auch über die Qualität der Ausbildung. Mit Sorge sehen einige Praktiker aus den Kammern, dass sich immer mehr Kleinbetriebe aus der Ausbildung zurückziehen. Kritisch bewertet wurde die bürokratische Belastung in Deutschland. Der kleinteilige Bürokratieabbau sei gescheitert, stellte ein Teilnehmer fest. Es herrsche praktisch Stillstand. Das konsensorientierte Modell, mit dem Deutschland über Jahrzehnte seine Probleme gelöst habe, komme an sein Ende.
Im abschließenden Panel richtete Dr. Lukas Meub vom ifh Göttingen den Blick auf den demografischen Wandel als Treiber des Strukturwandels. In den kommenden zehn Jahren steht laut seinen Zahlen bei rund 125.000 Handwerksbetrieben die Nachfolge an. Neugründungen können diese Lücke nicht füllen. Technologiegetriebene Start-ups drängen mit standardisierten Lösungen, schnellen Quereinsteiger-Qualifikationen und hoher Arbeitgeberattraktivität in den Markt. Gleichzeitig nutzen Private-Equity-Investoren den Nachfolgebedarf, um kleine Betriebe zu größeren Einheiten zu bündeln.
Für inhabergeführte Betriebe sieht Meub dennoch gute Zukunftsaussichten – vorausgesetzt, sie investieren gezielt in neue Technologien und ihre Attraktivität als Arbeitgeber. Die Handwerksorganisation müsse ihrerseits Ausbildung und Meisterqualifikation an komplexere Betriebsstrukturen anpassen und neue Akteure integrieren.
Lehren aus dem Ahrtal
Prof. Dr. Till Proeger thematisierte die Rolle des Handwerks im Bevölkerungsschutz. Das Handwerk stütze fast alle kritischen Infrastruktursektoren, sei im staatlichen Krisenmanagement aber ein blinder Fleck: Es fehle an Lagebildern, festen Ansprechpartnern und rechtlicher Absicherung für handwerkliche Nothilfe. Am Beispiel der Flutkatastrophe im Ahrtal zeigte Proeger, wie informelle, vertrauensbasierte Netzwerke die blockierten behördlichen Zuständigkeiten ersetzten.
Als Leitprinzip empfiehlt das ifh Göttingen eine "vorbereitete Informalität": bestehende handwerkliche Strukturen und Schnittstellen stärken, statt das Handeln im Ernstfall zusätzlich zu verregeln. Proeger machte aber auch deutlich, dass der Aufbau von Resilienz Wohlstand koste und eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über die Verteilung dieser Kosten nötig sei. Soziale Kohärenz und Vertrauen seien die wichtigsten Ressourcen für regionale Krisenfestigkeit – beides werde durch Demografie und Individualisierung zunehmend bedroht. Das Handwerk müsse seine tragende Rolle für die gesamtstaatliche Sicherheit selbstbewusster nach außen kommunizieren.
Neues Format mit positiver Resonanz
Die hohe Beteiligung und die intensiven Diskussionen in den vier Panels bestätigten laut ifh Göttingen die Richtung des weiterentwickelten Formats. Die Kombination aus kurzen wissenschaftlichen Impulsen, mehr Raum für Diskussion und dem direkten Austausch zwischen Forschung und Handwerksorganisationen soll auch künftig den Charakter des Forums prägen.
Die beim Forum vorgestellten Studien sind hier zu finden.
