Berichte über einzelne Barbershops – Stichwort fehlende Qualifikation und Hygienemängel – belasten die ganze Szene, sagt Friseurmeister Ingmar Schettler. Er selbst hat den Boom früh erkannt, drei Standorte aufgebaut und elf Mitarbeitende eingestellt. Und würde sich heute lieber "klassischer Herrenfriseur" nennen. Was seinen Betrieb trägt – und was er für unverzichtbar hält.

Haareschneiden hat Ingmar Schettler schon als Jugendlichem Spaß gemacht. Auf dem Fußballplatz verpasste er seinen Mannschaftskollegen neue Frisuren, auch in der Familie legte er Hand an. Als mit 17 Jahren die Schule für ihn keine Perspektive mehr bot, war deshalb schnell klar, dass es ein praktischer Beruf werden sollte. Sein Vater brachte es auf den Punkt: "Mein Sohn, du wirst jetzt Friseur", erzählt Schettler lachend.
1997 begann Schettler seine Ausbildung. 2006 folgte die Meisterschule in Konstanz, anschließend zog es den gebürtigen Rostocker nach Freiburg. Fast zehn Jahre arbeitete er bei Francek Friseure und sammelte dort umfangreiche Erfahrung. Dann kam der Barbershop-Boom. "2015 begann der Barber-Hype", erinnert sich Schettler. Während eines Urlaubs in Italien besuchte er erstmals selbst einen Barbershop – und war sofort begeistert. "Das ist unglaublich – das will ich auch", sagte er anschließend zu seiner Frau. Ende 2015 beziehungsweise Anfang 2016 eröffnete er seinen ersten eigenen kleinen Salon in Freiburg. "Klein anfangen, war die Devise", sagt Schettler. Der Betrieb entwickelte sich schnell: Aus dem Ein-Mann-Betrieb wurde ein Unternehmen mit heute elf Mitarbeitenden. Neben zwei gegenüberliegenden Salons in Freiburg betreibt Schettler einen Exklusivsalon in Ihringen.
Mehr als Haarschnitt und Bart
Was macht einen guten Herrenfriseur aus? Für Schettler sind es vor allem handwerkliche Expertise und Atmosphäre. Dabei sieht er den Begriff Barbershop inzwischen durchaus kritisch. "Wenn ich nochmal anfangen würde, würde ich mich bzw. meinen Laden nicht mehr Barbershop schimpfen‘ wollen. Ich wäre ganz klassischer Herrenfriseur." Denn hinter einem guten Haarschnitt oder einer klassischen Rasur steckt für ihn vor allem eines: solides Handwerk. "Wenn man das Haareschneiden von der Pike auf gelernt hat, ist man super gerüstet", sagt der Friseurmeister.
Zur Qualität gehört für Schettler aber nicht nur die eigentliche Dienstleistung. Der Kunde soll sich von Anfang an gut aufgehoben fühlen – vom persönlichen Empfang über das Beratungsgespräch bis zur Verabschiedung. "Sich Namen der Kunden zu merken ist wichtig. Eine persönliche Ansprache ist Gold wert." Viele Kunden kämen bewusster und regelmäßiger zum Friseur. Die Atmosphäre spiele dabei eine große Rolle. "Viele haben das Gefühl, nach Hause zu kommen." Über die Jahre seien mit Kunden teilweise sogar freundschaftliche Beziehungen entstanden.
Meisterbrief macht Sinn
In der aktuellen Diskussion über Barbershops und die Qualifikation ihrer Betreiber sieht Schettler seinen eigenen Betrieb klar positioniert. "Bei mir ist es, wie es sein sollte – Meisterbrief und meine Leute sind alle korrekt angemeldet." Der Meisterbrief habe für ihn einen hohen Stellenwert. Wer sich selbstständig mache, müsse schließlich nicht nur Haare schneiden können, sondern auch einen Betrieb führen. Auch bei den handwerksrechtlichen Vorgaben sieht er keinen unnötigen Ballast: "Das macht schon Sinn." Besonders wichtig sei für einen professionellen Betrieb zudem die Hygiene. Saubere Arbeitsplätze, Desinfektionsmittel und für jeden Kunden eine neue Klinge gehören für Schettler zum Standard. Die aktuellen Berichte über einzelne Barbershops nimmt Schettler zur Kenntnis. Kunden sprächen das Thema durchaus an. "Es ist nicht gut für unsere Branche und negativ behaftet."
Lernen in "Schettlers Klassenzimmer"
Schettler bildet selbst aus und hat bereits mehrere Auszubildende begleitet. "Ausbildung ist wichtig", sagt er. Die dreijährige Ausbildungszeit sieht er allerdings kritisch und würde sich eine Verkürzung auf eineinhalb bis zwei Jahre wünschen. Auch nach der Ausbildung wird weiter gelernt: In "Schettlers Klassenzimmer" werden nach Feierabend neue Trends und Haarschnitte besprochen. Bei neuen Mitarbeitern achtet Schettler neben der handwerklichen Expertise vor allem auf Zuverlässigkeit und Persönlichkeit. Ein Probearbeiten ist für ihn wichtiger als ein Lebenslauf. "In zwei Minuten sehe ich, ob jemand Potenzial hat", sagt der Unternehmer, der seit 30 Jahren im Beruf ist. Gleichzeitig sei er bereit, Menschen eine zweite Chance zu geben.
"Keine KI wird das Handwerk übernehmen"
Der Barbershop selbst ist für Schettler inzwischen kein vorübergehendes Phänomen mehr. "Etabliert. Ist Standard. Gehört zum Bild dazu." Für die Zukunft des Friseurhandwerks ist er ohnehin optimistisch. "Unser Handwerk wird immer überleben. Keine KI wird das übernehmen. Haare wachsen immer." Angst vor der Zukunft hat der Friseurmeister deshalb nicht. Er will sich auf sein Handwerk konzentrieren, seinen Betrieb gut führen und selbst möglichst lange aktiv bleiben. Jungen Menschen, die über eine Ausbildung im Friseurhandwerk nachdenken, würde er den Beruf jederzeit empfehlen: "Es ist ein tolles Handwerk, das gute Möglichkeiten bietet, sich zu entwickeln." Und auch mit einem Vorurteil räumt Schettler auf: "Man kann auch – entgegen dem Vorurteil – gutes Geld verdienen."